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Es gab auch Nazi-Täter, die Scham zeigten

Aleida Assmann
Aleida Assmann(c) FABRY Clemens

Wieso finden wir Briefe von Himmler so interessant? Verebbt die Erinnerung an die NS-Gräuel? Die deutsche Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann über Briefe eines Hauptmanns, Holocaust-Lachen und Günter Grass.

Die Presse: Neu entdeckte Briefe Himmlers an seine Frau haben kürzlich für Schlagzeilen gesorgt. Hat diese Gier nach „Neuigkeiten“ über Nazi-Größen nicht etwas Perverses?

Aleida Assmann: Je mehr wir über jemanden wissen, desto mehr wollen wir über ihn wissen, so funktioniert die Ökonomie der Aufmerksamkeit. Bei so berühmten Figuren wie Himmler gibt es da eine Art Selbstvermehrungsprinzip. Aber wenn man etwas wirklich Inhaltsreiches sucht, sollte man lieber die Briefe von Wilm Hosenfeld an seine Frau lesen, das sind gewissermaßen Gegenbriefe zu jenen Himmlers. Hosenfeld war Hauptmann in Warschau während des Krieges und beschrieb die Brutalitäten der Deutschen bei der Auflösung des jüdischen Ghettos. Er schrieb täglich an seine Frau, sie war sein Alter Ego, und anders als bei Himmler blieb bei Hosenfeld sein Gewissen als zivile Person erhalten. In diesen Briefen gibt es das, was man bei den Tätern generell vermisst: Scham und Reue. Das sind bedeutende Zeugnisse! Sie sind auch veröffentlicht, aber man liest sie nicht, weil der Autor zufällig nicht Himmler heißt.

 

Hosenfeld kommt ja in Polanskis Film „Der Pianist“ vor, er rettet den jüdischen Protagonisten Szpilman...

Ja, später kam er in russische Gefangenschaft, und Szpilman versuchte vergeblich, ihn herauszuholen, Hosenfeld starb in Gefangenschaft. Diese Rettung eines Juden durch einen deutschen Hauptmann hat, obwohl sie wirklich passiert ist, übrigens in Amerika Anstoß erregt, denn sie passte für viele nicht ins Schema des Films.

 

Sie waren bei der Veranstaltung im Burgtheater „Die letzten Zeugen“ – was wird Ihrer Meinung nach passieren, wenn diese Zeitzeugen weg sind?

Es sind ja viele Berichte von Überlebenden auf Videos festgehalten. Es gibt etwa 60.000, nicht nur von Juden, auch von Sinti und Roma und Homosexuellen. Solange diese aber im Archiv schlummern, nützen sie nichts. Man muss Aufmerksamkeit auf sie richten, das ist so wie mit den Briefen Hosenfelds und Himmlers – jemand muss kommen und das in eine geeignete Form bringen.

 

Und dann hoffen, dass ihm noch jemand zuhört. Glauben Sie nicht, dass die Erinnerungskultur, wie wir sie kennen, verebbt? Immer mehr junge Menschen fühlen sich genervt, moralisch zugedröhnt...

Die 68er haben sich gegen das Schweigen der Eltern gewandt, jetzt gibt es vielleicht eine Aversion gegen das viele Reden. Aber von einem Verebben der Erinnerungskultur kann keine Rede sein. Dass Staaten sich an ihre eigenen Verbrechen erinnern, ist etwas ganz Neues. Das gilt nicht nur für das Verbrechen des Holocaust, sondern auch für Staaten, die sich von Diktaturen in Demokratien verwandeln. Dieser Wandel funktioniert nicht mehr übers Vergessen, sondern übers Erinnern.

 

Aber es gibt auch die Aversion gegen das Erinnern, in Frankreich etwa befördert durch den muslimischen Komiker Dieudonné, der Holocaust-Witze mit Kritik an Israel verbindet...

Komik kann grundsätzlich ein sehr effizientes Mittel der Vermittlung von Nationalsozialismus und Holocaust sein, die Kunst darf sich Freiheiten nehmen, dieses Holocaust-Lachen ist längst etabliert. Etwas ganz anderes ist es, wenn sich das Lachen mit Respektlosigkeit und Verhöhnung verbindet. Auch in Frankreich hört da die Toleranz auf. Zur Frage der Politisierung der Erinnerung: Bei den Israelis und Palästinensern treffen zwei Opfergeschichten aufeinander, die zu einer Kommunikationsblockade führen. Diese beiden Traumata müsste man in einem gemeinsamen Geschichtsbild zusammenbringen, um einzusehen: Wir sind in einer Situation, in die wir ohne eigenes Verschulden gekommen sind, aber aus der wir nur gemeinsam herauskommen können.

 

Vielleicht hätte man die Erinnerungskultur schon früher aus ihrer Fixierung auf den Holocaust befreien müssen. Warum sollen junge muslimische Migranten die Hälfte ihres Geschichtsunterrichts mit Vorträgen über die Nazi-Zeit verbringen?

Inzwischen sind alle jungen Menschen, egal, ob Migranten oder Nichtmigranten, gleich weit weg von der NS-Zeit. Deshalb können sie beide eine persönliche Beziehung zur Geschichte des Landes entwickeln, in dem sie leben. Sicher ist aber, dass das nationale Erinnern vielfältiger werden und auch die Geschichte der Migranten Eingang finden muss.

Finden Sie, dass das bisherige Erinnern so aufklärerisch gewirkt hat? Ist die Dämonisierung eines Günter Grass, wie sie passiert ist, aufklärerisch? Könnte die Konzentration auf das Grauen statt auf die alltäglichen Mechanismen des Mitläufertums nicht auch entlastend wirken?

Was Günter Grass betrifft – letztlich moralisiert niemand stärker als die Medien! Sie durchkreuzen ständig ihre eigene Aufklärungsabsicht, weil sie ja von Skandalen leben. Dabei kann man aus Grass' Buch „Beim Häuten der Zwiebel“ viel mehr über den Zweiten Weltkrieg lernen als aus dem so stark diskutierten Fernsehdreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“. Seine Flakhelfergeneration ist für uns interessant, weil diese Menschen nach dem Krieg unter 20 waren und ihr Leben noch einmal neu anfangen konnten. Viele von ihnen haben die Konsequenzen aus ihrer Erfahrung gezogen, die Künste und Wissenschaften erneuert, aktiv die Demokratie aufgebaut. Von ihrer Vergangenheit allerdings haben sie nie geredet, erst jetzt sind viele von ihnen bereit, ihr Schweigen zu brechen.

 

In Ihrem Buch „Das neue Unbehagen an der Erinnerungskultur“ betonen Sie, wie wichtig die Verknüpfung von Erinnerungskultur mit politischer Bildung ist...

Ja, weil erst die Verbindung mit Menschenrechtserziehung die Erinnerung an den Holocaust zukunftsfähig macht. Erinnern allein kann Menschen nicht verändern, es schafft nicht automatisch einen Antrieb, sich in der Gegenwart für andere einzusetzen.

ZUR PERSON

Aleida Assmann, geboren 1947 in Bielefeld, studierte Anglistik und Ägyptologie in Heidelberg und Tübingen. Seit 1993 ist sie Professorin in Konstanz. Zu ihrem Forschungsschwerpunkt wurde das kulturelle Gedächtnis. So schrieb sie in „Der lange Schatten der Vergangenheit“ (2006) u.a. über die Inszenierung des Holocaust-Gedenkens. Zuletzt erschienen: „Das neue Unbehagen an der Erinnerungskultur. Eine Intervention“ (2103).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.02.2014)