In hohen Dosen tötet es rasch, in niedrigen schleichend: Arsen. Die akute Vergiftung schmeckt man nicht, die chronische eine Katastrophe ohne Beispiel will niemand sehen. Eine Leichenbeschau.
D as Waser des Teufels kommt!", entsetzten sich Bewohner des Di strikts Nadia in Westbengalen in den Sechzigerjahren, als erstmals aus dem Boden sprudelte, was sie von ihren jahrtausendealten Plagen befreien sollte, von all den Bakterien - Typhus, Cholera, Diarrhöe - in den Seen und Flüssen, aus denen sie tranken, 1960 wurde jedes vierte Kind im Gangesdelta keine fünf Jahre alt. Die westlichen Helfer mit ihrem Bohrgerät schüttelten die Köpfe und ließen den Segen für sich sprechen, 1996 starb nur noch eines von zehn Kindern. Aber inzwischen war ein neues Leiden aufgetaucht, erst brachte es "schwarze Regentropfen" auf die Haut, dann Verhärtungen, dann Krebs. Viele hielten es für Lepra, die Opfer wurden geächtet und mussten ihre eigenen Tassen mitbringen, sofern man ihnen überhaupt Zugang zu den Teehäusern gestattete.
1988 kam die Diagnose, der Teufel im Wasser ist Arsen und bringt chronische Arsenvergiftung, Arseniosis. So wurde es publiziert, in den Bulletins of the World Health Organization, nur gelesen wurde es nicht, das Brunnenbohren legte an Tempo zu und wurde auch nicht gebremst, als Dipankar Chakraborti, ein analytischer Chemiker der School of Environmental Studies in Kalkutta, 1995 einen Kongress einberief, auf dem wenigstens die Fachwelt mit dem Problem vertraut gemacht wurde. Kurz darauf stand wieder etwas in den Bulletins: "Bangladesch kämpft mit der größten Massenvergiftung einer Bevölkerung in der Weltgeschichte. Die Größenordnung dieses Desasters überbietet weit die jedes anderen, von Tschernobyl bis Bhopal." Die Schätzungen der kommenden Opfer - die Krankheit braucht zehn Jahre zum Ausbruch - schwanken zwischen 35 und 77 Millionen Menschen, so viele haben Trinkwasser mit zu viel Arsen. "Bangladesch ist ein gottverlassenes Land", schrieb der bengalische Dichter Rabindrath Tagore 1893: "Wir tun uns schwer, uns zu eigenen Taten aufzuraffen. Wir bekommen keine Hilfe in irgendeinem wirklichen Sinn."
Ausgegraben hat es Andrew Meharg, Biogeochemiker an der University of Aberdeen, der in seinem Hauptberuf viel ausgegraben hat in Bangladesch - er brachte die böse Nachricht, dass nicht nur das Wasser kontaminiert ist, sondern auch der bewässerte Reis - und sich dann historischen Quellen zuwandte. Arsen ist ein alter Begleiter der Menschheit, man findet es in der Erde oft zusammen mit Kupfer, die Mischung beider hat ein ganzes Zeitalter geprägt und benannt. Vor etwa 5000 Jahren lernten die Waffenschmiede, dass man mit Kupfer nicht so hart zuschlagen kann wie mit Bronze, einer Legierung von Kupfer mit Arsen oder Zinn. Die entstehenden Dämpfe hatten offenbar sichtbare Folgen, Hephaistos ist als einziger der griechischen Götter verkrüppelt, seine Schmiede-Kollegen im Norden, Brokkr und Sindi, waren Zwerge. Auf der Erde bevorzugte man bald Zinn, Arsen geriet als Werkstoff ins Vergessen.
Und begann seine zweite Karriere: "Britannicus fiel nach dem ersten Schluck tot um", berichtet Sueton über die List, mit der Nero sich im Jahr 55 den Konkurrenten vom Halse schaffte. Der wusste natürlich, dass die Einladung vergiftet war und brachte seinen Vorkoster mit, aber Nero servierte einen brühheißen Trank, der Vorkoster verbrannte sich die Zunge, man kühlte mit etwas Wasser. In ihm war das Gift, das ideale Gift - Arsentrioxid, As2O3 -, farblos, geruchlos, geschmacklos, leicht löslich. Gegengifte gibt es keine, außer einem: Gewöhnung. Sie soll als erster Mithridates IV. von Pontus (132 bis 65 v. Chr.) praktiziert haben, der Arsen in ständig größeren Dosen aß, um sich immun zu machen. Ihm setzte im 17. Jahrhundert Jean Racine - selbst verdächtig, eine Geliebte mit Arsen ermordet zu haben - in seinem "Mithritade" ein Denkmal, der 14-jährige Mozart vertonte es und, ja, Salieri, vielleicht, das Gift ist gut für viele Verschwörungen und ihre Theorien.
Gesichert ist, dass es in Österreich als "Erbschleichergift" bekannt wurde und in Frankreich als "poudre de succession". Chaterine Deshayes ("La Voisin") hieß die Berühmteste ihrer Zunft, sie brachte unter Ludwig XIV. 2000 Kinder und ungezählte Erwachsene zu Tode und wurde an Raffinesse nur von Marquise de Brinvilliers übertroffen. Die experimentierte die optimale Dosis mit selbst arsenisierter Marmelade heraus, die sie in Spitälern an die Patienten verschenkte, wer starb, fiel nicht weiter auf, Arsen konnte man lange nicht nachweisen, die Symptome gleichen denen der Cholera. Und andere Gifte gibt es schließlich auch, Mitte des 19. Jahrhunderts brachte Flaubert zwei durcheinander: "Sie ergriff das blaue Glas, riss den Pfropfen heraus, fasste mit der Hand hinein und zog eine Handvoll von dem weißen Pulver heraus, das sie sofort aufaß", beschreibt er stimmig. Aber wie er Emma Bovary dann sterben lässt, passt nicht, Meharg hat die Gifte studiert und vermutet, Flaubert habe sich vertan: Emma hat die Symptome nicht von Arsen-, sondern von Quecksilbervergiftung.
Folgt die "steirische Verteidigung". Die hat nichts mit Schach zu tun, sondern damit, dass in Rotgülden im Lungau schon früh Arsen abgebaut wurde, für die venezianische Glasindustrie, aber nicht nur für sie, die Bergleute entdeckten bald die zwiespältige Wirkung von Hidri, Hüttenrauch, Arsentrioxid, das sich beim Erzschmelzen im Schornstein absetzt. Hier experimentierten die Bergleute an sich selbst: "Ein Weizenkorn macht rot, ein Gerstenkorn macht tot." "Arsen" kommt von "arsenikos", das bedeutet "kühn, männlich" und ist ein Anabolikum und Aphrodisiakum, Steirerinnen und Steirer stärkten sich damit, es sprach sich Mitte des 19. Jahrhunderts bis in Chambers Edinburgh Journal herum, das von den "Poison Eaters" zu berichten wusste. Denen schmeckte es mit Brot und Speck und in für Ungeübte tödlicher Dosis. Tauchte im Erbfall oder Gattenstreit doch ein Verdacht auf, griff man zur "Styrian Defence", auch sie schaffte den Sprung auf die britische Insel.
Florence Maybrick war 1889 angeklagt, ihren Mann ermordet zu haben, in der Leiche war Arsen, in Maybricks Kommode arsengetränktes Fliegenpapier. Ihr Mann habe sich immer schon damit gekräftigt, führt die Angeklagte aus, und mit dem Fliegenpapier habe sie Rot auf ihre Wangen gebracht. Die Richter glaubten ihr nicht, sie kam ins Gefängnis, aber auf öffentlichen Druck wieder frei, im Jahr 1904. Am 16. Juni dieses Jahres spazierte Leopold Bloom durch Dublin: ". . . take that Mrs Maybrick that poisened her husband for what I wonder in love with some other man . . . white Arsenic she put in his tea off flypaper wasn't it . . .", nein, Joyce müssen Sie schon selbst übersetzen.
Aber was sind die rührigsten Giftmischerinnen gegen die Triumphe der Chemie und der Raumausstattung! 1778 glückte Karl Scheele die Synthese eines leuchtend grünen Pigments, Kupferarsenit, CuAs2O3, die Maler hatten lange darauf gewartet, weil ausgerechnet die leuchtend grüne Natur keine entsprechenden Pigmente kennt. Nun war "Scheele's Grün" da, bald folgten andere Grüns, von Turner bis Monet füllten sie die Leinwände, auch prächtiges Rot und Gelb ließen sich aus Arsen synthetisieren.
Dann kam die Tapete. Anfang des 19. Jahrhunderts konnte man Papier in langen Rollen produzieren, Mitte des Jahrhunderts machte sich der bekannteste aller Hersteller seinen Namen, William Morris, Schriftsteller, Ökologe, Kommunist - auch Kapitalist, dazu gleich - und eben Designer: "Von den ersten elf Tapeten, die er herstellte, enthielten neun Arsen", hat Meharg analysiert, es gibt noch alte Musterbücher. Die verwendeten Mengen waren nicht zu knapp, nochmal Meharg: "Die Tapeten enthielten 25 bis 35 Gramm pro Quadratmeter. Ein großer Raum mit 100 Quadratmetern Wandfläche konnte 2,5 Kilo Arsen enthalten. Man schätzt, dass anno 1858 260 Millionen Quadratkilometer arsenhaltige Tapeten in britischen Häusern hingen."
Und ausdünsteten, vor allem in feuchten Räumen stieg ein Gas aus ihnen, Trimethyl-arsin As(CH3)3. Das tötete auch anderswo - an Wiener Wänden hing "Wiener Grün" -, und das kam nicht nur aus Tapeten, auch Kleider wurden grün gefärbt, Lampenschirme, Kerzen, künstliche Blumen, Torten. "Staub des Teufels" hieß es bald, 1860 rief die Medizinzeitschrift Lancet nach einer Anklage gegen den "Massenmord". Morris' Konkurrenten reagierten - "Garantiert arsenfreie Tapeten" -, er selbst blieb stur: Die Kritiker seien vom "Hexenfieber" gebissen.
Kurz: Morris war Mitbesitzer von "Devon Great Consols", der größten Arsenmine der Erde. "Schlammige Menschen mit schlammigen Wagen und schlammigen Pferden", sah ein Zeitzeuge, sonst sah er nichts, "es ist, als wäre der Teufel mit heißen Hufen über die Gegend gegangen." Kein Halm, kein Blatt, das verwüstete Land bezahlte mit Braun und Schwarz für das Grün der Tapeten. Die Menschen zahlten mit Krankheiten, Morris mag im "Kapital" überlesen haben, dass der von ihm verehrte Verfasser ihm Kinderarbeit vorrechnete. Und Morris mag beim Aufzeichnen seiner Träume von der besseren Welt - in ihr plätschern die Bächlein durch die Wiesen wie im Heimatroman - sich selbst vergessen haben.
Natürlich ist die Geschichte damit nicht zu Ende, man nutzt Arsen für Insektizide und Waffen, "Agent Blue" in Vietnam, man braucht es als einzig wirksames Medikament gegen die Schlafkrankheit und nimmt als Nebenwirkung tausend Tote im Jahr in Kauf. All das tut man freiwillig und geplant, das ist der Unterschied zum Gangesdelta. Niemand will dort Arsen aus der Erde holen, und niemand hat es hineingebracht, es wurde in der Eiszeit von Gletschern im Himalaya abgerieben und sitzt nun in den Sedimenten. Mobilisiert wird es von der Natur, Bangladesch ist wirklich gottverlassen: Auch Alpengletscher haben Arsen abgerieben, aber die Grundwasserdynamik ist anders, bei uns bleibt es (meist) in den Böden.
Deshalb hat lange niemand Wasser auf Arsen analysiert, man kam einfach nicht auf die Idee. Als sie aber in der Welt war, bohrte man unermüdlich weiter - viel kritisiert, auch von Meharg -, inzwischen gibt es über zehn Millionen Brunnen. Aus wie vielen Arsen sprudelt, ist unbekannt, man kommt mit dem Messen nicht nach. Und dann? Man streicht die gefährlichen Brunnen rot an und die harmlosen grün, mehr kann man nicht tun. Es gibt großtechnische Vorschläge, neue, tiefere Brunnen oder gigantische Flussumleitungen, aber die scheitern am Geld oder dem Nachbarn, Indien zweigt kein Wasser ab. Und es gibt kleinen Rat, einfache Reinigungsverfahren - oft hilft es, das Wasser abstehen zu lassen - oder Regenwasser. Aber auch darin hat Tagore Recht, das Land ist gelähmt, es hat viele Sorgen und Kanäle, in denen Hilfe versickert. [*]
Andrew A. Meharg Venomous Earth
280 S., geb., £ 16,99 (Macmillan, London; ab 17. Jänner im Handel)