Kleider machen allerorten Leute, quer durch das Reich des Lebens wird getarnt und getäuscht: Mimikry sendet trügerische oder auch echte Signale. Eine Decodierung.
Er heißt nicht Proteus, er hat überhaupt keinen Namen, aber der des Verwandlungskünstlers würde ihm gut passen, dem Oktopus vor den Küsten Sulawesis, der acht Arme hat wie andere Kraken auch. Aber mit ihnen schwimmt und jagt er nicht nur, mit ihnen betreibt er auch Camouflage, wenn er selbst bedroht ist. Er kann sie zu einem Oval nebeneinander legen, dann sieht er aus wie ein giftiger Plattfisch; er kann sie weit spreizen, dann gleicht er dem giftigen Rotfeuerfisch; er kann sie nach beiden Seiten in je einen Strang bündeln, nun bietet er das Bild einer Seeschlange, und auch die ist giftig. Selbst hat er kein Gift, aber er tut so, und er tut es je nach Gefahr, zur Schlange verwandelt er sich, wenn ihn ein Fisch angreift, der seinerseits von der Schlage gejagt wird. So ist er der Meister dessen, was 1862 dem britischen Entomologen Walter Bates aufgefallen ist und seitdem seinen Namen trägt: Bates'sche Mimikry.
"Es ist mir nie gelungen, Lepthalis von den ihnen ähnlichen Arten zu unterscheiden", notierte der Forscher damals, als er elf Jahre lang in den Wäldern Brasiliens vor allem Schmetterlinge beobachtet hatte. Lepthalis gehört zu den Weißlingen, aber er sieht ganz anders aus und gleicht stattdessen einem Fleckenfalter der Gattung Ithomia. Er gleicht ihm so frappant, dass Bates' geschultes Auge selbst beim Zuordnen toter Tiere Probleme hatte, beim Beobachten fliegender blieb es chancenlos, das gilt auch für andere Augen: Ithomia wird von Vögeln nicht gejagt, er ist ungenießbar; Leptalis, für Vögel durchaus von Wohlgeschmack, hat die Kunst des Trittbrettfahrens hoch entwickelt, sein Signal ruft: Mich auch nicht!
Wir kennen Ähnliches von Schwebfliegen, die aussehen wie Wespen, und nicht immer dient die Verkleidung dem Schutz, auch Räuber legen gerne Schafspelze an, die Schlangengrundeln etwa, die an indonesischen Riffen leben. Dort gibt es auch Putzerfische, die größere Fische von Parasiten befreien und deshalb an verwundbare Körperstellen herangelassen werden, sie haben einen blauen Streifen den ganze Körper entlang. Den können auch die Schlangengrundeln anlegen, sie putzen nicht, sie beißen zu. Sind sie satt, legen sie die Farbe wieder ab, ihre Mimikry bleibt nicht ein Leben lang wie bei den Schmetterlingen, sie wird bei Bedarf aktiviert (Nature, 433, S. 211).
Das wird sie bei anderen auch, wenn es nicht um Nahrung geht, sondern um Sex, und nicht um andere Arten, sondern um die eigene. Beim australischen Riesentintenfisch gibt es einen starken Überhang an Männchen - auf ein Weibchen kommen vier bis elf -, und die erfolgreichen wachen bei der Paarung gut, Konkurrenten kommen nicht heran. Deshalb ahmen leer ausgegangene Männchen die Gestalt und das Verhalten von Weibchen nach - sie tun so, als würden sie Eier legen - und nähern sich unauffällig, mit Erfolg, man hat es eben dokumentiert (Nature, 433, S. 212).
Länger weiß man schon, dass manche Buntbarsche in Afrika ihr Sexualleben mit Mimikry regeln - die Männchen haben Farbmuster, die Eier imitieren, die Weibchen kommen sie beschnüffeln und nehmen dabei Sperma auf, das die echten Eier befruchtet, die sie im Mund tragen -, andere stellen sich tot und verzehren die Aasfresser. So wird quer durch das Reich des Lebens getarnt und getäuscht, die Pflanzen können es auch, eine suggeriert mit ausgefransten Blättern, sie sei schon angenagt und keinen Biss wert. Und manche Orchideen nehmen gar Farbe, Form und Duft von Wespenweibchen an und locken damit Wespenmännchen zur "Pseudo-Kopulation", die in Wahrheit der eigenen Bestäubung dient. Immer geht es darum, ein Signal mit einer trügerischen Botschaft auszusenden.
Es gibt aber auch Mimikry mit wahren Botschaften. Mitte des 19. Jahrhunderts war noch ein Naturforscher in Brasilien, Darwin nannte ihn den "Prinzen der Beobachter": Fritz Müller, Emigrant aus dem Deutschland der gescheiterten 48er-Revolution. Wie Bates fielen ihm Schmetterlinge auf, die völlig verschiedener Art waren und doch identische Muster trugen. Aber diesmal waren beide Arten ungenießbar. Hier verhält sich keiner parasitisch - echte Parasiten gibt es auch in der Bates'schen Mimikry nicht, sondern eben klammheimliche Profiteure, aber in der Biologie nennt man sie oft so -, hier wirken beide mutualistisch zusammen, zum gemeinsamen Vorteil. Sie teilen die Kosten - lagern Gift und Galle ein -, sie teilen das Risiko: Wer Räubern ein auffälliges Farb- und/oder Verhaltensmuster zeigt, um sie zu belehren, spielt ein hohes Spiel. Mindestens ein Beutetier muss von jedem Räuber verkostet sein, bevor Letztere sich merken, was sie künftig besser meiden.
Also ist es für potenzielle Beute von Vorteil, das Risiko auf möglichst viele Schultern zu verteilen: Wenn die Art A ungenießbar ist und es zeigt, und die Art B auch und es auf dieselbe Weise zeigt - dann wird ein Räuber, der an A geraten ist, um B ebenfalls einen Bogen machen. Und zwar auch dann, wenn sie ganz verschieden übel schmecken, britische Forscher haben es in einem eleganten Experiment gezeigt: Sie haben Hühnern ins Futter auffällige Krümel gemischt, die alle dieselbe Farbe und Form hatten, aber verschiedene Bitterstoffe enthielten, Chinin oder Bitrex - man will damit Kindern das Nägelkauen verleiden - oder eine Mischung beider. Die Hühner lernen rascher, wenn verschiedene Stoffe zugleich im Futter sind: wenn Müllersche Mimikry betrieben wird (Proceedings of the Royal Society B, Januar).
Tun zwei Arten sich so zusammen, erhöht sich der Schutz der Individuen also nicht nur mit der Kopfzahl, er potenziert sich über die einfache Summe hinaus. Mit diesem Lerneffekt haben die Hühner Müller rehabilitiert - viele wollten ihn widerlegen und doch parasitische Elemente finden -, vielleicht ein wenig modifiziert. Bei ihm ging es um die Streuung des Risikos durch die Zahl, vermutlich geht es aber auch um das Heben der Aufmerksamkeit.