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Brigitte Fassbaender: "Die Jungen arbeiten risikolos"

Fassbaender
Fassbaender(c) APA/ROBERT PARIGGER (ROBERT PARIGGER)

Brigitte Fassbaender tauschte Sänger- und Intendantenleben mit dem Regiesessel und erarbeitet an der Volksoper gerade Brittens Komödie "Albert Herring".

Es ist ein so geistreiches Stück“, sagt Brigitte Fassbaender auf die Frage, wie man um Publikum für ein hierzulande rares Musiktheaterwerk werben sollte. Die langjährige Intendantin des Innsbrucker Opernhauses inszeniert gerade an der Volksoper in Wien. „Albert Herring“ ist freilich Wiener Musikfreunden, die schon länger in die Oper gehen, ein Begriff: Benjamin Brittens hintersinnige Komödie stand im Haus am Gürtel schon einmal auf dem Programm.

Publikumslieblinge wie Adolf Dallapozza und Sena Jurinac engagierten sich Mitte der Siebzigerjahre in der Ära Karl Dönch für das 1947 in Glyndebourne uraufgeführte Stück nach einer skurrilen Novelle von Guy de Maupassant, in der der Sohn einer Gemüsehändlerin über (eine durchzechte) Nacht zum meistgesuchten jungen Mann einer Kleinstadt wird.

Mit dieser Version seiner oft variierten Geschichte des inmitten der Gesellschaft einsamen Individuums hat Britten uns, meint Brigitte Fassbaender „eine echte Komödie geschenkt. Derer gibt es ja nicht so viele. Außerdem singen das alle gern, denn hier gibt es eigentlich keine Nebenrollen. Alle Figuren sind so prägnant gezeichnet“, auch der kürzeste Auftritt einer Figur rückt diese im Moment in den Mittelpunkt.

Um sich einem für sie neuen Stück zu nähern, nimmt sich Brigitte Fassbaender Zeit. „Vorlaufzeit ist mindestens ein Jahr“, sagt sie, „wenn man weiß, man hat dieses oder jenes Werk zu inszenieren, dann fängt man ja schon an, sich damit zu beschäftigen. Dann lässt man es wieder eine Weile liegen, befasst sich auch mit dem Umfeld, mit dem Komponisten – eine richtige Versenkung in die Materie, die ist schon nötig.“

 

Vom nötigen Ernst des Opernregisseurs

Dass es jüngere Kollegen gibt, die mit dem neu gekauften Reclam-Textheft zur ersten Probe erscheinen, weiß Fassbaender, versteht es aber so wenig wie manch andere zeit(un)geistige Erscheinung. Erinnert sie sich an die Jahre ihrer großen Sängerkarriere, dann gab es unter den Regisseure nur wenige schwarze Schafe: „Die konnten überwiegend doch Noten lesen und waren musikalisch versiert.“ Andernfalls dürfe man sich einer Oper eigentlich nicht zuwenden: „In der Oper ist ja doch die Musik die primäre Inspirationsquelle, sie sagt ja doch aus, was man mit Worten nicht mehr fassen kann.“

Und sie gibt das richtige „Timing“ der jeweiligen Szene vor. Unter Umständen auch etwas, was heutzutage auf der Bühne beinah verpönt scheint: Ruhe, Momente des Innehaltens. „Das gilt jetzt vielleicht nicht gerade für eine Burleske wie ,Albert Herring‘, aber oft ist doch auch eine leere Bühne, ein Moment des Hineinhörens wunderbar.“

Freilich habe man heute auch mit einem anderen Publikum zu rechnen als noch vor 20, 30 Jahren: „Oft bringen die Zuschauer die Geduld nicht auf“, sagt Fassbaender, aber wenn die „Daueraktion“ im Trend der Zeit liege, dann könne man sie schon aus Prinzip hinterfragen: „Man muss sich nie einem Trend anschließen. Ich hab's jedenfalls immer vermieden.“

Zeit zum Innehalten hat Brigitte Fassbaender auch nach dem Ende ihrer Innsbrucker Intendanz kaum gefunden. Angebote für Regiearbeiten kommen aus aller Welt – und sind oft so reizvoll, dass an ein Ablehnen nicht zu denken ist. Auch ein Britten wird dabei sein und noch einmal der „Rosenkavalier“, den sie selbst so oft gesungen hat und mittlerweile auch schon mehrmals auf die Bühne gebracht hat. Noch einmal der „Rosenkavalier“: „Ja, es gibt Momente, in denen die Herausforderung so spannend ist, dass man nicht Nein sagen kann!“ Aber verraten wird noch nichts, denn die Freude der Bekanntgabe liegt traditionsgemäß beim zuständigen Intendanten . . .

Und da sind die Meisterkurse, die Brigitte Fassbaender gern hält, um der kommenden Sängergeneration weiterzuhelfen – nicht zuletzt in Eppan, wo sie ihr eigenes Festival ausrichtet (heuer vom 6. bis 13. Juli) und sich freut, dass der Liedgesang zumindest für die jungen Sänger noch eine Rolle spielt, auch wenn kaum mehr ein Intendant es wagt, Liedprogramme zu avisieren.

„Wenn ich zurückdenke, ich hatte oft zehn oder zwölf Liederabende in einem Monat!“ Das sei heute völlig undenkbar, und doch sei der Liedgesang auch für einen Opernsänger die unverzichtbare Grundlage.

 

Das Lied als natürliche Grundlage

Der Unterschied zwischen den Nachwuchskräften und den Sängern der Fassbaender-Generation? „Die Jungen arbeiten risikolos, nicht individuell. Man hat das Gefühl, es geht nur noch um Schöngesang, die Oberfläche, die Verpackung, nicht um die Aussage.“ Die Aufgabe einer „Meisterin“ gegenüber ihrer „Klasse“: „Man muss sie wachrütteln und ihnen Mut machen zum risikoreichen Arbeiten.“ Das ist nicht immer leicht: „Manchmal muss man zehn Meter hoch springen, damit sie sich zwei Millimeter bewegen.“

Das ist vielleicht auch eine Frage der Konzentrationsfähigkeit: „Viele halten es ja keine zehn Minuten aus, ohne zu schauen, wer gerade welches SMS geschickt oder was wo gepostet hat.“ Dergleichen führe in Wahrheit zu einer „großen Vereinsamung, und auf der anderen Seite dazu, dass man sich pausenlos mit Unwichtigem beschäftigt“. Den Durchbruch schaffen freilich, da ist sich die Künstlerin sicher, „nur die, für die das Singen wirklich Passion ist. Die anderen werden dem Betrieb vielleicht künstlich aufgepfropft. Ich fand aber immer, es ist viel besser, sich rarzumachen, als dass ein Name dem Publikum eingehämmert wird wie ein Reklameartikel.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.02.2014)