Ihre Herkunft ist für Theologen noch beunruhigender als für Zoologen. Aber auch denen haben sie Diabolisches zu bieten. In die Schlangengrube!
Wo kommt die Schlange her? Die "Genesis" kümmert es wenig, die Schlange wird einfach miterschaffen und hat keinen eigenen Namen, in der einen Variante ist sie im "Getier" (1. Mose 1, 20), in der anderen im "Gewürm des Erdbodens" (1. Mose 1, 25). Der unauffällige Auftritt kontrastiert hart damit, dass diese Kreatur den Gläubigen und Theologen das diabolischste aller Probleme stellt, das der Theodizee, der Frage nach der Herkunft des Bösen: Hat der Herr in seiner Allmacht auch es erschaffen - oder hat es sich an einem doch nicht Allmächtigen vorbei in dessen Werk geschlängelt? Gewundener noch: Als die Schlange ihren Auftritt hat - nun bekommt sie einen Charakter, sie ist "listiger als alle Tiere auf dem Felde" (1. Mose 3, 1) -, verführt sie mit etwas, das doppeldeutig und so gespalten ist wie ihre Zunge: Sie bringt nicht einfach das Böse, das gibt es nicht alleine, es kommt nur gemeinsam mit dem Guten, beide zusammen begründen die Moral, die erhält damit selbst etwas Anrüchiges. Bevor die Schlange den Menschen die Augen öffnete, waren sie nicht gut, auch nicht böse, sie lebten jenseits von beidem, im Stande der Unschuld, sexuell wie moralisch, dann erst erkannten sie einander und alles, aber über Tiefenpsychologie ein anderes Mal, die Schlange ist schwierig genug.
Sie taucht wieder auf, als Jahwe die Seinen für irgendetwas abstraft, mit "feurigen Schlangen, die bissen das Volk, dass viele starben" (4. Mose, 21, 6). "Und Mose bat für das Volk. Da sprach der Herr zu Mose: Mache dir eine eherne Schlange und richte sie an einer Stange hoch auf. Wer gebissen ist und sieht sie an, der soll leben." Das Zitat ist deshalb so extensiv, weil die zweite Schlüsselstelle der Bibel - die, in der die Sünde wieder aus der Welt geschafft wird - darauf Bezug nimmt: "Wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muss des Menschen Sohn erhöht werden, auf dass alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben" (Johannes, 3, 14). Erhöht? An einer Stange mit Querbalken! Man muss sie nur anblicken, dann geben sie das Leben, beide, die Schlange an der Stange, Jesus am Kreuz, in mittelalterlichen Kirchen standen sie Seite an Seite, was haben sie miteinander zu schaffen, außer dass sie einander brauchen, das Prinzip des Bösen und das des Guten? Sind sie ineinander verschlungen, stecken sie gar in einer Haut? Und warum riet er den Jüngern, klug zu sein wie die Schlangen (Matthäus, 10, 16)? Man landet rasch in Aporien, die sich winden wie die Nattern.
Wo kommt die Schlange also her? Aus der Erde natürlich, aus den Rissen und Spalten, durch die sie auch wieder hinab gleitet in den Leib der großen Mutter, die einst die Macht hatte. Dann kam Konkurrenz und ertränkte die ersten Kulte im Blut: "Perseus enthauptete Medusa", erklärte der Historiker Robert Ranke Graves: "Das heißt: Die Griechen überrannten die Altäre der Göttinnen." Aber so rasch weichen die und ihre Hüter nicht: Leto, eine Titanin, ist von Zeus schwanger mit Apoll und Artemis. Hera will Rache und beauftragt den Python - die Schlange, die das Orakel der Erdmutter Gaia bewacht -, Leto zu töten. Die entrinnt. Apoll ist kaum geboren, da tötet er den Python, lässt ihn verrotten - griechisch: pythestai - und okkupiert das Orakel. Aber die Schlange weicht immer noch nicht, sie ist zäh, streift neue Häute und Bedeutungen über: Apoll schwängert Koronis, die betrügt ihn, er tötet sie, legt die Leiche aufs Feuer. Im letzten Moment bittet er Hermes, das Kind herauszuholen, der versteht sich auf Chirurgie, der erste Kaiserschnitt gelingt.
Das Kind heißt Asklepios, wird Arzt und Gott der Heilkunde, dem im Traum eine Schlange erscheint, die ihn in die Kunst der Arznei einführt; nach einer anderen Variante erhält er von Athene - die hat zum Beleg ihrer Weisheit immer eine Schlange bei sich - zwei Phiolen mit dem Blut der Medusa, ja, der von Perseus Erschlagenen. Der Inhalt der einen bringt den Tod, der der anderen das Leben, das Gewimmel wird unübersichtlich, rasten wir einen Moment: Der Seitensprung der Koronis wird dem Apoll verpfiffen, von einem weißen Vogel mit prachtvoller Stimme. Der wird bei der Einäscherung der Koronis von der Asche grau und verliert seinen Wohlklang, Corvus corone corone heißt er seitdem, Rabenkrähe.
Aber es gibt kein Atemholen im Ringen der Mächte des Himmels und der Tiefe. Asklepios weckt mit dem Blut der Medusa einen Toten, dafür wird er von Zeus getötet, mit einem Blitz: einer Schlange der Lüfte - genug, die Wendige lässt sich nicht greifen, Leben und Tod, Verführung und Erlösung, Vernunft und Orakel, Moral und Gewalt, Mann und Frau, auch beides zugleich, auf einer indischen Darstellung erigiert eine Schlange direkt aus der Vagina, aber verlieren wir uns wirklich nicht in der Tiefenpsychologie, bleiben wir am Boden.
Im Boden. Dort kommt sie tatsächlich her, das zeigt die Schrift, aus der heute die Mythen gelesen werden, die der Gene. Die körperlichen Eigenheiten der Schlangen - ihr gestreckter Leib, ihre verkümmerten Gliedmaßen, ihre Bewegungsweise - ließen Zoologen im 19. Jahrhundert vermuten, sie seien im Erdboden aus Eidechsen entstanden, die diese Nische für sich entdeckt hatten. Widerspruch kam früh: Sie hätten sich im Wasser entwickelt, aus Mosasauroiden, ausgestorbenen Reptilien mit heute noch lebenden Verwandten. Seitdem geht der Streit, vor fünf Jahren noch löste der Fund eines 95 Millionen Jahren alten Bindeglieds zwischen Schlangen und Eidechsen giftigstes Gezischel in Science aus, man konnte den Ahnherrn in beide Richtungen interpretieren (287, S. 1939, 1343). Nun ist vorerst Ruhe eingekehrt, die Gene zeigen keine Verwandtschaft mit den Erben der Mosasauroiden, sie deuten auf einen Ursprung in der Erde (Biology Letters, 271, S. 226).
Dort blieben sie zunächst auch und nährten sich von kleinem Bodengetier, so wie heute noch die blinden Schleichen. Dann kamen manche heraus, verfeinerten ihre Sinne - hören können sie aller Schlangenbeschwörerei zum Trotz nicht, sehen auf kurze Distanz, zentral ist der Geruch, der unten in der Zunge sitzt -, legten Gewicht an und gingen auf immer größere Beute, mit roher Kraft, sie stürzten sich darauf, sie erdrückten, sie waren Konstriktoren. Und sie wuchsen: Eine Boa bringt es auf neun Meter, ein Tigerpython auf 6,5 Meter und 100 Kilo. "Aber die Jungen wiegen nur 0,1 bis 1.0 Kilo, konsumieren Ratten und Mäuse, sind beliebte Haustiere, werden kommerziell gezüchtet und haben als Versuchstiere noch andere Tugenden, die wir beschreiben werden", beruhigten 1998 der Zoologe Stephen Secor und der Physiologe Jared Diamond (Nature, 395, S. 659). Die Haupttugend dieser Schlange ist ihre Geduld, sie jagt nicht sehr aktiv, wartet, bis etwas kommt, das kann dauern, über ein Jahr. Schlägt sie zu, kann die Beute anderthalb Mal so groß sein wie sie selbst, sie wird in einem Stück hinabgewürgt, Schlangen können nichts zerbeißen, aber ihre frei hängenden Kiefer lassen viel durch, beim ausgewachsenen Python auch schon einmal ein Wildschwein oder einen Menschen.
So ein Brocken will verdaut sein, der Reihe nach, erst der Kopf, dann die Schultern, nach sechs Tagen ist alles durch. So geht es wenigstens bei den Pythons, die Secor mit Ratten versorgte und vor einen Röntgenschirm setzte. Zudem hatte er an den Ratten Elektroden zur pH-Messung befestigt, und an ihnen lange Drähte, aber die Pythons, geduldig auch mit dem Experimentator, ließen sich von dem endlosen Bissen nicht irritieren, sie hatten anderes zu tun: Nach 18 Stunden wird es im Magen extrem sauer, der pH-Wert rast nach unten, von 7,5 auf 1,5 (Experimental Biology, 206, S. 1621). Zugleich stellt sich der gesamte Körper um, die Organe wachsen, natürlich der Darm, aber auch die Leber und die Niere, alles, was mit dem Verdauen zu tun hat, auch das Herz. Das legt binnen 48 Stunden 40 Prozent Volumen zu, man weiß es schon länger, kann es aber einfach nicht glauben und misst es immer wieder, gerade in Nature (424, S. 37). Nun pumpt es, sieben Mal so viel Sauerstoff wie zuvor, die Stoffwechselrate schnellt um den Faktor 44 nach oben, die Schlange verbraucht beim Verdauen mehr Energie als beim Bewegen, über die Hälfte davon geht in den Magen, aber die Schlange heizt auch, um die Chemie zu beschleunigen, doch, das kann sie. Nur wie sie das alles macht, ist unklar: Sie muss bezahlen, bevor sie etwas bekommt, muss enorm viel Energie investieren, bevor sie die der Beute nutzen kann.
Und warum sie das alles macht, ist auch ein Rätsel, diese Jagdweise - "sit and wait" - ist riskant, Schlangen sind ohnehin nicht rasch, vollgestopft kommen sie kaum vom Fleck, und auch hinter ihnen sind Räuber her. Deshalb haben manche eine besondere Abwehr entwickelt, Speikobras können spucken und Angreifer blenden, aber sie kommen spät in der Evolution. Vor 36 Millionen Jahren spaltete sich von den Konstriktoren ein rascherer und aktiverer Zweig ab, vor 15 Millionen Jahren erfand der die Waffe der Schlangen, das Gift rann zunächst aus Zähnen hinten im Schlund. Vor zehn Millionen Jahren dann waren sie da, die Vipern, auch "Solenoglyphen" genannt, nach ihren röhrenförmigen Zähnen, die am Ende so lang sind, dass ihre Träger das Maul nicht schließen können, wenn die Zähne ausgefahren sind. Das sind sie nur, wenn es auf Leben und Tod geht, ansonsten haben die Vipern sie oben in der Mundhöhle verstaut.
Beißen sie zu, kommt wieder das Böse ins Spiel, mit noch einer seiner Listen. "Sie haben eine teuflisch elegante Strategie gefunden", berichtet Bryan Fry (University of Melbourne), der mit Protein-Analysen das alte Problem der Herkunft der Gifte geklärt hat (Genome Research, 15, S. 403). Es gibt 2900 Schlangenarten, ein Fünftel von ihnen hat Gifte, 24 hat Fry analysiert. Eines wurde eigens als Gift erfunden, die anderen haben die Vipern aus Molekülen entwickelt, die in ihren Körpern - und denen anderer Tiere - lebenswichtige Funktionen haben und durch minimale Abwandlungen ihrer Aminosäure-Sequenzen tödlich werden. Manche lähmen die Muskeln, sie sind Modifikationen von Neurotransmittern, mit denen Muskelbewegungen kontrolliert werden; andere stammen von Proteinen, die für gewöhnlich den Blutdruck stabil halten - und ihn absacken lassen, wenn sie leicht verändert sind. Vipern nutzen ihren halben Körper als Arsenal, manche Gifte holen sie aus ihrem Herzen, andere aus dem Gehirn, wieder andere aus Blutzellen.
Aber Gift haben andere auch, die Zuckerrohrkröte (Bufo marinus) etwa. 1935 wurde sie in Australien freigesetzt, sie ist schon mancher Schlange im Halse stecken geblieben. Aber der hilft wieder ihre Wendigkeit (Pnas, 101, S. 17150): In den nur 70 Jahren Koevolution haben Australiens Schlangen ihre Gestalt verändert. Manche sind so groß geworden, dass sie die Kröte überleben, andere haben ihren Schlund so verengt, dass sie gar nicht erst in Versuchung geraten.