Zwei Österreicher bringen Solarenergie in die chilenische Atacamawüste. Hauptsache weg von den Förderungen, sagen sie. Im Sonnenland Chile rechnet sich die Energiewende auch so.
Wien. Während Europas Ökostrombranche um Förderungen ringt, haben Investoren weltweit längst einen anderen Weg eingeschlagen. Sie zieht es in Märkte, in denen Ökostrom ganz ohne staatliche Zuschüsse funktioniert. Zwei von ihnen sind die beiden Österreicher Rainer Goeritz und Helmut Kantner. Statt in Europa mit klammen Regierungen um Einspeisetarife zu feilschen, bringen sie Solarstrom in die chilenische Atacamawüste. In dem Land, in dem an 300 Tagen im Jahr die Sonne scheint, finanziert sich die Energiewende quasi selbst.
Doch bevor Rainer Goeritz den Sprung über den Atlantik wagte, musste auch er das Platzen der ersten Solarblase in Europa miterleben. Als die Förderungen für Solaranlagen am Kontinent vielerorts gekappt wurden, wurde es in der Industrie finster. Der Österreicher holte sich seine blutige Nase in Sizilien. Elf Fotovoltaikanlagen hatte er mit seinen damaligen Partnern entwickelt, vier davon ans Netz gebracht. Der Förderstopp und ein strenger Landschaftsschutzplan haben den Höhenflug jäh gestoppt: „Der Markt war tot“, erzählt er.
„Zweiter Goldrausch“
Von dem Moment an war klar: Nie wieder wollte er von der Geberlaune der Regierungen abhängig sein. „Auch Investoren wollen heute lieber Märkte ohne Förderungen, da kann weniger passieren“, erklärt er. Genau den Markt wollen Kantner und er mit ihrer Firma AustrianSolar nun gefunden haben. In Südamerika, mitten in der chilenischen Wüste. Dort verspricht die Regierung zwar keine „sicheren“ Einspeisetarife, dafür bietet das Land drei Dinge, die Ökostrominvestoren lieben: eine stark steigende Nachfrage durch die Bergbauindustrie, doppelt so viel Sonneneinstrahlung wie in Mitteleuropa und hohe Energiepreise.
Die Österreicher sind mit ihrer Entdeckung nicht alleine. Die Deutsche Bank hat Chile als eine von 19 Regionen weltweit definiert, in denen Solarstrom auch ohne staatliche Förderung rentabel ist. Sie prophezeit der Branche für heuer einen „zweiten Goldrausch“. Weltweit würden Solaranlagen mit einer Leistung von 46 Gigawatt entstehen. Etliche von ihnen eben auch in Nordchile. Bis dato wird Sonnenenergie in Chile nämlich trotz drastisch gesunkener Kosten für Fotovoltaikanlagen noch kaum genutzt. Ein Plan der Regierung soll das ändern. Schon heute müssen die lokalen Energieversorger ein Zehntel ihres Stroms aus Erneuerbaren gewinnen. Diese Quote will die Regierung schon bald verdoppeln.
Ein Land, abhängig von Kupfer
Über mangelnde Nachfrage müssen sich Ökostrombetreiber hier bisher aber ohnedies kaum Sorgen machen. Die Wirtschaftsleistung steigt im Schnitt jährlich um fünf Prozent. Drei Fünftel davon steuern die Kupferminen bei. Neben Kupfer wird auch Gold und Silber abgebaut. All das verbraucht viel Energie. Bis 2021 wird der Bergbausektor 91 Prozent mehr Energie brauchen als heute, erwartet die staatliche Kupferkommission.
Drei Viertel des Energiebedarfs deckt das Land über den Import von teurem Öl und Gas. Die Stromnetze gelten als eher instabil. Immer mehr Minenbetreiber überlegen daher, sich mit eigenen Solaranlagen unabhängiger von Rohstoffimporten zu machen.
Genau hier kommt AustrianSolar ins Spiel. Sechs Fotovoltaikanlagen mit über 520 Megawatt Leistung haben die beiden Gründer in der Atacama-Wüste bereits entwickelt. „Die Anlagen sind alle nahe an den Verbrauchern und nahe an einem Netzanschluss“, sagt Kantner. Ganz gefahrlos ist Chile aber trotz all seiner Sonnenstunden für Solarinvestoren nicht. Die Profitabilität der Sonne steht und fällt in kaum einem anderen Land so stark mit den Rohstoffpreisen wie hier. Verlieren Gold, Silber oder Kupfer stark an Wert, rechnen sich manche Minen nicht mehr. Entsprechend vorsichtig müssen die Bergbauunternehmen ihre Energie-Abnahmeverträge planen.
Die Österreicher muss das nicht kümmern. Sie haben für alle sechs Projekte schon einen Vorvertrag mit einem potenziellen Käufer, der die Anlagen nach dem Bau komplett übernehmen will. Geht alles glatt, kann das Investoren-Duo bald weiterziehen. Irgendwohin, wo lange genug die Sonne scheint.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.02.2014)