Er ist unser ältestes Organ, er ist unser größtes Organ, aber er ist nicht so einfach "unser" Organ: der Darm. In ihm wird unser Ich, wenn man es mit Feuerbach hält. In ihm verschwimmt unser Ich, dort sind "wir" partiell Bakterien. Lasset uns verdauen!
Menschliche Kost ist die Grundlage menschlicher Bildung und Gesinnung. Wollt ihr das Volk bessern, so gebt ihm statt Deklamationen gegen die Sünde bessere Speisen. Der Mensch ist, was er isst." Wenn man ihn in seinem Zusammenhang liest, den viel verspotteten Satz Ludwig Feuerbachs, dann hat er gesellschaftliche Sprengkraft. Aber der Philosoph meint es auch anthropologisch: Der Mensch ist, wie alles Leben, auf der Ebene seiner grob materiellen Bedürfnisse in die Welt eingebunden, dorthin will Feuerbach, der Religionskritiker, ihn zurückholen - "die neue Weltweisheit macht nicht mehr das Nichts im Kopfe, sondern das Nichts im Magen zu ihrem und der Welt Prinzip" -, aber dort will er ihn nicht belassen, er will beide verfeinern, den Menschen und die Welt: "Ist nicht der Magen selbst des gebildeten Menschen ein anderer als der des rohen?"
Die Frage ist so leicht nicht zu verdauen, kauen wir mit Bedacht. "Der durchschnittliche Erwachsene ist - im Wesentlichen - ein zehn Meter langes Rohr, das innen vom Darm ausgekleidet ist", bilanziert Science (307, S. 1895): "Was in ihm alles vor sich geht, ist noch weithin rätselhaft." Fest steht nur, dass der Darm im engeren Sinn - jener Teil des Rohrs, das sich vom Magen bis zum Anus windet - viele Superlative bietet, er ist unser ältestes Organ, eine der ersten Erfindungen der Mehrzeller, er ist unser größtes Organ, bildet mit seinen fingerartigen Ausstülpungen ("Zotten") eine Oberfläche von 400 Quadratmetern. Dabei ist er nur höchst eingeschränkt "unser" Organ, im Darm haust das "Mikrobiom", eine Gemeinschaft von Bakterien, die zwar nur 1,5 Kilo wiegt, aber an Kopfzahl die Zellen unseres Körpers um das Zehnfache übertrifft. Ihre Mitglieder sitzen nicht einfach herum, sie nehmen uns auch nichts weg, sie speisen mit uns am selben Tisch - "kommensal"-, und sie arbeiten für uns, kauen vor, was wir selbst nicht verdauen können, Zellulose etwa.
Wir selbst, wer sind wir selbst? Die Frage knurrt vernehmlich aus den Eingeweiden: Im Darm treffen sich die drei großen "Königreiche des Lebens" - das der Bakterien, das der Archeae, das sind auch Einzeller, und das unserer Zellen -, dort kommunizieren sie. Unsere Zellen wehren pathogene Bakterien ab und machen es freundlichen wohnlich - wie sie sie unterscheiden, ist kaum geklärt -, die revanchieren sich nicht nur mit Futter, sie reden auch mit, modellieren die Architektur des Darms (Nejm, 351, S. 16). Und sie sorgen dafür, dass in uns Gene aktiv werden, die in der Darmwand Blutgefäße wachsen lassen, wenn das Angebot üppig ist, dann kann mehr aufgenommen werden (Pnas, 99, S. 15451). "Wir sind aus mehreren Arten zusammengesetzt, deshalb wäre es nur folgerichtig, wenn im Anschluss an das Humangenom-Projekt die Gene unseres Mikrobioms sequenziert würden", folgert Genetiker Frederick Bäckhed (Washington University, St. Louis) für seine Zunft (Science, 307, S. 1915). Für die Philosophen stellt sich das Problem härter: Was wird aus unserem Ich, wenn im Innersten alle Grenzen verschwimmen und Bakterien in uns hineinregieren?
Da windet sich das Hirn fast wie der Darm, Orientierung bietet einzig das Immunsystem, das auf physiologischer Ebene jene Unterscheidung trifft, die im Bewusstsein das Selbst konstituiert, die zwischen Zugehörigem und Fremdem. Unsere äußere Haut ist dick geschichtet und gegen Eindringlinge gut gerüstet. Aber die innere muss durchlässig sein, sie ist extrem dünn, besteht aus einer einzigen Zelllage, durch die die umgebenden Muskeln im Lauf eines 75-jährigen Lebens 30 Tonnen feste Nahrung und 50.000 Liter Flüssigkeit drücken. Und sie muss wehrhaft sein, im Darm ist das Immunsystem konzentriert. Das kann unterscheiden, was zu uns gehört und was nicht, dafür sorgen seine "Agenten". So nannte der russische Biologe Ilya Mechnikov zunächst, was er in den 1880er-Jahren entdeckte: Fresszellen, die Eindringlinge in den Körper erstens erkennen und sich zweitens über sie hermachen. Später nannte er sie "Phagozyten", heute heißen sie "Leukozyten", es sind die weißen Blutzellen mit ihrem breiten Abwehrarsenal: Mechnikov hat das Immunsystem entdeckt, er erhielt dafür 1908 den Nobelpreis.
Da war er 63, machte sich Gedanken über das Altern und hatte gerade ein Buch über die "Verlängerung des Lebens" publiziert, in dem wieder der Darm die Schlüsselrolle spielt. Das Immunsystem kann nicht alle Attacken abwehren, akut giftige Bakterien wie Cholera kommen durch, der Darm greift zur Ultima Ratio, der blitzartigen Entleerung, die Opfer dörren aus; andere Bakterien lassen sich Zeit, Helicobacter pylori etwa, das die Haut so lange reizt, bis sie mit Magengeschwüren und Krebs reagiert. Das weiß man erst seit 1983, aber schon Mechnikov hegte Verdacht gegen manche Mitglieder der Darmflora: Sie würden den Körper schleichend vergiften und zu früher Senilität führen. Dagegen helfe das Einlöffeln amikaler Bakterien, vor allem die milchfermentierenden im Joghurt könnten der "Verfäulnis der Eingeweide" wehren.
So hat Mechnikov erfunden, was heute die Supermarktregale füllt, die "Probiotika". Die professionelle Medizin zeigte sich weniger beeindruckt, erst seit kurzem experimentiert man mit Darmbakterien, mit gentechnisch modifizierten: Der belgische Molekularbiologe Lothar Steidler hat in Milchbakterien (Lactococcus lactis) das menschliche Gen für Interleukin-10 eingebaut, um Patienten mit chronischer Darmentzündung zu helfen, das ist ein Sammelbegriff für verschiedene Krankheiten, die von einer überschießenden Reaktion des Immunsystems kommen. Die soll durch das IL-10 gedämpft werden, das die Bakterien produzieren. Grundsätzlich funktioniert das, Steidler hat es anno 2000 an Mäusen gezeigt (Science, 289, S. 1352). Aber an Mäusen funktioniert viel, vor zwei Jahre kamen erste Tests an Menschen - sie mussten auch von den Umweltbehörden genehmigt werden, weil gentechnische Organismen freigesetzt werden -, seitdem hat man nichts mehr gehört (Nature Biotechnology, 21, S. 785).
Manche Zeitgenossen Mechnikovs zogen aus seiner Lektüre den gröberen Schluss, man möge das Übel an der Wurzel packen und die Verlängerung des Lebens durch die Verkürzung des Darms erzwingen: Die chronische Vergiftung ließe sich verhindern, wenn man vorsorglich den Dickdarm entferne, in ihm sitzt das Gros der Bakterien. Ob das je durchgeführt wurde, lässt sich nicht mehr klären, aber manche Radikalkur kehrt wieder: 100.000 US-Amerikanern wurde im Jahr 2003 der Darm operativ verkürzt, 15 Millionen weitere erfüllen die Kriterien, unter denen geschnitten wird (Science, 307, S. 1909). Den umgekehrten Weg gehen Physiologen, die das Darmende mit elektrischen Reizen dazu bringen, den schon verdauten Brei wieder zurückzudrücken.
Aber ob man ihn nun mit Stromstößen stopft oder mit dem Skalpell kappt, die Ärzte kommen nicht nach mit der "Epidemie der Fettleibigkeit", so heißt sie offiziell, obgleich es sich um keine Infektionskrankheit handelt, sondern um eine angegessene und angesessene. Der Darm kann nichts dafür, er denkt mit und meldet dem Gehirn, wenn er genug hat, mit all den goldenen Botenstoffen, um die die Pharmaforschung tanzt wie um sonst nichts: Leptin, Ghrelin, Insulin, NPY, PPY, GLP1. Ein Dutzend "Hungerhormone" sind bekannt, ebenso viele signalisieren "satt", und wann immer ein neues kommt, ordert die Börse Champagner. Das Problem liegt nur darin, dass die pharmakologische Stärkung respektive Blockade einzelner Moleküle nichts hilft, weil andere einspringen. Deshalb werden die Experimente immer ausgefeilter: Gerade hat man Probanden vor Suppenteller gesetzt, die durch ein verborgenes Röhrensystem heimlich nachgefüllt wurden - und sie löffelten und löffelten und löffelten, schau an, das Auge isst mit (Obesity Research, 13, S. 93)!
Da mag der Darm melden, was er will, da mag er denken, so viel er will. Denken auch noch? Der vielfältigen Signale wegen, die er sendet, gilt der Darm lange schon als "zweites Gehirn". Das ist natürlich eine Metapher, aber mancher nimmt sie wörtlich, vor allem Michael Gershon, Anatom an der Columbia University, New York, der an ein Experiment aus der Zeit des Ersten Weltkriegs erinnert: "1917 stülpte Ulrich Trendelenburg ein isoliertes Stück Meerschweinchendarm über ein J-förmiges Rohr. In warmer Nährlösung überlebte das gut. Als Trendelenburg Luft in das Rohr pumpte, pumpte der Darm zurück. Das klingt nach einem schrecklich einfachen Experiment, und das ist es auch. Aber es lässt weit reichende Folgerungen zu" (Der kluge Bauch, Goldmann): Soll der Darm zurückpumpen, muss er die Druckerhöhung erst wahrnehmen und dann darauf reagieren - in Trendelenburgs Versuch ist er aber vom Zentralen Nervensystem abgeschnitten. Und doch verarbeiten Nervenzellen darmintern in Befehle an Muskeln, was ihnen von Sensoren gemeldet wird, kein anderes Organ kann das aus eigener Kraft, eine derartige Signalverarbeitung ist die klassische Aufgabe des Zentralen Nervensystems vulgo Gehirns (ja, das Rückenmark gehört auch noch dazu).
Sieht er nicht auch aus wie ein Gehirn, sowohl in seinen großen Faltungen wie auf zellulärer Ebene? Nachdenken wird er nicht wirklich, aber was tut er dann, wenn plötzlich ein Bissen kommt, der größer ist als er selbst? Oder wenn er in die Zukunft blicken muss und das Problem zu lösen hat, dass bald lange nichts kommt? Im ersten Fall, bei Schlangen wie Pythons, wächst er rasch, vervierfacht binnen 24 Stunden sein Volumen, im zweiten, bei Zugvögeln, schlägt er Strategien ein, die an die Art des Reisens angepasst sind: Der Sandpiper, der mit nur einem größeren Aufenthalt zwischen der Antarktis und Grönland pendelt, verkleinert seinen Darm, zehrt ihn partiell auf, das spart Gewicht und bringt Energie, viele Vögel reisen so; andere legen oft Station ein, der Bergstrandläufer etwa, er vergrößert vor dem Abflug seinen Darm, kann dann rasch nachfüllen (Science, 307, S. 1896).
Aber nicht nur das Angebot entscheidet über die Größe des Darms, man will auch selbst nicht Nahrung werden: US-Forscher haben Kaulquappen von Baumfröschen in zwei Umwelten aufgezogen, in einer gab es keine Gefahr, in der anderen lauerten Räuber, Libellenlarven. Dort blieben die Därme kürzer, die Tiere investierten in Wendigkeit: die Schwänze (Science, 307, S. 1897). Sie sind also nicht, was sie fressen - sondern, was sie frisst oder eben nicht.
"Meine Eingeweide, meine Eingeweide! Ich muss mich winden!" So klagt Jeremia (4, 19) in der Elberfelder Übersetzung, die enger am Original bleibt als die Luthers, der das Gedärm fast immer zum "Herz" entbläht, nur bei Tisch war er weniger zurückhaltend, der Darm löst auch die Zunge, sofern er gut gefüllt ist. Mahlzeit!