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Warum Hamburg kein EU-Ausländerproblem hat

Deutschland, Hamburg, Hafen
Deutschland, Hamburg, Hafen(c) BilderBox (bilderbox.com)
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Die EU-Kommission sucht in einer Studie nach Rezepten für erfolgreiche Integration von Neuankömmlingen. Die norddeutsche Metropole dient dabei als Paradebeispiel für gelebte Willkommenskultur.

Brüssel. Die EU-Kommission rüstet sich für den Kampf um die Personenfreizügigkeit. Nachdem das Schweizer Votum für die Einführung von Ausländerkontingenten am Sonntag europafeindlichen Populisten aller Couleur Auftrieb verleihen dürfte, sucht die Brüsseler Behörde nach geeigneter Munition, und dazu zählt auch eine von Justizkommissarin Viviane Reding in Auftrag gegebene Studie, die am gestrigen Dienstag im Rahmen eines in Brüssel stattfindenden Kongresses der Bürgermeister präsentiert wurde. Das (wenig überraschende) Fazit: Zuwanderung bringt mehr Vor- als Nachteile.

Zu dieser Kernaussage gelangten die Studienautoren über den Umweg von Barcelona, Dublin, Hamburg, Prag, Lille und Turin – diese sechs Metropolen wurden auf ihren Umgang mit Migration untersucht. Das Auswahlkriterium war dabei die vergleichsweise starke Anziehungskraft für Zuwanderer aus dem (EU-)Ausland, wobei der Ausländeranteil an der Gesamtzahl der Stadtbewohner zwischen 8,4Prozent (Lille) und 17,3 Prozent (Barcelona) rangiert. Auch historisch sind die Unterschiede zwischen den sechs Städten groß: Während Lille und Hamburg auf eine lange Tradition von Ausländerzuzug verweisen können, ist das Phänomen in Prag und Dublin (mit einem Ausländeranteil von 13 bzw. 16,3 Prozent) relativ neu.

Abseits dieser Differenzen konnten die Autoren einige Parallelen zutage fördern. Erstens: Migranten aus dem EU-Ausland sind im Schnitt jünger und ökonomisch aktiver (etwa als Einzelunternehmer) als die Bevölkerung des Gastlandes. Zweitens: Sie tendieren dazu, Jobs in jenen Bereichen anzunehmen, in denen es einen Angebotsüberhang gibt. Und drittens: Sie arbeiten oft unter ihrem Qualifikationsniveau. Inwieweit sich diese drei Faktoren auf das ökonomische Wohl auswirken, lässt sich EU-weit schwer beziffern. Aus Turin haben die Studienautoren jedoch die Schätzung erhalten, derzufolge das Budget der Stadt jährliche Mehreinnahmen von 1,5 Mrd. Euro verzeichnet – weil die Neuankömmlinge zwar Steuern zahlen, im Schnitt aber weniger Sozialleistungen beziehen.

 

Niedriglohnsektor betroffen?

Die Erfahrungen aus Hamburg sind in dem Kontext der jüngsten Debatten um Sozialtourismus besonders interessant: erstens, weil die meisten Neuankömmlinge aus dem Osten der EU (konkret aus Polen) stammen, und zweitens, weil sie vor allem im Niedriglohnsektor arbeiten – wobei diese Diagnose nicht ganz zutreffen kann: Während 3,2Prozent Deutsche in Hamburg als Ingenieure, Mathematiker, Ärzte und Chemiker beschäftigt sind, beträgt der Anteil der EU-Ausländer in diesen vier Berufen 4,1 Prozent. Insgesamt stammen 4,3 Prozent der Beschäftigten in Hamburg aus dem EU-Ausland – bei einem gesamtdeutschen Durchschnittswert von 3,4 Prozent (Stand 2012).

Dass das Zusammenleben trotz aller Probleme (etwa bei der Wohnraumbewirtschaftung) dennoch gut funktioniert, liegt nach EU-Auffassung an der Willkommenskultur, die in Hamburg mehr gelebt wird als anderswo. Als Paradebeispiele gelten diesbezüglich das „Willkommenszentrum“ – eine öffentliche Anlaufstelle für Wohnungs- und Arbeitssuche sowie Fragen zur Sozialversicherung – und die gezielte Anwerbung von Personen mit Migrationshintergrund für Polizei, Feuerwehr etc. 2011 machten sie bereits 16,5 Prozent der öffentlich Beschäftigten aus. Dasselbe gilt für die Politik: Während 3,2 Prozent der Abgeordneten im deutschen Bundestag 2011 einen Migrationshintergrund hatten, waren es im Hamburger Senat 7,4 Prozent. (la)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.02.2014)