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„Böse Deutsche und gute Ungarn“? Es war komplexer

Zum Wirbel um ein geplantes Denkmal in Budapest, das an den Beginn der deutschen Besetzung im März 1944 erinnern soll.

Ohne Not und ohne irgendein Bedürfnis der Gesellschaft wurde auf Antrag der ungarischen Regierung die Errichtung eines Denkmals in Budapest beschlossen, das an die Besetzung Ungarns durch Truppen der Wehrmacht vor 70 Jahren erinnern soll. Das geplante Denkmal ist aber nicht Teil des Programms des Holocaust-Gedenkjahres. Dieses Gedenkjahr sollte in Kooperation mit der Bundesrepublik Deutschland und anderen Staaten ablaufen. Alle Programmpunkte sind im Vorfeld auch abgestimmt worden – mit Ausnahme dieses Denkmals. Und das ist kein Zufall.

Die Initiatoren wussten, dass dieses Denkmal sofort Streit auslösen würde, durch den freilich viele rechtsradikale Wähler für die Regierungspartei Fidesz mobilisiert werden könnten. Die laut Umfragen mittlerweile zweitstärkste Partei des Landes, die rechtsextremistische Jobbik, sieht sich jetzt eines ihrer Themen beraubt. Genau deshalb wurde die Errichtung des Denkmals von Regierungsseite durchgepeitscht – mit der verlogenen Begründung allerdings, es müsse „aus volkswirtschaftlichen Gründen Priorität bekommen“.

 

Erzengel und Reichsadler

Den Sympathisanten von Jobbik kann die jetzige Diskussion über das Denkmal als Angriff auf die ungarische Souveränität und als Nestbeschmutzung verkauft werden. Die Initiatoren von der Regierungspartei aber können sich als Retter der Nation feiern lassen. Viktor Orbán stellte sich deshalb auch offensiv hinter das Denkmalprojekt.

Sowohl im Ausland als auch im Inland spricht die Fidesz-Regierung gern offen von Verantwortung, ohne damit allerdings auch Taten zu verbinden. Damit wird aber bewusst eine eindeutige politische Stimmungslage unter der Wählerschaft angeheizt: Es ist nicht genug, dass „wir“ Ungarn uns bei jeder Gelegenheit entschuldigen, es wird von uns auch erwartet, dass wir uns aus eigenen Stücken demütigen. So wird das von vielen interpretiert – und so gleichzeitig die Wählerschaft für Fidesz mobilisiert.

Auf dem vom Bildhauer Peter Parkanyi Raab entworfenen Monument wird Ungarn vom Erzengel Gabriel dargestellt. „Sein Gesicht ist zahm, die Augen sind geschlossen. Wir wissen nicht, ob er schläft oder vor sich hin träumt. Die Komposition erklärt, dass dieser Traum zum Albtraum wird. [...] Der deutsche Reichsadler [...] durchfliegt und durchfegt die Welt. Er erreicht uns schnell und er verschlingt Ungarn, damit er seine Bevölkerung fesseln und knebeln kann.“

Laut den Begutachtern ist das Konzept des Werkes „einzigartig und herausragend, auch was die Darstellung der versteckten Inhalte hinter den eindeutigen Symbolen angeht. [...] Bis 1943 herrschten bei uns friedliche Zustände. Die deutsche Armee, die mit einem Massenmord bei uns eingezogen ist, hat mit ihren Pfeilkreuzler-Jungen das Land ermordet. Die Deutschen hätten nur eine Handvoll Ungarn als Sklaven vorübergehend am Leben gelassen. Das stilisierte Bild am Denkmal verwandelt sich aus dieser Weite in eine erschreckende Naturdarstellung.“

Die geschmacklose ästhetische Umsetzung kommt leider ohne Geschichtsklitterungen nicht aus. Sehen wir uns die wichtigsten an:

1. Die Ereignisse des Jahres 1944 sind leider viel zu komplex, als dass sie als Kampf zwischen „bösen“ Deutschen und „guten“ Ungarn dargestellt werden könnten. Adolf Eichmann und seine Mitarbeiter etwa waren von ihren Erlebnissen in Ungarn „entzückt“. So viel zur „zahmen, weichen Gestalt“.

2. Die deutsche Besatzung hat die Bevölkerung des Landes nicht nur „geknebelt“, sondern sie hat es der rechtsgerichteten Elite des Landes ermöglicht, das Vermögen von etwa 800.000 Menschen neu zu verteilen. Davon haben sehr viele Menschen profitiert, deshalb haben diese Leute auch kaum je den Eindruck gehabt, sie seien von den Deutschen geknechtet worden.

 

Juden litten schon vor 1944

3. Für viele war Ungarn bis 1944 tatsächlich eine Insel des Friedens, nicht aber für die Juden. Nicht nur sind mehr als 100 Judengesetze und -verordnungen erlassen worden, es ist auch an mehreren Orten zu Pogromen gekommen. Es gab Massenmorde und Massaker. Außerdem gab es auch noch den Arbeitsdienst, der mit seinen unmenschlichen Bedingungen bereits vor 1944 für den Tod von mehreren 10.000 Juden verantwortlich war.

4. Die deutsche Wehrmacht ist nicht „mit einem Massaker“ in Ungarn angekommen. Das, was wir als Massaker und Massenmord bezeichnen, ist vollständig durch die ungarischen Behörden vorbereitet und zum Teil auch von ihnen durchgeführt worden. Im ungarischen Parlament wurde bereits 1941 ein Vorschlag zur vollständigen Ghettoisierung der Juden des Landes unterbreitet. Nur wegen des Protests von Ministerpräsident Miklós Kállay und aufgrund des Herumlavierens von Reichsverweser Miklós Horthy ist es nicht dazu gekommen, dass das Parlament über den Vorschlag abstimmte.

 

Die Ungarn vernichten?

Die ungarische Staatsverwaltung hat sich aber bis zum März 1944 detailliert darauf vorbereitet, wie das Leben von mehreren hunderttausend Menschen bürokratisch abgeschlossen werden könnte und wie sie dazu gezwungen werden sollten, ihre Strom-, Wasser- und Gasrechnungen zu begleichen, ehe sie einwaggoniert wurden.

5. Die „Pfeilkreuzler-Jungen“ haben mit der deutschen Besatzung nichts zu tun. Nach dem Einmarsch der Wehrmacht ist eine Koalitionsregierung gebildet worden. In der Regierung hat die frühere Regierungspartei eine erhebliche Rolle übernommen. Sie ist mit der Partei „Ungarische Erneuerung“ von Béla Imrédy sowie mit einer kleineren nationalsozialistischen Partei ergänzt worden. Die Pfeilkreuzler haben an der Regierungsarbeit nicht teilgenommen! Ferenc Szálasi hat sogar die Deportationen der Juden missbilligt, weil er das für eine Verschwendung nationaler Arbeitskraft gehalten hat.

6. Weder die deutsche Besatzung noch die langfristigen Pläne der Nationalsozialisten hatten das Ziel, die gesamte ungarische Nation zu vernichten. Die Behauptung, die Nazis hätten nur „eine Handvoll Ungarn als Sklaven vorübergehend am Leben lassen wollen“, ist ein totaler Unsinn. Völkervernichtende Absichten in den Planungen Nazi-Deutschlands existierten gegen slawische Völker und die jüdische Ethnie, nicht aber gegen andere Völker.

 

Verlogene Präambel

Wenn jemand glaubt, dass dieses Denkmal ein einmaliger „Ausrutscher“ sei, muss ich ihn enttäuschen: Es ist eine logische Folge der verlogenen Präambel der neuen Verfassung, wonach Ungarn nach der deutschen Besetzung seine Unabhängigkeit „verloren hatte“. Es bildet einen Teil der nationalen Lüge, die im Zusammenhang mit 1944 im heurigen Holocaust-Gedenkjahr nur an „das Jahr der Menschenrettung“ erinnern will, ohne dass parallel dazu auch die Dimension der Mittäterschaft aufgezeigt wird. Dass Vertreter der Regierungspartei Fidesz gleichzeitig lautstark die ungarische Verantwortung im Holocaust in die Welt hinausposaunen, ist nichts anderes als eine nach außen gemünzte politische Augenauswischerei.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

DER AUTOR



Krisztián Ungváry
(* 1969) studierte Geschichte in Budapest, Jena und Freiburg/Breisgau. Seine Forschungsarbeit über die Schlacht um Budapest erschien bisher in 16 Auflagen auf Ungarisch, Deutsch, Englisch und Russisch. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Nationalbibliothek István Széchenyi in Budapest. [ Privat ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.02.2014)