Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Berlinale: Aufklärung in Weimar, Unglück in Hollywood

Berlinale: Die geliebten Schwestern
Berlinale: Die geliebten Schwestern(C) Berlinale
  • Drucken

George Clooneys „Monuments Men“ erntet Buhrufe. Im Wettbewerb lief mit Dominik Grafs Schiller-Epos „Die geliebten Schwestern“ der bessere Historienfilm, während Franziska Weisz in „Kreuzweg“ als monströse Mutter outrierte.

George Clooney stand am Wochenende natürlich im Zentrum des Berlinale-Rummels. Er bleibt Liebling des Publikums – die Kritik liebt ihn heuer nicht. Sein Weltkriegsfilm „Monuments Men“ über die Rettung von Kunstwerken, die das NS-Regime zerstören will, erntete Buhrufe von der Presse. Der unglücklichen Mischung aus leichtem Abenteuer und Bedeutungsschwere mangelte es an Geschichtsbewusstsein wie Überzeugungskraft. Clooney rettete sich bei der Pressekonferenz in Witzelei, der herausragende Historienfilm lief aber erst im Anschluss an sein Werk: Dominik Grafs deutscher Wettbewerbsbeitrag „Die geliebten Schwestern“, österreichisch mitproduziert.

Grafs Epos erzählt von der Dreiecksbeziehung Friedrich Schillers (uneitel: Florian Stetter) mit den Schwestern von Lengefeld, die er 1787 in Weimar trifft: Die jüngere Charlotte (schön: Henriette Confurius) heiratet er 1790, Caroline (stark: Hannah Herzsprung) ist in einer Geldehe gefangen, hat aber auch ein intensives Verhältnis mit dem Schriftsteller, der in seinen „Horen“ ihren Roman publiziert. Über die genaue Natur dieser ménage a trois wird spekuliert, Grafs Version hat mit flächigen Bildern und gelassenem Rhythmus eine historisch angemessene Ästhetik, setzt sonst aber auf einen gegenwärtigen, erfreulich erwachsenen „Liebesdiskurs“.

 

Blut rinnt von der Guillotine

Rasant wie Email-Verkehr wirkt der ausgiebige, oft verschlüsselte Briefwechsel der drei Liebenden, die zeitlose Frage nach privater wie gesellschaftlicher Freiheit verknüpft Graf klug mit historischen Gegebenheiten, oft zu sinnlichen Bildern verdichtet: das Bestaunen des Buchdrucks, über Pflastersteine in die Erzählung rinnendes Blut von der Guillotine in Frankreich. Die Aristokratie parliert auch in Weimar standesgemäß französisch – doch für ein Wort wechselt Schiller schlagartig auf deutsch: „Aufklärung“. Ein Schlüsselbegriff eines Film, der lakonisch und aufgeklärt übliche Klischees aushebelt. Keine Künstler-Überhöhung, sondern menschliche Zweifel in einer kühnen Fusion aus klassischem Melodrama und Modernismus. Mit fortschreitender Verfinsterung der Verhältnisse weicht die malerische Lyrik des Films verkippten und beunruhigenden Bildkompositionen.

Für zwei weitere deutsche Bewerbsfilme geht nicht nur der Kameramann in die Knie: Es glänzen Kinder in den Hauptrollen. „Kreuzweg“ erzählt die Leiden der 14-jährigen Maria (Lea van Acken) aus einer Familie, die den Riten der Piusbruderschaft folgt. Sie verzehrt sich in Schuldgefühlen, zerbricht am religiösen Wahn. Dietrich Brüggemanns Anklage ist schonungslos im Anspruch, aber nicht polemisch. Oft legt der Regisseur präzise die Grenze zwischen weltoffener Religiosität und Fundamentalismus frei. Aber sein Film krankt leider an Marias monströser Mutter – leider auch, weil deren Darstellerin Franziska Weisz eine österreichische Bären-Hoffnung ist. Das Drehbuch überzeichnet ihre Rolle scharf, sie outriert, das Drama kippt zur Groteske. Erschütternd bleibt van Acken: Das zarte, blasse Mädchen scheint sich wirklich aufzuopfern – nicht für Jesus, sondern für die Wahrhaftigkeit ihrer Darstellung.

Gelungen ist dagegen „Jack“ von TV-Regisseur Edward Berger, dabei ließe der Plot Schlimmes erwarten: Der elfjährige Jack (Ivo Pietzcker) flieht aus dem Heim und irrt mit dem kleinen Bruder durch Berlin, weil die viel zu junge Mutter (Luise Heyer) auf ihre Kinder vergisst. Das klingt nach Sozialporno, Pathos und dem Kitsch kindlicher Kulleraugen. Doch Berger umgeht alle Fallen, klagt nicht an, verzichtet auf familienpolitische Botschaft und Klischees. Es bleibt das berührende Schicksal eines Kindes, das durch die Last der Verantwortung auf seinen schmalen Schultern viel zu rasch erwachsen wird. Anders als Maria zerbricht Jack nicht: Ohne zu klagen, kämpft er für sein kleines Glück in einer gleichgültigen Welt. Das verschlossene Gesicht, die dosierte Emotion von Pietzcker wirken lange nach: bescheidenes Kino, das auf kunstgewerbliche Mätzchen pfeift – und sich gerade dadurch zur Kunst adelt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.02.2014)