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Bosnien: „Gebt unsere Kinder frei“

(c) REUTERS (STRINGER)
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Bürgerliche Demonstranten verlangten in Sarajewo die Freilassung verhafteter Jugendlicher. Der Unmut über die politische Ordnung von Dayton wird immer größer.

Sarajewo. Die Demonstrationen in Bosnien und Herzegowina reißen nicht ab. Am Sonntag versammelten sich mehrere tausend Menschen in Sarajewo. Mit Trillerpfeifen und den Rufen „Gebt unsere Kinder frei!“ demonstrierten sie im Zentrum der Stadt, zogen zum Justizgebäude und forderten die Freilassung der am Freitag 34 verhafteten Jugendlichen. Es handelt sich dabei vor allem um die bürgerliche Mittelschicht der Stadt, die nun auch in Bewegung geraten ist.

Nach den militanten Demonstrationen von Arbeitslosen und Jugendlichen am Freitag, bei denen in Sarajewo das Gebäude des Kantons und der Präsidentschaft in Brand gesteckt worden waren, hatten sich die Parteienvertreter öffentlich nicht mehr sehen lassen. In den parteinahen Presseorganen wurden die Demonstranten jedoch als Hooligans bezeichnet und in Verbindung mit Drogenhändlern gebracht.

Die Nachricht, durch den Brand im Kantonalsgebäude sei ein wichtiges Archiv für die bosnische Geschichte vernichtet worden, hat allerdings auch viele Bürger schockiert. Noch ist aber unklar, ob das gesamte Archiv, wie behauptet, tatsächlich vernichtet worden ist. Neben dem bosniakischen Mitglied des Präsidentschaftsrats und führenden Politiker der muslimischen Nationalpartei SDA Bakir Izetbegović ist auch der Vorsitzende der Sozialdemokraten, Zlatko Lagumdžija, sprachlos geworden. Beide sahen sich nicht in der Lage, adäquat auf die Sorgen der verarmten Bevölkerung einzugehen. Lediglich der Innenminister, der Vorsitzende der Fortschrittspartei und Verleger der Tageszeitung „Dnevni Avaz“, Fahrudin Radončić, zeigte Sympathie für die Demonstranten.

Die militanten Demonstranten hatten am Freitag auch die oppositionellen Intellektuellen Sarajewos aufgefordert, die politische Führung der spontanen Bewegung zu übernehmen. Große Hoffnungen richten sich auf die nicht nationalistische Oppositionspartei Naša Stranka, die bei den letzten Wahlen in Sarajewo acht Prozent der Stimmen erreichen konnte. Doch bisher ist noch nichts geschehen.

 

Dodik wittert Verschwörung

Die Demonstranten werfen den Politikern der meisten Parteien vor, lediglich für die Interessen ihrer eigenen Klientel Politik zu machen, nicht jedoch für die gesamte Gesellschaft. Im Internet sind nun Forderungen der Demonstranten aufgetaucht, die eine Reduzierung der Politikergehälter fordern. Andere Forderungen gehen weiter: das gesamte politische System, das in Bosnien im Rahmen des Friedensvertrags von Dayton eingeführt worden und das in den Augen auch von bosnischen Verfassungsrechtler nicht reformierbar ist, abzuschaffen

Dies wiederum ruft den Widerstand der kroatischen und serbischen Nationalisten hervor. Milorad Dodik, der „starke“ Mann der serbischen Teilrepublik, hat erklärt, die Demonstrationen seien gegen die Existenz der Serbischen Republik gerichtet.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.02.2014)