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1934: Eine Geschichte, zwei Erzählungen

FAYMANN / SPINDELEGGER
FAYMANN / SPINDELEGGER(c) APA/HERBERT NEUBAUER (HERBERT NEUBAUER)
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Eine Aussöhnung aus Einsicht, aber auch aus Gleichgültigkeit: Die ÖVP ist den weiteren Weg gegangen, die SPÖ den kürzeren. Noch ist er nicht ganz zu Ende.

Werner Faymann und Michael Spindelegger sind zwei harmoniebedürftige Menschen. Das allein reicht aber als Grund noch nicht aus, dass die Parteichefs von SPÖ und ÖVP nun gemeinsam der Opfer des Bürgerkriegs 1934 gedachten. Denn ihr Harmoniebedürfnis richtet sich auch nach innen, in die eigenen Parteien.

Und hier zeigt sich der wahre Paradigmenwechsel: Es ist den Funktionären von SPÖ und ÖVP mittlerweile zumutbar, dieses Gedenken gemeinsam zu begehen, dabei auch die eigenen Fehler – also jene der Gesinnungsgenossen von einst – einzugestehen und den damaligen wie heutigen Gegner differenziert zu betrachten.

Die ÖVP hatte einen weiteren, schwierigen Weg zurückzulegen. Während die Sozialdemokraten in der historischen Nachbetrachtung als jene galten, die für Demokratie und Freiheit kämpften, standen die Vertreter der Volkspartei in der Tradition des christlich-sozialen „Arbeitermörders“ Engelbert Dollfuß.

Die tatsächliche Schuld – die Ausschaltung des Parlaments, die standrechtlichen Todesurteile, das Anhaltelager in Wöllersdorf – einzugestehen fiel Politikern der ÖVP jahrzehntelang sehr schwer. In den vergangenen Jahren gab es jedoch ein Umdenken – vor allem in den höheren Parteisphären. An der schwarzen Basis wird es zwar noch den einen oder anderen bedingungslosen Dollfuß-Verteidiger geben, den meisten ÖVP-Funktionären ist mittlerweile aber klar, dass er eine hochproblematische Figur war. Die These, seine Ermordung durch die Nazis sei Sühne genug, entschuldigt seine Untaten nicht.


Die SPÖ hatte einen kürzeren Weg zurückzulegen. Bei ihr ist allerdings auch das Umdenken kleiner. Denn dass die Sozialdemokraten in der radikalisierten Atmosphäre der 1930er-Jahre lediglich Demokratie, Freiheit und soziale Marktwirtschaft im Sinn hatten, ist Wunschdenken. Es gab Funktionäre, die sich den Kommunisten annäherten, manche kokettierten mit der „Diktatur des Proletariats“. Die Basis für die Radikalisierung der Sozialdemokratie – und die Furcht des Bürgertums – bildete das marxistische, klassenkämpferische Linzer Programm von 1926. Von Enteignung war darin die Rede, die Haltung zur Demokratie ließ Interpretationsspielraum. Diese wurde zwar beschworen, aber nur in dem Sinn, dass sie der Arbeiterschaft diene.

Exemplarisch für den Umgang mit dem 34er-Jahr ist die Verwendung des Begriffs Faschismus. Die Linke gebrauchte ihn inflationär: die Nazis, das Dollfuß-Regime, heute auch noch die Burschenschafter – lauter Faschisten. Die ÖVP-Seite hingegen wollte von einem „Austrofaschismus“ gar nichts wissen. Ständestaat ja, autoritäres Regime ging auch noch irgendwie, aber Austrofaschismus, das ging gar nicht.

Beide Seiten liegen falsch: Natürlich fehlte dem Austrofaschismus nach der klassischen Faschismus-Definition die Massenbasis. Allerdings war die Herrschaftsform von Engelbert Dollfuß sehr wohl an den italienischen Faschismus angelehnt: Benito Mussolini hatte Dollfuß ja auch zum Staatsstreich ermuntert und war dessen wichtigster Verbündeter. Der Begriff Austrofaschismus ist also durchaus zulässig. Unzulässig ist es jedoch, ihn in einem Atemzug mit dem Nationalsozialismus zu nennen.

Auch der Begriff Bürgerkrieg ist relativ. Eigentlich war es ein viertägiger Aufstand der Sozialdemokraten, der mit Waffengewalt niedergeschlagen wurde. Und laut einer Studie des Ludwig-Boltzmann-Instituts waren die meisten der 350 bis 370 Todesopfer (die Zahl liegt weit unter den bisherigen Angaben) Unbeteiligte: Kinder, Alte, Passanten.

Dennoch verheilten die Wunden nur langsam. Nach 1945 wurde der blutige Konflikt weitgehend verdrängt, um den inneren Frieden der wiedererstandenen Republik nicht zu gefährden. Unter der Oberfläche brodelte es in den Parteien allerdings weiter. Erst nun scheint eine Aussöhnung wirklich möglich. Zum Teil aus Einsicht. Zum Teil aber auch aus Gleichgültigkeit. Denn die Menschen haben heute einfach andere Sorgen.

Das wissen auch Werner Faymann und Michael Spindelegger. Weshalb ihnen eine Kranzniederlegung leichterfällt, als das Hypo-Fiasko zu erklären.

E-Mails an: oliver.pink@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.02.2014)