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Ukraine: 100 Bauarbeiterbrillen für den Kiewer Maidan

Ukraine, Kiew, Protest
IT-Spezialist Pavel Artiuch versorgt die Demonstranten auf dem Maidan – und „kämpft“ für eine „sowjetfreie“ Ukraine.(c) Jutta Sommerbauer
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IT-Spezialist Pawel Artiuch ist der Mann, der den Demonstranten auf dem Unabhängigkeitsplatz in der Hauptstadt Nachschub bringt: ein Blick hinter die Kulissen des Protestlagers in Kiew.

Pawel Artiuch steht nicht in der ersten Reihe. Er erklimmt keine Barrikaden, hält keine Reden, kommandiert keine Wachtrupps. Doch von ihm ist der Bestand des Protestlagers auf dem Kiewer Maidan ebenso abhängig wie von jenen, deren Bilder dem Maidan in den Medien das martialische Image geben. Artiuch – schwarze Funktionskleidung, angesteckes Walkie-Talkie, ein Haarschopf auf dem abrasierten Kopf – ist hinter den Kulissen aktiv. Er liefert den Nachschub für den Maidan, ohne den dieser nicht weiter existieren könnte.

Der 32-Jährige sitzt in einem Armeezelt am Ende eines der vielen verwinkelten Gässchen des Protestlagers: Hier haben sich Afghanistan-Veteranen zusammengetan. Einst kämpften sie für die Sowjets, nun kämpfen sie für eine „sowjetfreie“ Ukraine. Der Holzofen lodert, im TV laufen die Nachrichten, die hier gemacht werden. Ein paar Männer in Camouflage sitzen um einen Campingtisch, im hinteren Raum ruhen sich drei in voller Montur auf Pritschen aus. Es ist spartanisch, ordentlich. Kämpfen ist vor allem Warten. Artiuch ist für dieses Zelt und ein paar andere Behausungen verantwortlich – als Logistiker.

Sechsmal in der Woche kommt der IT-Spezialist nach dem Ende seiner Büroarbeit zum Maidan. Mit im Gepäck hat er die Bestellungen, die er von den Aktivisten erhalten hat: Schokoriegel, Decken, Winterjacken. Wodka ist nicht darunter, auf dem Maidan sind Alkohol und Drogen verboten. Schmunzelnd erinnert sich Artiuch an eine besonders kuriose Fuhre: Einmal hatte er 100 Bauarbeiterschutzbrillen im Gepäck. Sie schützten am besten vor Tränengasangriffen, sagt er, auch solche Dinge lerne man als Maidan-Logistiker. Artiuch ist auch für ein Spitalzelt verantwortlich: Dass die behandelnden Ärzte ausreichend Medikamente und Verbandszeug haben, kann lebensentscheidend sein.

Einen „Verteidiger des Landes“ nennt er sich – und diese Verteidigung muss wohlorganisiert sein. Zu Beginn der Proteste brachten hilfsbereite Hauptstadtbewohner Massen an Altkleidern. Gewandhaufen türmen sich noch immer in den besetzten Häusern. Doch vieles davon ist nicht zu gebrauchen: zu dünn, ungeeignet für diese Jahreszeit. Mit seinen eigenen Mitteln und mit Spenden bemüht sich Artiuch das zu besorgen, was wirklich benötigt wird. Dabei muss er aufpassen: Wenn Milizionäre sein Auto kontrollieren und darin „heiße Ware“ wie Benzinkanister entdecken, bedeutet das Probleme.
Wie viele hier im Zentrum Kiews schwört der 32-Jährige auf die eigenen Kräfte. Vor zehn Jahren war Artiuch aktiver Mitstreiter der Orangen Revolution. Das bittere Ende, das diese nahm, soll sich nicht wiederholen. „Das Volk vertraut den Politikern nicht mehr. Wir organisieren uns selbst.“

Janukowitsch ist wieder „gesund“

Auf dem von Barrikaden umgebenen Unabhängigkeitsplatz in Kiew versammelten sich unterdessen erneut zehntausende Demonstranten, um gegen die Regierung zu protestieren. Sie bereiteten sich auch auf die „Rückkehr“ von Präsident Viktor Janukowitsch vor: Der erkrankte Staatschef nimmt heute die Amtsgeschäfte wieder auf. Der Präsident sei ärztlich behandelt worden und fühle sich gesund, hieß es. Er hatte sich am Donnerstag krankgemeldet.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.02.2014)