Wer hat dich?

Im Schwarzwald laufen bereits Kampagnen gegen "Verfinsterung". Wenn man vor Bäumen keinen Wald mehr sieht: ein Spaziergang durch Natur- und Kulturgeschichte des Waldes.

So war es einmal bei einer Aus fahrt über Land vorgekommen, dass der Wagen an entzückenden Tälern vorbeirollte, zwischen denen von dunklen Fichtenwäldern bedeckte Berghänge nahe an die Straße herantraten und Diotima mit den Versen ,Wer hat dich, du schöner Wald, aufgebaut so hoch da droben?' darauf hindeutete. Aber Ulrich erwiderte: ,Die Niederösterreichische Bodenbank. Das wissen Sie nicht, Kusine, dass alle Wälder hier der Bodenbank gehören?' Und der Meister, den Sie loben, ist ein bei ihr angestellter Forstmeister. Die Natur hier ist ein planmäßiges Produkt der Forstindustrie, ein reihenweise gesetzter Speicher der Zellulosefabrikation, was man ihr auch ohne weiteres ansehen kann."

Zumindest dann, wenn man das geschulte Auge des studierten Maschinenbauers hat. Robert Musil hatte es, aber ganz aus dem Nichts kann auch eine Holzfabrik ihr Produkt nicht ziehen.

Erst musste der Wald sich selbst bauen, und dabei spielten viele mit. Vor 450 Millionen Jahren noch war die Erde öd und leer. Zwar war das Leben schon drei Milliarden Jahre alt, es hatte sich in den Ozeanen auch in eine breite Vielfalt ausdifferenziert - vor 500 Millionen Jahren in der "Kambrischen Revolution" -, aber es konnte nicht aus dem Wasser, nur dort war Schutz vor der UV-Strahlung, die DNA angreift. Aber etwas anderes konnte heraus: Sauerstoff. Den hatte die frühe Erde in freier Form nur in Spuren, erst Lebewesen, die Fotosynthese betrieben, erzeugten ihn in größeren Mengen, Grünalgen etwa, Charophyten. Irgendwann hatten sie die Luft mit so viel Sauerstoff angereichert - zwei Prozent -, dass fotochemisch aus einem Teil davon Ozon werden konnte, dessen Leistung erst bewusst wurde, als das große Loch drohte: Ozon fängt UV ab.

Nun konnte das Leben an Land steigen, aber steigen konnte es gerade nicht: Die ersten Siedler waren die, die sich nicht bewegen können, die Pflanzen respektive ihre Ahnherren, die Grünalgen, die an die Küsten gespült wurden. Sie machten das Land erst wirtlich für höhere Pflanzen und die meisten Tiere, sie modellierten das Klima und etablierten den Regelkreis der Kohlenstoffströme - und mit ihm den großen Thermostaten: Auf der frühen Erde herrschten zwischen 30 und 50 Grad, Vulkane heizten das Treibhaus mit Kohlendioxid (CO2), es blieb in der Luft. Mildere Temperaturen schafften erst die Pflanzen, die das CO2 aus der Atmosphäre holten, direkt durch die Fotosynthese - sie macht aus CO2, Wasser und Sonnenenergie Zucker und Sauerstoff -, indirekt durch die Erschließung der zweiten großen CO2-Senke, der Silikat-Gesteine, die das Gas in Mineralien binden. Die waren zuvor nur den Unbillen der Physik ausgesetzt - Temperatur, Niederschlag -, nun rückten die Pflanzen ihnen auch chemisch zu Leibe, sie sonderten Säuren ab, um Nährstoffe zu gewinnen, später vergrößerten sie die der Verwitterung ausgesetzten Oberflächen, trieben Wurzeln ins Gestein.

Die sind nur eine der Erfindungen, die die Pflanzen machen mussten, als sie das Milieu wechselten. Im Wasser schwammen sie frei herum, auf dem Land brauchten sie Halt, sie nutzten dazu ein Organ, das sie zu ganz anderen Zwecken entwickelt hatten, zum Einlagern der Produkte der Fotosynthese, nun wurden daraus Wurzeln. Aber es gab auch andere Herausforderungen, die eine nach der anderen angenommen wurden: Landpflanzen brauchen außen einen Schutz gegen das Austrocknen (Wachsschichten: Kutikula) und innen ein Transportsystem für Wasser und Nährstoffe (Leitungen: Xylem, Phloem), dann mussten Innen und Außen verbunden werden (Spaltöffnungen: Stomata). Blätter zum Lichtsammeln waren zunächst auch nicht da, aber dafür hatten Pflanzen von Anfang an starke Zellwände, mit denen sie sich ganz ohne Innen- und Außenskelett aufrecht halten. Bei den Bäumen kam zur Verstärkung Lignin hinzu, das brachte im Karbon, vor 350 Millionen Jahren, die ersten hohen und großen Wälder, die Kohlewälder. Blieb das Zentralproblem, das der Vermehrung, dazu fanden die Pflanzen immer neue Lösungen, am Ende die Blüten, deren Träger heute dominieren, weil sie erfolgreich mit Insekten kooperieren: Auf zwölf Milliarden Dollar schätzt man den jährlichen Wert der Bestäubung (Science, 301, S. 183).

Ansonsten geht es nicht immer amikal zu zwischen den Pflanzen und den Tieren, die Wälder und Felder ruinieren können: "Wer bereitete eigentlich die Revolution vor?", fragte 1850 der deutsche Schriftsteller und Kulturhistoriker Wilhelm Riehl: "Die Hirsche und Rehe taten es, welche nachts in den Kornfeldern weideten; sie waren die eigentlichen Demagogen, die dem armen Bauersmann die ersten liberalen Ideen einpflanzten." "Das Rehwild", hatte 1833 schon ein Forstwissenschaftler im Badischen gewarnt, "ist das schädlichste für die Waldungen, dessen Daseyn mit der Kultur eines Waldes gar nicht vereinbar ist." Das Jagdmonopol lag beim Adel, die geplagten Bauern verfassten Petition um Petition, 1848 hatten sie genug und taten sich mit dem Bürgertum zum missglückten Aufstand zusammen. (Ausgegraben hat es der Forstmann Wolf Hockenjos in einem reichen Buch über den Schwarzwald: "Waldpassagen", www.doldverlag.de).

In erdgeschichtlichen Zeiträumen haben die Tiere aus eigener Kraft, ganz ohne Hege und Fütterung, noch viel mehr beeinflusst als Regionen und politische Stimmungslagen, sie wirkten mit an den großen Klimaschwankungen, seit sie ihre Zähne und Mägen auf die zähe Kost eingestellt hatten, vor 300 Millionen Jahren. Zwar gab es vorher schon Tiere auf dem Land, aber es waren vor allem Räuber, die von Fischen lebten und sich gegenseitig nachstellten.

Erst mit den Mahlzähnen und dem Wiederkäuen entwickelte sich die terrestrische Nahrungskette, wie wir sie kennen: viele Pflanzenfresser, wenige Räuber. Die vielen zeigten bald, was sie konnten: "Die großen ,Eishaus-Treibhaus'-Zyklen waren von einem Rüstungswettlauf zwischen Pflanzen und Pflanzenfressern verursacht", vermutete eingangs der 90er-Jahre Paul Olsen, ein Geologe der Columbia University. Ihm war aufgefallen, dass die Archive der Erdgeschichte - Bohrkerne etwa - nicht zum simplen Modell passten, in dem Vulkane CO2-Quellen sind und Pflanzen CO2-Senken, die so lange so viel aufnehmen und nach ihrem Tod in den Sedimenten lagern, bis es kalt wird, die Pflanzen zurückweichen und die Vulkane wieder mit ihrem CO2 heizen.

Diesen Zyklus gibt es schon, aber er wird überlagert von einem zweiten: Pflanzen werden auch dann dezimiert, wenn ihnen zu viele hungrige Mäuler auf Blätter und Triebe rücken, sie finden Gegenstrategien, aber dafür brauchen sie Zeit, dann haben sie eine Weile Ruhe, die andere Seite muss sich etwas einfallen lassen. So ging es hin und her, Bäume schossen in die Höhe, bis die Zähne sie nicht mehr erreichten, dann streckten sich die Hälse, bis kein Wipfel für die Saurier unerreichbar blieb; Samen wurden in immer härtere Schalen verpackt, die Vögel antworteten mit härteren Schnäbeln; Blätter wappnen sich mit eingelagerten Giften gegen das Gefressenwerden, Insekten entwickeln Resistenzen gegen die Gifte, oder sie taten sich mit giftfesten Lebewesen zusammen wie die Blattschneiderameisen, die vor 50 Millionen Jahren die Agrikultur respektive Hortikultur erfanden und seither zum beiderseitigen Nutzen Pilze kultivieren: Die Ameisen brechen die Wachsschichten der Blätter auf, das können die Pilze nicht, den Pilzen tun die - für Ameisen ungenießbaren - Gifte nichts, sie entschärfen sie, und gegen diesen Zangenangriff haben die Pflanzen noch kein Antidot gefunden.

Das alles kann man in der Klimageschichte an Warm- und Kaltzeiten ablesen, aber irgendwann hatte die je andere Seite nachgerüstet - und irgendwann wird ein Baum etwas gegen die Blattschneider/Pilze erfinden -, das Pendel schlug zurück. Das ist seit Homo faber vorbei, Beil und Säge dringen durch jede Rinde, und Brandschutz hat Holz auch keinen: "Der dunkle, in großen Massen sich entwickelnde, übelriechende Rauch bedeckt meilenweit die Lande, die Sonne verdunkelnd, so dass sie wie eine trübe Scheibe erscheint." Indonesien, Amazonien anno 2000? Norddeutschland, 17. Jahrhundert, man fackelte Moore ab.

Weiter im Süden qualmte es auch, man spülte Salz aus den Bergen und kochte es ein, vor allem am Dürrenberg in Hallein: "Während der Blüte im 15. und 16. Jahrhundert wurden 30.000 Tonnen im Jahr gefördert", hat Landschaftsplaner Heinz Wiesbauer in den Archiven erhoben: "Dazu brauchte man 130.000 Raummeter Holz. Das entspricht einem 65 Kilometer langen, einen Meter breiten und zwei Meter hohen Stoß."

Die Folgen waren fatal - Erosion, Hochwasser, Flussverlagerung, Versumpfung -, aber das bekümmerte die Salzbarone weniger als die Nachschubfrage. Ab dem 16. Jahrhundert wurden Waldordnungen erlassen, die erst die Entnahme und dann auch den Neubau regelten, so entstand aus ökonomischen Motiven, was heute das Zauberwort der Ökologie ist: Die "nachhaltige" Nutzung, "sustainability". An ihr liegt es allerdings nicht - sondern am Bauernsterben in den unprofitablen Bergen -, dass sich heute in Mitteleuropa das Grün so breit macht, dass die Tourismusindustrie um die Wanderer fürchtet, weil man im Wortsinn vor Bäumen keinen Wald mehr sieht, im Schwarzwald laufen Kampagnen gegen "Verfichtung" und "Verfinsterung".

Aber wollen die Deutschen überhaupt etwas anderes sehen als Bäume? Haben sie angesichts der vergilbenden Blätter und Nadeln in den Achtzigerjahren nicht so in die Mikrofone geheult und mit den Schlagzeilen geklappert, dass man seither in jedem Land der Erde das Wort "Waldsterben" versteht? "Das Massensymbol der Deutschen war das Heer", diagnostizierte Elias Canetti in "Masse und Macht": "Aber das Heer war mehr als das Heer: Es war der marschierende Wald. Das Rigide und Parallele der aufrecht stehenden Bäume, ihre Dichte und ihre Zahl erfüllt das Herz des Deutschen mit tiefer und geheimnisvoller Freude."

Der marschierende Wald? Solange er nur nicht die Berge hinaufmarschiert, das ist seit Macbeth - "until great Birnham Wood onto high Dunsinane Hill shall come" - ein dunkles Omen. Aber er marschiert hinauf, wenn die Erwärmung fortschreitet, allerdings in seinen Zeitmaßen. "Die Bewaldung der Gipfel in den Ostalpen wird von zehn Prozent auf 24 bis 59 Prozent steigen", weiß Stefan Dullinger (Ökologie und Naturschutz, Uni Wien), der verschiedene Erwärmungsszenarien durchgerechnet hat (Eco-logy, 92, S. 241): "Aber das wird lange dauern, die Zahlen gelten für das Jahr 3000." [*]

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