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Krebs: Der Kampf gegen den Terroristen in unserem Körper

Lungenkrebs
Lungenkrebs(c) Wikipedia
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Alarmierende Zahlen der WHO über den Anstieg der Krebserkrankungen sorgten zuletzt für Verunsicherung. Bei genauerem Blick auf die Statistiken wird eines deutlich: Das Risiko ist in den vergangenen Jahrzehnten gesunken.

Im Jahr 2012 starben weltweit 8,2Millionen Menschen an Krebs. Und in den kommenden zwei Jahrzehnten dürfte diese Zahl auf bis zu 13 Millionen ansteigen. 14 Millionen Neuerkrankungen gab es allein im Jahr 2012; bis 2025 könnte diese Zahl um rund 40 Prozent steigen und könnten weltweit jährlich 20 Millionen Menschen an Krebs erkranken. Es sind alarmierende Zahlen, die die Weltgesundheitsorganisation (WHO) vor wenigen Tagen veröffentlicht hat. In Kombination mit Nachrichten über die Erkrankungen Prominenter, zuletzt etwa des Grün-Politikers Karl Öllinger oder von Nationalratspräsidentin Barbara Prammer, resultieren daraus Schlagzeilen, die betroffen und hilflos machen – das Geschwür Krebs, das die Welt immer stärker in Geiselhaft nimmt, so kommt die Botschaft an. Und daneben steht die Menschheit, der es trotz all des technischen und medizinischen Fortschritts nicht und nicht gelingt, diesem Terroristen in unseren Körpern endlich Herr zu werden.

Doch bei all der Angst und der persönlichen Betroffenheit vieler Erkrankten und ihrer Angehörigen lohnt sich ein differenzierter Blick auf die Hintergründe all dieser Zahlen. So lässt sich etwa ein Teil der Steigerungen darauf zurückführen, dass die Bevölkerung der Erde nach wie vor wächst. Mit ein Grund ist auch, dass die Lebenserwartung immer höher geworden ist und sie weitersteigen wird. Zynisch gesagt erleben viele Menschen in höherem Alter ihren Krebs deswegen, weil sie nicht schon vorher an einer anderen Krankheit gestorben sind – was natürlich für von der Krankheit Betroffene kein Trost ist. Schließlich lässt sich ein Teil des weltweiten Anstiegs schlicht und einfach mit steigendem Wohlstand in wirtschaftlich aufstrebenden Ländern erklären. Dieser ist zwar grundsätzlich positiv, führt aber auch dazu, dass schädliche Verhaltens- und Lebensgewohnheiten übernommen werden, etwa bei der Ernährung.


Österreich und das Risiko. In Ländern, die schon länger wirtschaftlich gut dastehen, sieht es zum Teil deutlich anders aus. So sind die Neuerkrankungen in Österreich sogar zurückgegangen. Die Statistik Austria verglich kürzlich die Zahlen der Jahre 2001 und 2011 miteinander – und während vor 13 Jahren noch 37.137 Menschen in Österreich an Krebs erkrankten, waren es 2011 nur mehr 37.067. Und das bei gestiegenen Bevölkerungszahlen. Die absolute Zahl der Menschen, die ihrer Krebserkrankung erlagen, stieg zwar an– von 18.487 im Jahr 2001 auf 19.992 im Jahr 2011 –, doch prozentuell ging die Krebssterblichkeit im Vergleichszeitraum zurück. Bei Männern sank sie um 14, bei Frauen um acht Prozent. Insgesamt, resümieren die Experten der Statistik Austria, gehe das Risiko, an Krebs zu erkranken oder daran zu sterben, in Österreich jedenfalls zurück.

Mitverantwortlich dafür sind unter anderem ein stärkeres Bewusstsein für gute Ernährung, das Ausschalten von Risikofaktoren in der Umwelt und eine bessere medizinische Vorsorge. Wobei Letztere mittlerweile so gut ist, dass so mancher Experte sogar schon Nachteile darin erkennt: „Mit den Vorsorgeprogrammen und so weiter finden wir sogar die kleinsten Tumore, die wir früher nie entdeckt hätten“, sagt Ferdinand Frauscher, Radiologe an der Medizinischen Universität Innsbruck. Werde jemand durch einen modernen Computertomografen geschickt, „wird er sicher irgendeinen kleinen Herd haben“, so Frauscher. „Die Frage ist nur, ob dieser wirklich bedrohlich für ihn ist und ob man ihn therapieren muss.“ Immerhin würden etwa Frauen beim Brustkrebsscreening alle zwei Jahre einer Strahlung ausgesetzt. „Und Männer werden durch zu intensive Therapien inkontinent und impotent.“ Auf der anderen Seite habe man durch gewisse Vorsorgeuntersuchungen auch schon große Erfolge erzielt. Dass etwa Darmkrebs besser erkannt oder sogar verhindert werden kann, sei der Koloskopie zu verdanken: „Da finde ich einen kleinen Polypen und entnehme ihn“, sagt Frauscher, „da wird nie ein Krebs entstehen.“


Fortschritte in der Behandlung. Auch in Sachen Behandlung hat sich einiges getan. Klang vor rund vier Jahrzehnten die Diagnose Krebs noch wie ein Todesurteil, gelingt es heute immer öfter, die Krankheit gut in den Griff zu bekommen, das Leben von Krebspatienten deutlich zu verlängern und dabei ihre Lebensqualität zu erhalten – und auch, verschiedene Formen von Krebs vollständig zu heilen.

Gab es früher in der Behandlung nur die drei großen Säulen Operation, Chemotherapie und Bestrahlung, wird heute viel differenzierter vorgegangen. Zunehmend werden sowohl der Tumor als auch der Patient individualisiert betrachtet, werden Medikamente per zielgerichteter Therapie auf bestimmte Genmutationen angesetzt. Als „Spiegelbild der Komplexität unseres Lebens“ bezeichnet Heinz Ludwig, Vorstand der Abteilung für Onkologie am Wiener Wilhelminenspital, die Krankheit. Dementsprechend vielfältig und komplex seien auch die Ansätze in der Behandlung. So lassen sich etwa manche Mutationen mit nur einem Medikament bekämpfen, andere wiederum mit einem Medikamentencocktail. Noch komplizierter wird es, weil sich Krebszellen laufend verändern und dementsprechend anders bekämpft werden müssen.

Große Hoffnungen bei der Behandlung von Krebs setzen Experten derzeit in die sogenannte Immuntherapie. Dass Abwehrzellen gegen den Tumor abgerichtet werden und das körpereigene Immunsystem damit aufmunitioniert wird, ist einer der neuesten Ansätze, zu denen seit einigen Jahren Studien laufen. „Es wird nicht alles lösen“, sagt Ludwig, „aber es ist ein weiterer wichtiger Baustein.“


Bessere Kommunikation. Deutlich gewandelt hat sich auch das Verhältnis zwischen Ärzten und Patienten. „Früher war das hierarchisch strukturiert“, sagt Ludwig. Mittlerweile ist das nicht mehr so deutlich – unter anderem, weil die Ärzte erkannt haben, wie wichtig Kommunikation für den medizinischen Erfolg ist. Aber auch, weil sich die Menschen besser informieren und selbst am Therapieprozess mitwirken wollen. Wobei es hierzulande noch durchaus besser werden könnte: „Es ist ein österreichisches Spezifikum, dass man nicht so gern Verantwortung für sich selbst übernimmt“, meint Ludwig. Dem versucht man, unter anderem mit eigenen Patientenseminaren entgegenzuwirken. Darin wird Information gegeben, wie man als Patient Verantwortung übernehmen kann – etwa, indem man zum Gespräch mit dem Arzt seine Gesundheitsdaten schriftlich aufbereitet und geordnet mitbringt. Indem man vor dem Gespräch überlegt, auf welche Fragen man Antworten bekommen möchte. Und auch, indem man vielleicht einen Partner mitbringt, der mithört und Fragen stellen kann, wenn man sich selbst nicht traut.

Hilfreich kann es auch sein, sich mit anderen Patienten auszutauschen und voneinander zu lernen. Als kompetenter Gesprächspartner könne man, so Ludwig, ganz anders mit den medizinischen Betreuern sprechen. Und natürlich müssen die Menschen auch stärker auf ihren Körper achten – und das nicht erst dann, wenn sie bereits erkrankt sind. Gesunde Ernährung, Bewegung und etwa auch das weitgehende Vermeiden von Stress können bekannterweise das Risiko senken, an Krebs zu erkranken.

Klar ist aber auch, dass Krebs bei allen Fortschritten in der Medizin immer noch eine ernste Krankheit ist. Und dass die Erwartung, dass die Menschheit die Krankheit völlig besiegen kann, in weiter Ferne liegt. „Ich würde im Schüren von Hoffnungen realistisch bleiben“, sagt Heinz Ludwig. Zwar werden die Heilungsraten von Jahr zu Jahr immer besser – aber bei manchen Tumorarten habe man noch einen langen Weg vor sich.

Experten

Heinz Ludwig ist Vorstand der
I. Medizinischen Abteilung für Onkologie und Hämatologie am Wilhelminenspital in Wien.

Ferdinand Frauscher ist Radiologe an der Medizinischen Universität Innsbruck und in einer Praxis in Igls.

Beigestellt

Das Buch

„Leben ohne Ende.Wie ich als Kind den Krebs bezwang“ von Nino Rauch erscheint am 15. Februar. Edition a, 192 Seiten, 19,99 Euro.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.02.2014)