Sie schützt uns, sie nährt unsere Knochen, sie speichert unsere Vorräte: unsere Verpackung. Sie macht uns attraktiv, oder gerade nicht, je nach Mode. Dünnhäutiges.
Histiaeus, Tyrann von Milet, war ein Vasall des Perserkönigs Darius, aber ein unsicherer Kantonist, Darius lud ihn in die Residenz nach Susa und ließ ihn, in aller Freundschaft, nicht mehr gehen. Deshalb zettelte Histiaeus einen Aufstand an, sein Schwiegersohn sollte ihn von Milet aus führen. Die Instruktionen gab er auf der Kopfhaut eines Sklaven, den ließ er erst scheren, dann tätowieren, dann wartete er, bis Haare darüber gewachsen waren. Der Trick gelang, der Sklave durfte Susa verlassen, er ging zum Empfänger der Botschaft, der ließ wieder scheren und las. Das berichtet Herodot, unumstritten ist es nicht, die Haut hat immer schon die Fantasie angeregt, viele Völker schmücken sich mit Tätowierungen - die älteste bekannte ist die des Eismanns, der vor 5000 Jahren in den Ötztaler Gletscher geriet -, das Wort kommt aus Tahiti, "tautau" gleich "Wunden schlagen". Andere nahmen das noch wörtlicher und zeichneten mit tiefen Schnitten respektive deren Narben Muster. Auch die Sicherheitsnadeln in den Wangen der Punks und das anschließende Pearcing allerorten sind keine sonderlichen Novitäten, die Maya trugen Ringe in der Zunge, Indigene in Papua-Neuguinea stecken sich Holzpflöcke durch die Nase.
Es geht auf keine Haut, was die Haut aushalten muss mit ihren durchschnittlich drei Millimeter Dicke, in denen sich drei Haupt- schichten drängen. Und sonst noch einiges: Pro Quadratzentimeter sitzen zehn Haarwurzeln, hundert Schweißdrüsen und bis zu 2500 Sensorzellen, sie werden mit drei Meter Blut- und Lymphgefäßen ver- und entsorgt und mit zwölf Meter Nerven verschaltet. Nur ganz außen gibt es keine, ganz außen sind wir, bei lebendem Leibe, tot: Die Hornschicht der äußersten Lage - der Epidermis - besteht aus abgestorbenen Zellen, die keinen Kern mehr haben und stattdessen mit Keratin gefüllt sind, einem Protein, das sich in Wasser nicht löst und auch keines durchlässt. Dafür wimmelt es von Leben, auf besagtem Quadratzentimeter hausen 100 Millionen Bakterien, freundliche, die durch ihre Anwesenheit unfreundliche fern halten und sich von der abgestorbenen Haut ernähren. Deren Nachschub kommt von unten, aus der Basalschicht der Epidermis, dort werden die Zellen produziert, dann wandern sie, 27 Tage, länger kann selbst das tote Horn der Umwelt nicht trotzen, wir häuten uns unentwegt.
Ganz außen in der Haut ist es staubtrocken, darunter liegt ein Sumpf, Corium oder Lederhaut, 80 Prozent Wasser und ein dichtes Geflecht von Gefäßen betten und versorgen Fibroblasten, das sind Zellen, die sich auf zwei Proteine spezialisiert haben, Kollagen und Elastin, ersteres hält die Haut zusammen, letzteres trägt seine Funktion im Namen. Noch eine Schicht tiefer sitzt die Subcutis oder Unterhaut, dort hortet der Körper seine Vorräte, das Fett. Und dort zeigt die Haut den einen großen Unterschied, den der Geschlechter, bei Frauen runden sich die Hüften, bei Männern die Bäuche, eine Erklärung ist den Evolutionsbiologen bisher nicht eingefallen.
Dafür ist der zweite große Unterschied bis in die Details geklärt, der der Farben, er hängt sichtbar mit dem ersten zusammen: "In jeder indigenen Population, die wir untersucht haben, haben Frauen eine etwas hellere Haut als Männer", berichtet Nina Jablonski, Anthropologin an der California Academy of Sciences (Journal of Human Evolution, 39, S. 57). Wie das? Bei der Hautfarbe geht es um eine Balance des UV-Haushalts: Dieser Teil des Sonnenlichts ist extrem lebensfeindlich, er greift DNA an. Aber ohne UV können wir nicht leben, unsere Haut synthetisiert mit seiner Hilfe Vitamin D, das "Sonnenschein-Vitamin", es hilft bei der Aufnahme von Kalzium und Phosphor und stärkt damit die Knochen. Nun muss abgewogen werden - DNA gegen Knochen -, die Evolution hat es getan und die Hautfarbe an das Licht gekoppelt, mit Melanin, dem dunklen Hautpigment, es fängt UV ab. Und es färbt die Menschen dort tiefschwarz, wo die Sonne brennt, am Äquator, zu den Polen hin werden sie heller, sie müssen das schwächere Licht in größeren Mengen in sich hineinlassen.
Zu den Polen hin werden die Menschen heller? Mit tief dunkler Haut widersprechen die Inuit Alaskas, aber Jablonski kann klären: Inuit ernähren sich von Fisch und Meeressäugern, beide sind reich an Vitamin D, sie erlauben im hohen Norden den Luxus eines hohen UV-Schutzes, wir mit unserer Mischkost können ihn uns nicht leisten: Getreide hat kein Vitamin D. So hat auch die Erfindung der Landwirtschaft bei der Hautfarbe mitgespielt, Frank Sweet, Historiker und Anthropologe, der oft gegen Rassismus anschreibt, zeigt es im Detail (www.backintime.com/Essay021215.htm). Ja, gut, aber was sollen die Abschweifungen, wie ist es endlich mit den auf dem ganzen Erdenrund helleren Frauen? Bei ihnen hat das Evolutions-Kalkül mehr Faktoren, ihre Haut darf nicht nur an sich selbst denken, sie muss sich auch für den Nachwuchs tönen: "Frauen müssen wohl in bestimmten Lebensphasen, während der Schwangerschaft und der Laktation, mehr Vitamin D synthetisieren", vermutet Jablonski. Um der Knochen der Kinder willen wird hellere Haut riskiert.
So viel zur Natur, der Rest ist Kultur, in der chinesischen etwa heißt er "PiFu". Das ist das Wort für Haut, es bedeutet "weiß wie Schnee", just die Nichtfarbe hat vielerorts den höchsten Rang. Deshalb wird etwa in Asien gebleicht, was die Tiegel hergeben, jede zweite Frau in Hongkong hellt sich auf, 2002 füllten sich die Kliniken, weil das giftige Quecksilber besonders gut weißt und manche Hersteller zu viel in ihre Tinkturen mischten. Andernorts haben Ärzte und Patienten andere Sorgen: Die Hautkrebsraten steigen, für die Attraktivität nahtloser Bräune zahlen viele einen hohen Preis.
Vor 150 Jahren war es auch bei uns gerade umgekehrt, vornehme Blässe signalisierte, dass man Geld hatte - und nicht arbeiten musste, zumindest nicht unter freiem Himmel -, die Körper waren verhüllt, vor allem die der Frauen, Sisi soll oft einen "wunderlich blauen Schirm an ihrem Hute zur Abwehr gegen Sonnenbrand und Sommersprossen" getragen haben. Der Gegenschlag kam aus Höllriegelskreuth, einem gottverlassenen Nest in Bayern, in dem der Maler Karl Diefenbach 1888 eine Religion erfand, die des "Sonnenmenschentums". Im Zentrum stand der gebräunte Körper, auch bei Diefenbachs Schüler Hugo Höppener, "Fidus" genannt, das ist der mit den Lichtgestalten. Lehrer und Schüler kamen wegen groben Unfugs vor Gericht, das hielt den Siegeszug der Freikörperkultur nicht auf, zum religiösen und ästhetischen Motiv kam die Gesundheit: "Wasser tut's freilich, höher steht die Luft, am höchsten das Licht", dozierte Arnold Rikli, "Sonnendoktor" aus der Schweiz, der 1855 die erste Sonnenbadeanstalt eröffnete, viele Ärzte folgten ihm.
Im frühen 20. Jahrhundert gab es kein Halten mehr, Nackte überall, vor allem in Deutschland, alle Alter und Klassen, proletarische Nackte, adlige Nackte, letztere zusammengeschlossen in der "Aristokratischen Nudo Nationalallianz ". Dann kamen andere Nationale: "Die Nacktkultur ist eine der größten Gefahren für die deutsche Kultur und Sittlichkeit", wetterte Göring nach der Machtübernahme, die organisierte öffentliche Nacktheit wurde verboten - obwohl die Lichtanbeterei antisemitisch unterfüttert war, "nordischer" Gegenkult. Der Unmut war groß, Himmler hob das Verbot 1936 wieder auf, man musste die Soldaten des kommenden Krieges bei Laune halten. Man reaktivierte auch eine Verkörperung des Ariers in den eigenen Reihen, Hans Sur©n, der gerne nackt und homoerotisch posierte und nun ein Buch aus dem Jahr 1924 neu auflegen durfte, Zitat: "Der braune Leib - gleich einer Statue von Bronze - bannt das Auge zu reiner Bewunderung."
Der Rest ist bekannt und in den Dia- und Videoarchiven jedes Haushalts dokumentiert - schauen Sie einmal auf den Dachboden -, erst Jesolo, dann Malediven, heute signalisiert Bräune, dass man nicht arbeiten muss, zumindest nicht in Innenräumen, so ziehen nach Büroschluss Heerscharen in die Produktionsstätten der Bräunungsindustrie. "Der Gedanke, dass ein Mädchen, dank seiner braunen Haut, erotisch besonders attraktiv sei, ist wahrscheinlich nur noch eine Rationalisierung. Bräune ist zum Selbstzweck geworden, wichtiger als der Flirt, zu dem sie vielleicht einmal verlocken sollte." So weit Adorno - 1969 in den "Stichworten" unter "Freizeit" -, im Sonnenstudio liegt er nicht zur Lektüre aus.
Zurück zur Natur, alles können künstliche Sonne und Kosmetik nicht überdecken, die Haut hat ein Eigenleben: Sie wechselt bisweilen Gestalt und Farbe, ganz ohne den Willen ihres Trägers, oft gegen ihn, die Gänsehaut stellt sich auf, auch wenn uns metaphorisch fröstelt, und im Zorn erbleichen wir, oder wir erröten, nicht nur im Zorn: Eos, die Rosenfingrige, wurde jeden Morgen knallrot. Sie hatte einmal eine Affäre mit Ares. Dessen Geliebte, Aphrodite, Göttin der Liebe, bestrafte sie mit einem Übermaß ihrer Gabe, Eos wurde mannstoll, musste den ganzen Tag nach Jünglingen Ausschau halten, schämte sich dafür und beleuchtet so allmorgendlich den Himmel. Das schreckte nicht, einer von Eos' Geliebten war Tithonos, mit ihm wollte die Unsterbliche für immer leben, sie erbat bei Zeus für den Sterblichen das ewige Leben. Es wurde gewährt, mit bösem Humor, Eos hatte vergessen, für Tithonos auch ewige Jugend zu erbitten, er schrumpelte an ihrer Seite zusammen, bis er wie eine Grille aussah und auch so zirpte.
Haut wird alt, dünn, hart, der Babypopo bleibt uns nicht lange. Vorher schon geht ein Zauber verloren, den Embryonen beherrschen: Werden sie an der Haut verletzt, schließt sich die Wunde ohne Narbe. Beides, Jungbrunnen und Wundheilung, füllt die Labors der Kosmetikindustrie und der Spitäler, die Haut ist eine Wissenschaft für sich, 1975 wurde die erste Kunsthaut entwickelt. Wirklichen Ersatz gibt es bis heute nicht, die Natur kann es besser: Zur Therapie von Kindern mit schweren Brandwunden wurde gerade erstmals Haut abgetriebener Föten eingesetzt (Lancet, 18. 8.), andere wollen Haut aus embryonalen Stammzellen ziehen, der Wiener Genetiker Markus Hengstschläger etwa (International Journal of Molecular Medicine, September).
Und immer wieder tauchen Mirakelmoleküle auf, diesmal Telomerase, ein Enzym, das man aus anderen Zusammenhängen kennt, es schützt Chromosomen. Baut man Mäusen zusätzliche Gene dafür ein, wird die Haut insgesamt verjüngt, und ihr symbolträchtigster Teil beginnt zu sprießen, nicht jeder hat einen Haarwuchs wie der Sklave des Histiaeus. "Im alten Ägypten haben glatzköpfige Männer in ihrer Verzweiflung den Schädel mit Nilpferdfett eingerieben", berichtet Elisabeth Blackburn, in deren Labor an der University of California, San Francisco, der Fund gelang (Nature, 436, S. 922): "Ist Telomerase das neue Nilpferdfett? Vermutlich nicht." Gene kann man nicht eintätowieren, noch nicht.