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Wie Facebook zu einer politischen Waffe wurde

Facebook, Zuckerberg
Berühmt wie ein Staatsmann. Der chinesische Künstler Zhu Jia lud 50 Künstler aus aller Welt ein, für eine Schau in Singapur Facebook-Gründer Marc Zuckerberg ikonenhaft darzustellen.(c) REUTERS (EDGAR SU)

Zehn Jahre Facebook. Heute ist das soziale Netzwerk mehr als eine Plattform, auf der man Privates teilt. Es ist ein Instrument - für Revolutionäre und für staatliche Überwachungsapparate.

Die Ägypter lieben politische Witze. Einer geht so: Der gestürzte Präsident Hosni Mubarak trifft im Jenseits seine Vorgänger Anwar as-Sadat und Gamal Abdel Nasser. „Was hat euch getötet?“, fragt Mubarak. „Gift“, antwortet Nasser, der wilden Verschwörungstheorien zufolge einem Meuchelmord zum Opfer gefallen sein soll. „Eine Kugel“, sagt Sadat, der von Attentätern erschossen wurde. „Und was hat dich umgebracht?“, wollen daraufhin die beiden von Mubarak wissen. „Facebook“, antwortet der abgesetzte Machthaber.

Der Witz zeigt: Zehn Jahre nach seiner Gründung ist Facebook heute weit mehr als eine Internetplattform, auf der weltweit mit Freunden Privates ausgetauscht wird. Facebook gilt als Waffe, die – so wie einst Gift und Kugeln – Diktatoren beseitigen kann. Und es ist auch eine Waffe, die von der anderen Seite eingesetzt wird – von staatlichen Überwachungsapparaten, die im Netz nach Spuren fahnden, die Gesuchte hinterlassen.

Berichte über Regimeverfehlungen

Die Aufstände in der arabischen Welt als reine „Facebook-Revolutionen“ zu beschreiben, greift zu kurz. Bleibt man bei dem ägyptischen Witz, so könnte Mubarak im Jenseits noch viele andere Ursachen für seinen politischen Tod Anfang 2011 nennen: den Unmut, der angesichts der schlechten sozialen Lage und des immer hochmütigeren Herrschaftsstils des Mubarak-Clans alle Teile der ägyptischen Bevölkerung durchdrungen hatte und eine breite Oppositionskoalition auf den Tahrir-Platz trieb. Oder die Machtgelüste der Militärführung, die den Präsidenten schließlich aus dem Amt entfernte.

Soziale Medien waren aber ein wichtiges Werkzeug bei der Vorbereitung der Aufstände in Tunesien, Ägypten, Libyen und Syrien und der Kommunikation zwischen den Aktivisten während der Revolten. Die tunesische Bloggerin Lina Ben Mhenni munitionierte ihre Facebook-Seite mit Berichten über Verfehlungen des Regimes und die Proteste dagegen auf. Und auf der populären Facebook-Seite „Wir sind alle Khaled Said“, die im Gedenken an einen gleichnamigen, von Polizisten getöteten Ägypter eingerichtet worden war, wurde zu den ersten großen Kundgebungen gegen Mubarak aufgerufen.

Über ägyptische und tunesische Facebookseiten informierten sich syrische Aktivisten über Hausmittel gegen Tränengas und darüber, wie man im Angesicht von Polizisten, Soldaten und Geheimdienstlern seine eigene Angst überwindet. Und das setzt sich auch in anderen Teilen der Welt fort. Bei den Protesten, die derzeit die Ukraine erschüttern, geben die Demonstranten via Facebook Informationen über Kundgebungen und Gegenmaßnahmen der Polizei weiter. Und bei der Welle der Anti-Putin-Kundgebungen vor zwei Jahren vernetzte sich die russische Opposition über Facebook und das russische Pendant, die Plattform VKontakte.

Abschalten oder überwachen?

Ägyptens Regime versuchte dem oppositionellen Treiben im Netz anfangs beizukommen, indem es das Internet völlig abschaltete. Eine brachiale Methode, die – angesichts der massiven Auswirkungen auf die Wirtschaft des Landes – auch nur einige Tage durchgehalten werden konnte. Auch für die Machthaber des Iran gilt Facebook als subversiv und wird immer wieder blockiert. Gleichzeitig benutzt der neue Präsident Hassan Rohani die Internetplattform selbst als Propagandawerkzeug, mit dem er ein internationales Publikum zu erreichen versucht.

Internet und Facebook sind auch unerschöpfliche Quellen für Regime, wenn es darum geht, die eigenen Bürger zu bespitzeln. Und nicht nur Sicherheitsdienste von Diktaturen nützen diese Möglichkeit. Auch die amerikanische NSA und wohl auch Geheimdienste anderer demokratischer Staaten durchleuchten Internetplattformen. Ja, sogar Personalbüros von Unternehmen versuchen mittlerweile über Facebook Informationen über künftige Mitarbeiter zu bekommen.

Ägyptens Mubarak-Regime hat Facebook anfangs jedenfalls nicht ernst genommen. Die kritischen Geister, die sich dort vernetzten, wurden von Regimemedien „Loser im Internet“ bezeichnet, die in einer virtuellen Welt lebten. Doch schließlich verließen die Aktivisten die virtuelle Welt und eroberten Kairos Tahrir-Platz. Facebook war dabei eine wichtige Waffe. Ausgefochten musste die Revolution aber trotzdem auf der Straße werden.

DIE FAKTEN ÜBER FACEBOOK

1,2 Milliarden Menschen sind mindestens einmal im Monat auf Facebook. 945 Millionen davon nutzen das soziale Netzwerk dabei auch – oder vor allem – über mobile Endgeräte. Die Nutzer haben dabei seit dem Start von Facebook bereits 201,6 Milliarden virtuelle Freundschaften miteinander geschlossen und „liken“ pro Tag sechs Milliarden Videos, Websites oder Kommentare. Seit Oktober 2005 wurden 400 Milliarden Fotos geteilt und seit 2012 7,8 Billionen Nachrichten über den Messenger versandt. Facebook erzielte dank Werbung im Vorjahr einen Umsatz von 7,9 Milliarden Dollar und einen Gewinn von 1,5 Milliarden Dollar. Der Konzern beschäftigt 6300 Mitarbeiter weltweit.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.02.2014)