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Bosnien: Demonstranten stürmen Regierungsgebäude

Demonstrant in TuzlaReuters
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Die Sozialproteste breiten sich auf das ganz Land aus. In Sarajewo wurde der Staatspräsidiums-Sitz gestürmt.

Sarajewo. Aus den Fenstern der zentralen Gebäude des bosnischen Staates stiegen Flammen auf. Erst brannte das Gebäude der Kantonalverwaltung, dann der Sitz des Staatspräsidiums. Das Herz des politischen Bosniens. Tausende Demonstranten hielten am Freitag in der Hauptstadt Sarajewo die Polizei in Schach, die aber ohnehin nur sporadisch eingriff. Erst am Freitagabend begann sie das Gelände zu räumen. Die Feuerwehr war nicht zu sehen. Ein paar Hundert Jugendliche hatten zuvor ungehindert die Fenster eingeschlagen und Brandsätze durch die Fenster geworfen.

Erst müsse das zerstört werden, „was uns alle bedrückt", erklärte ein Militanter seine Motive. Die Macht der nationalistischen Parteien von Kroaten und Bosniaken, HDZ und SDA, und dazu die Partei des serbischen Nationalisten Milorad Dodik müssten weg. Das Abkommen von Dayton sei schlecht für Bosnien und Herzegowina. „Wir müssen jetzt zerstören um wieder aufbauen zu können. Weg mit diesen korrupten Politikern."

Die Bewegung ist spontan, ohne Unterstützung einer Partei. Nicht einmal die Naša Stranka („Unsere Partei"), die nicht nationalistische Partei der Zivilgesellschaft, hat Einfluss auf die Demonstranten. Zu den Kundgebungen kommen Menschen aus allen Schichten der Gesellschaft. Ein Staatsrechtsprofessor ist ebenso dabei wie ein Theaterdirektor.
Beide heißen die Aktionen der Jugendlichen gut. „Wir brauchen eine Revolution, um endlich weiterzukommen. Die internationale Gemeinschaft hat diese Diebe und Banditen unterstützt, damit muss Schluss sein." Und der Theaterdirektor rät den Polizisten, sich mit den Demonstranten zu solidarisieren. „Warum unterstützt ihr die Repräsentanten eines Nichtstaates."

Begonnen hatte alles am Mittwoch mit Protesten von Arbeitern in Tuzla, die seit 27 Monaten keinen Lohn mehr erhalten hatten. Am Freitag breiteten sich die Demonstrationen im Land wie ein Flächenbrand aus. Mit den Rufen „Diebe" und „Verschwindet!" belagerten Demonstranten das Gebäude des Kantonsverwaltung in der 100.000 Einwohner zählenden Stadt Zenica. Proteste gegen die lokalen Politiker gab es in Bihać, wo ebenfalls das Kantonsgebäude besetzt wurde, in Donji Vakuf, Sanski Most, Brćko und Mostar.
Der Präsident des Kantons Tuzla trat Freitagabend zurück. Ruhig verliefen kleinere Proteste in Banja Luka und Prijedor in der „Serbischen Republik".

Für den heutigen Samstag sind größere Demonstrationen in Prijedor und Banja Luka angekündigt. Der serbische Professor Srdjan Puhalo erklärte, die nationalistischen Parteien hätten riesige Angst davor, dass sich die Menschen verbünden könnten. Das Schüren des Nationalismus mache ihre Macht aus, doch die könne verschwinden, wenn die Menschen ihre gemeinsamen sozialen Probleme entdeckten.

Fahruddin Radončić, Politiker, Vorsitzender der Partei „Für eine bessere Zukunft", Chef der größten Zeitung Dnevni Avaz und Innenminister, erklärte, die Kantonsregierungen seien an der Lage schuld, er habe auf die Brisanz der Situation wiederholt hingewiesen. Er sprach von einem „Tsunami", der über das Land hereingebrochen sei.

„Internationale helfen Dieben"

Dass der Hohe Repräsentant der Internationalen Gemeinschaft, der Österreicher Valentin Inzko, nicht ausschloss, dass im äußersten Notfall auch die Soldaten der Friedenstruppe Eufor zum Einsatz kommen könnten, kostet die Demonstranten ein Lachen. „Das ist nichts Neues, die Internationalen haben immer die Diebe und Verbrecher unterstützt. Wo sind denn alle Politiker, sitzen die in Butmir in der Zentrale der Eufor-Truppen und zittern dort?"