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Bernhard und die Kaiserliche Hoheit

Kultig: Geschichten über Thomas Bernhard – alphabetisch von seinem Freund Wieland Schmied sowie ungereimt von seinen wichtigsten Verlegern.

Die nicht seltene Fiktionalisierung des eigenen Lebens, die über ein Vierteljahrhundert währenden, von den Medien geradezu rituell zelebrierten Bernhard-Skandale, die ambivalente Haltung gegenüber seiner öffentlichen Rolle und auch die Schöngeister irritierenden, scheinbaren Widersprüche zwischen Lebensführung und Kunstauffassung des Autors, haben das österreichische Publikum geradezu süchtig nach Geschichten über Thomas Bernhard gemacht. Ein zuverlässiger Dealer für Bernhardiana aller Qualitätsklassen ist Richard Pils, der rührige Eigner der „Bibliothek der Provinz“. Zum 25.Todestag legt er ein von Wieland Schmied verfasstes Alphabet zu Bernhard vor: Es reicht von „A“ wie Auersberger, jener Kunstfigur aus „Holzfällen“, die massiv auf den Komponisten Lampersberg anspielte, über „C“ wie Canetti, „T“ wie Trakl bis „Z“ wie Zweifel.

Hier spricht einer der letzten Überlebenden der Bernhard Nahestehenden, einer, der nicht nur bereit ist zu sprechen, sondern der Bernhard auch intellektuell gewachsen war und es verstand, konfliktfrei mit dem Schwierigen umzugehen. Man kannte sich – mit unterschiedlicher Intensität – von 1954 bis zu Bernhards Tod. Schmied ermöglichte die Publikation von „Frost“, man war sozusagen benachbart und sprach sich über vieles aus, – etwa über Francis Bacon, über Kunst, Alltägliches und Privates; hier wahrt Schmied Diskretion. Die Beziehung war asymmetrisch, wie so viele in Bernhards Leben. „Ich empfand für ihn Freundschaft“, so Schmied heute, „Thomas Bernhard hatte für niemanden das Gefühl der Freundschaft. Er war dazu nicht fähig, und er zeigte es offen.“

So ist dieses Alphabet also der letzte Freundschaftsdienst, die Texte sind heterogen und folgen in der Gestaltung der Vorgabe durch das Titelwort. Der kleine Artikel über den Tierpräparator Höller, eine Figur aus „Korrektur“, enthält eine schöne Interpretation dieses sperrigen Romans. Schmied hat die Fähigkeit, mit wenigen Strichen Personen oder Ereignisse derart prägnant zu zeichnen, dass im Leser das Gefühl entsteht: So habe ich mir das eigentlich vorgestellt.

Essays – wie der schöne Text über die Bedeutung von Orten für Bernhard – wechseln in alphabetischer Ordnung ab mit Kontextualisierungen, Richtigstellungen ohne Rechthaberei oder dem Abschluss einer Diskussion, die der Autor mit Bernhard nicht zu Ende gebracht hatte: Schmied greift jenes Problem auf, an dem sich der Protagonist der „Alten Meister“, der Kunsthistoriker Reger abarbeitet – gibt es die „große Kunst“ wirklich, oder ist sie nicht nur ein Bluff, den der Kenner, der den Fehler sieht, mit Anstrengungen entlarvt. In einem weisen Text, der gleichzeitig die Summe aus Schmieds lebenslanger Beschäftigung mit Kunst zieht, hebt er die Dichothomie zwischen „Meisterwerk“ und „Fehlerhaftigkeit“ auf und argumentiert, dass unsere Liebe zu einem Kunstwerk dieses nie als Ganzes umfasst, sondern einem herausragenden Teil gilt, der uns den „Fehler“ übersehen lässt.

Zur Werkgeschichte gehört wohl auch die Beziehung zu den Verlegern, was Bernhard betrifft, ein von der Literaturwissenschaft bisher stiefmütterlich behandelter Bereich. Manuela Dressels Monografie schließt hier eine Lücke. Der Briefwechsel zwischen Bernhard und Siegfried Unseld ist multimedial verbreitet, Bernhards ständige Klagen über mangelnde Unterstützung und nicht ausreichende Dotierung seiner Arbeit kennt man ebenso, wie die Kränkung, die er Unseld zufügte, indem er sein bestverkauftes Werk – die Autobiografie – trotz gegenteiliger Versprechen dann doch dem Residenz Verlag überließ. Tatsächlich hat – so Dressel – Bernhard sechs Verlage „durchwandert“, bevor er endgültig bei Suhrkamp und Residenz gelandet ist.

Das Spiel ums Geld, die Klage der Vernachlässigung, das findet sich andeutungsweise auch im nur lückenhaft dokumentierten Verhältnis zu den anderen Verlegern. Manuela Dressel dokumentiert allerdings eine große Ausnahme, das Verhältnis des Österreich-Feindes zum Residenz Verlag bis zum Verkauf an den staatlichen Bundesverlag: gegenüber Wolfgang Schaffler (und auch gegenüber dessen Nachfolger, Jochen Jung) scheint Bernhard recht „handzahm“ gewesen zu sein. Man kann spekulieren, dass der kulturell gar nicht so versierte Schaffler seinem Autor spontan das gegeben hat, was ihm Unseld mit ein wenig Berechnung zu geben versuchte: das Gefühl einer verlässlichen Freundschaft. Ein Interview mit Jochen Jung fügt übrigens den zahlreichen Bernhard-Anekdoten eine neue hinzu: Im Gespräch mit Otto Habsburg habe Bernhard diesen per „Kaiserliche Hoheit“ angeredet. Wie soll man das wohl verstehen? ■

Manuela Dressel

Thomas Bernhard und seine Verleger

204S., brosch., €29 (danzig & unfried Verlag, Wien)

Wieland Schmied

Auersbergers wahre Geschichte

und andere Texte über Thomas Bernhard. Ein Alphabet. 168 S., geb., €24 (Bibliothek der Provinz, Weitra)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.02.2014)