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Von der Liebe bleibt nur Asche

Müller und Trissenaar
(c) APA/EPA/HERBERT NEUBAUER
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Hans Neuenfels inszenierte Heiner Müllers „Quartett“. Elisabeth Trissenaar und Helmuth Lohner erfreuen und erschüttern als altes Paar.

Wir spielen immer, wer es weiß, ist klug“, sagt Schnitzler. „Die ganze Welt ist Bühne, und alle Frauen und Männer bloße Spieler“, heißt es bei Shakespeare. Das Alter gilt gewöhnlich als Phase der Gelassenheit und des Rückzugs – aber die rüstigen heutigen Senioren wollen oft auch „over 50, 60“ und womöglich gar „over 70“ von der Party nicht lassen. Und wenn die Gesellschaft fehlt, vertreibt man sich eben die Zeit zu zweit – wie die Marquise de Merteuil und der Vicomte Valmont in „Gefährliche Liebschaften“. Diese finden in Heiner Müllers „Quartett“ nur mehr im Kopf und in der Sprache statt.

DDR-Literat Müller (1929–1995) nahm in sarkastischer Weise eine Oberschicht aufs Korn, die keinerlei Pflichten und Aufgaben hat und nur mehr für ihre Intrigen, leeres Geplänkel, affektierte Ziererei lebt. Schelm Müller ist seit bald 20 Jahren tot, Sprache, Dramaturgie seines Stückes wirken etwas altertümlich – aber recht hat er doch. Hans Neuenfels hat in Interviews versprochen, dass er den Witz im oft spröde wirkenden Müller aufspüren will. Das ist ihm gelungen, aber die Josefstädter Aufführung hat auch etwas Unheimliches, Krasses, Grausames. Das Publikum schien einiges wiederzuerkennen, was hier mit Zähnen und Klauen verhandelt wird – und amüsierte sich zum Teil prächtig bei der Premiere am Donnerstag.

Dass die Welt Bühne ist, wird durch das Bühnenbild deutlich: Merteuil und Valmont (bei Müller ohne ihre Adelstitel) scheinen keinen Moment zu vergessen, dass sie beobachtet werden. Schon im minimalistischen Arrangement (Bühne, Kostüme: Reinhard von der Thannen) ist mit wenigen Strichen das System gezeichnet: Männer sind Jäger, Frauen sind Beute, junge Frauen werden an alte Männer verschachert, die sich dann ständig fürchten müssen vor anderen alten oder jungen Männern, die ihnen ihre hübsche Gattin wegnehmen.

 

Das abgeklärte Alter gibt's gar nicht

Jeder betrügt jeden, Konversationen sind grundsätzlich verlogen, sonst wird es langweilig. Echte Gefühle haben hier keinen Platz. Trotzdem spinnt die grandiose Elisabeth Trissenaar, höchst elegant und vorteilhaft eingekleidet im violettem Gehrock aus Samt, nicht nur gemeine Ränke, sie ist auch eine leidende Frau, gepeinigt von Eifersucht und Triebhaftigkeit: Abgeklärtes Alter? Von wegen. Helmuth Lohner als Valmont verbirgt sich mehr, vor der wilden Madame, deren ausschließliche Vereinnahmung diesen Herrn wohl schon vor Jahren verschreckte, als die Liebe zwischen den beiden noch intakt war. Er flüchtet sich in die Aufschneiderei eines Mannes, dessen Taten nicht mehr so ganz mit seinen Worten mithalten können.

Das Herz bleibt einem stehen, wenn dieser Valmont so tut, als bliebe ihm das Herz stehen. Es ist aber auch heiter, wenn Lohner kokett seine Halsketten durch die Lippen zieht, sich spreizt und auf das Bett legt, ein weibliches Appetithäppchen vorspielt, und zwar sich selbst in der Gestalt der Merteuil. Der Irrgarten im Prater ist ein übersichtlicher Ort im Vergleich zu den Spiegelfechtereien, die diese zwei Leute betreiben. Neuenfels sorgte für Klarheit, Konsequenz. Theater wirkt sonst oft im Vergleich zum Film einstudiert, hier klingt der schwierige, gestelzte Text erstaunlich selbstverständlich.

Manche dieser Beziehungsspiele sind wohl bis heute üblich: Der Mann redet der Frau ein, dass er ihre Tugend schützt, die heute wohl Freiheit hieße. Er schleicht mit Bekenntnissen seiner Prinzipienfestigkeit noch um die Nackte herum, aber letztlich lauert er bloß auf den Moment, in dem er sie überwältigen kann. Und sie tut so, als würde sie das alles gar nicht interessieren, während sie in Wahrheit kocht, vor Gier oder Zorn. Letztlich bleibt von der Liebe nur Asche.

Einige Besucher blickten indigniert drein– wegen manch drastischer Worte („Masturbation mit dem Kreuz“) oder wegen des morbiden Charakters der Aufführung? Der Applaus fiel aber recht kräftig aus, lang genug, dass Josefstadt-Debütant Neuenfels seinem geliebten Wiener Publikum Küsschen zuwerfen konnte, nachdem er zuvor nicht gleich den Weg zur Bühne gefunden hatte. Von den drei Akteuren ist Trissenaar – mit ihrem zerzausten roten Haar, das etwas hier durchaus passend Clowneskes hat, und ihrem lebhaften Blick aus dunklen Augen – die vitalste. So wie das oft auch bei den Damen der echten Gesellschaft der Fall ist. Dass dies – wie im Vorfeld gemunkelt wurde – nur eine müde Veranstaltung werden kann, davon kann jedenfalls keine Rede sein.

Was den drei Protagonisten an jugendlicher Frische fehlt, kompensieren sie mit Souveränität, Erfahrung und einem teils sarkastischen, teils bestialischen Humor, durchaus im subversiven Sinne Heiner Müllers.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.02.2014)