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Ein Mörder namens Princip

Denkmäler für Gavrilo Princip, den Hauptattentäter von Sarajewo? Eines will die Republik Serbien auf dem Belgrader Festungsberg errichten, eine Kopie davon in Sarajewo soll folgen. Und wofür eigentlich? Eine Sachverhaltsdarstellung.

Die Republik Serbien, so konnte man im Jänner dieses Jahres lesen, beabsichtigt, das 100-Jahr-Gedenken des Beginns des Ersten Weltkriegs damit zu begehen, dass auf dem Belgrader Festungsberg, dem Kalemegdan, ein Denkmal des Hauptattentäters von Sarajewo, Gavrilo Princip, aufgestellt wird. Die Reaktionen auf die Meldung reichten von „Recht so!“ und „Sollen sie doch machen, was sie wollen“ bis „Auch ein Signal Richtung Europa!“, „gedankenlos“, „ewig gestrig“, „dumm“.

Dass eine Kopie des Denkmals im hauptsächlich von Serben besiedelten Teil von Sarajewo aufgestellt werden soll, schien in weiterer Folge nur mehr der Logik des Merkwürdigen verpflichtet. Der Präsident der Republika Srpska, Milorad Dodik, begrüßte die Denkmalsetzung ausdrücklich. Für Belgrad wie Sarajewo mag freilich gelten, dass dann, wenn Euphorie und Erregung abgeklungen sind, Robert Musil mit seinem schönen Zitat aus dem „Mann ohne Eigenschaften“ zu Ehren kommen wird: „Es gibt nichts, was so unsichtbar wäre wie Denkmäler.“

Wäre Serbien allein für sich, eine Art nordkoreanische Enklave in Europa, könnte man auch tatsächlich zur Tagesordnung übergehen. Doch Serbien ist mehr und hat mit der Denkmalerrichtung auch sicherlich anderes im Sinn, als halt irgendeine Büste oder eine Ganzfigur aufzustellen und drum herum eine Kranzabwurfzone zu schaffen, die von Zeit zu Zeit für eine in Besuchs- oder Tagungsprogrammen vorgesehene Zeremonie genutzt werden kann. Die dabei zu sprechenden – vielleicht auch schon anhand einer Inschrift nachzulesenden – Worte werden sich zwar zum Wenigsten mit dem beschäftigen, was wirklich war, sondern wohl damit, was eine nationalistische Legende daraus gemacht hat. Und es wird wohl auch nicht erklärt werden, weshalb dem Mann erst jetzt, einhundert Jahre „danach“, in Belgrad ein Denkmal errichtet wird. Vladimir Dedijer, Jurist, Partisan, zeitweiliger Vertrauter Titos, Historiker und Kämpfer für die Menschenrechte, bezeichnete ihn schlicht als „Meuchelmörder“. Heute meint man freilich, wieder einmal, den Titel der Werfel-Novelle „Nicht der Mörder, der Ermordete ist schuld“ verwenden zu sollen. Zumindest in Belgrad.

Jahrzehntelang wurden die Puzzleteile von Princips Leben zusammengestellt, um jene schicksalhafte Begegnung biografisch unterfüttern zu können, weshalb ausgerechnet an der 1914 sogenannten Lateiner-Brücke in Sarajewo der Erzherzog und sein Mörder aufeinandergetroffen sind. Oder haben sie aufeinandertreffen müssen?

Lassen wir einmal den Erzherzog-Thronfolger beiseite, von dem Herr Emir Kusturica jüngst meinte, er sei ein „Besatzer, Rassist und Antisemit“ gewesen. Denn mit dieser Charakteristik soll doch wohl nur eine Legitimation für den zu Denkmalsehren vorgesehenen Gavrilo P. konstruiert werden.

Die Princips erlebten, wie Bosnien und die Herzegowina 1878 von den europäischen Großmächten der Habsburgermonarchie zur Verwaltung übergeben wurde. Damit sollte das Osmanische Reich geschwächt und Österreich-Ungarn nicht nennenswert gestärkt werden. Es blieb nicht dabei, dass Straßen und Schulen gebaut und Positives bewirkt wurde. Österreich regierte auch mit strenger Hand. Und im Übrigen suchte es alles beim Alten zu belassen, um den Schock des Neubeginns zu mindern. Die Lebensverhältnisse besserten sich, und das nicht nur für eine dünne Oberschicht. 1908 wollte Österreich-Ungarn in Absprache mit Russland die getätigten Investitionen absichern und dekretierte den Anschluss Bosnien-Herzegowinas an die Monarchie, einer Vielvölkerprovinz an ein Vielvölkerreich. Denn in Bosnien lebten Serben, Kroaten,Muslime, Juden und jene deutschen Österreicher, die als Verwaltungsbeamte, Offiziere oder Wirtschaftstreibende dorthin gekommen waren. Streit blieb nicht aus. Und es waren vor allem Serben, die das Überhandnehmen der anderen fürchteten. Sie zogen die Konsequenzen, wurden immer nationaler, bildeten Untergrundorganisationen und suchten verstärkt Verbindungen mit den außerhalb Bosniens lebenden Serben. Und sie wanderten aus.

Andere Gründe für eine regelrechte Emigrationsbewegung waren viel banaler. Anfang des 20. Jahrhunderts emigrierten zunehmend auch Schüler, die wegen irgendwelcher Delikte oder anhaltenden Misserfolgs von ihren Lehranstalten verwiesen wurden. In Österreich mochte man es einfach nicht, dass Professoren, die nicht ihre proserbische Haltung bekundeten, mit Tintenfässern beworfen wurden. Außerdem hatten Schüler kein Demonstrationsrecht – damals, im alten Österreich. In Serbien aber konnten sie weiter zur Schule gehen. Einer von ihnen war Gavrilo P. Er bezeichnete sich selbst als ruhig und sentimental, las viel und sprach wenig. Er kam nach Sarajewo, um eine Militärschule zu besuchen. Es fiel das Wort vom Offizier. Doch dann meinte ein Bekannter seines Vaters angeblich, man sollte den Knaben doch nicht „zum Henker des eigenen Volks erziehen“. Eine Handelsschule schien die bessere Erziehungsanstalt.

Gavrilo P. war kein besonderer Schüler. 1911 schloss er sich der „Mlada Bosna“(Jung Bosnien)-Bewegung an. Kurz darauf wurde er aus der Schule ausgeschlossen, da er an einer Demonstration gegen die Sarajewoer Behörden teilgenommen hatte. Er verlor sein Stipendium und schlug sich heimlich nach Belgrad durch. Dort kam er mittellos an. Dank einer ihm, dem Flüchtling aus dem Habsburgerreich, gewährten finanziellen Aushilfe schaffte er es, in eine fünfte Gymnasialklasse zu kommen. Dann brach der Erste Balkankrieg aus. Princip wollte sich freiwillig zur serbischen Armee melden, wurde aber als zu klein und zu schwach abgewiesen. Jetzt begann er davon zu träumen, dass er doch noch etwas Großes vollbringen würde. Und es kam der nächste Schub an intellektuellem, aber auch ideologischem Rüstzeug. Er wurde ein doktrinärer Atheist. Mazzini, Kropotkin, Bakunin wurden seine bevorzugten Schriftsteller; Anarchismus und Selbstaufopferung gängige Lehre.

Auch andere dachten und handelten wie er. Attentate wurden geplant und verübt. Der serbische Geheimdienstchef Dragutin Dimitrijević, genannt „Apis“,der in Belgrad seine antidemokratischen und antiparlamentarischen Pläne spann, zog die Fäden und fand immer wieder willige Gehilfen. Man traf sich im Hotel „Moskwa“ in Belgrad. Am 2.Jänner 1914 beschloss der jetzt 19-jährige Princip, neuerlich nach Belgrad zu gehen. Zu dem Zeitpunkt sollenschon Gendarmen nach ihm gesucht haben. Er verwendete daher gefälschte Papiere. Offizieller Grund aber war der Besuch der sechsten Klasse. In vielen Kaffeehäusern trafen sich radikale Nationalisten und vor allem Angehörige der Geheimorganisation „Ujedinjenje ili smrt“ – Vereinigung oder Tod, kurz „Schwarze Hand“ genannt. Und im März wurde insofern alles anders, als man nicht nur einem vergleichsweise imaginären Ziel nachjagte, sondern einem ganz konkreten: Im März 1914 wurde in den bosnischen Zeitungen der Besuch Erzherzog Franz Ferdinands in Sarajewo angekündigt. Der Besuchstag blieb noch offen. Einer las es da, der andere dort. Und dann versprach man sich gegenseitig, an einem Attentat mitzuwirken.

Ein neuer Bund wurde gegründet: Tod oder Leben. Major Vojin Tankosić, ein altes Mitglied der „Ujedinjenje ili smrt“, beschaffte in Kragujevac Browning-Pistolen und Handgranaten des sogenannten Offizierstyps. Dann begann der Schießunterricht. Ein bisschen Geld wurde auch gebraucht, Belgrader Kaufleute sollen es gespendet haben. Am 28.Mai verließen Princip und seine Freunde Nedeljko Čabrinović und Trifko Grabež Belgrad. Waffen und Munition nahmen sie zunächst mit, wohl auch Zyankalikapseln, die man vorsorglich bereitgestellt hatte und die jeder im Fall seines Auffliegens zu schlucken versprach. Die Hintermänner wollten sich absichern. Dann fuhren die drei über Šabac an die serbische Grenze. Gelegentlich wurden noch weitere Schießübungen abgehalten. Die drei erreichten auf Umwegen Sarajewo. Princip nahm wie schon früher bei Danilo Ilić Quartier, dem örtlichen Mastermind. Insgesamt beteiligten sich am Transport der Personen, Waffen und Sprengmittel 13 Personen, davon fünf Mitglieder der „Schwarzen Hand“, von der man in Österreich-Ungarn bis zuletzt offenbar nichts wusste. Am 28. Juni war es so weit. Die Schüsse von Sarajewo veränderten die Welt, und zwar nicht nur die kleine Welt des Gavrilo Princip. Manche mochten in ihm ein Instrument der Vorsehung zu erkennen gemeint haben. Andere einen Freiheitshelden. Fragte sich nur, wofür. Er sah das wohl viel banaler. Er hatte zwei Leute erschossen, wobei ihm der Tod der Herzogin von Hohenberg angeblich leidtat. Über den Erzherzog vergoss er keine Träne. Und bei der gerichtlichen Untersuchung über seine Beweggründe und seine Hintermänner blieb er fantasielos und einsilbig. Einige Namen gaben aber er und seine Mitangeklagten, vor allem Ilić, preis.

Erst nachher blühte die Fantasie. Da war nicht Serbien schuld, das Hass geschürt und Krieg kalkuliert hatte, sondern vor allem Franz Ferdinand selbst. Er habe mit seinem Besuch am Sankt-Veits-Tag die nationalen Gefühle der Serben beleidigt. Man habe ihn zu wenig geschützt. Und einen „Tyrannen“ umzubringen sei jedenfalls gerechtfertigt gewesen. Er hatte zwar nichts gegen Serben, doch das wäre vielleicht noch gekommen. Und er wollte mit seiner Unerschrockenheit provozieren. Ganz selbstverständlich wurde auch Russland, Serbiens engster Verbündeter, als Drahtzieher genannt, vor allem der zarische Botschafter in Belgrad, Graf Nikolaj Hartvig, der viel Geld nach Serbien und in die terroristischen Kreise hatte fließen lassen, sowie der Militärattaché Oberst Artamanov. Dann kamen Frankreich und England ins Spiel, besonders die Freimaurer. Auch der ungarische Ministerpräsident Graf Tisza sollte nicht ungeschoren davonkommen. Da Franz Ferdinand kein Freund der Ungarn war, lag es wohl nahe, eine ungarische Verbindung zu mutmaßen. Ein Sohn Franz Ferdinands, Max Hohenberg, beschuldigte später den deutschen Nachrichtendienst, hinter dem Attentat gestanden zu sein.

Schließlich sollte auch der österreichische Generalstab ins Spiel gebracht werden, wohl weil Franz Ferdinand gegen einen Krieg mit Serbien war. Und als Beweis wurden dann Hirtenberger Patronen hergezeigt. Das Pech war nur, dass sie nicht in die beim Attentat verwendeten Browning-Pistolen passten. Die einfache Erklärung, dass da ein serbischer Nationalist mit anarchistischem Hintergrund von Leuten in Belgrad gesteuert worden war, die auf Krieg und den Zerfall Österreich-Ungarns spekulierten, reichte offenbar nicht aus.

Geistesgestörtheit wurde Gavrilo P. nie nachgesagt. Wie denn auch? Er war denkbar klaren Sinns gewesen, als er schoss. Schon 25 Minuten nach dem Attentat wurde er dem Untersuchungsrichter Leon Pfeffer vorgeführt. Nach Princip wurde der erste Attentäter, Čabrinović, verhört, der das Handgranatenattentat versucht und zwei Leute des Gefolges Franz Ferdinands verletzt hatte. Die Sarajewoer Staatsanwaltschaft legte über die beginnenden Untersuchungen sofort eine amtliche Niederschrift an. Gegen Čabrinović sollte wegen „versuchten Meuchelmords“ ermittelt werden; gegen Princip wegen Meuchelmords.

Pfeffer verhörte vier Tage. Es war aber die Polizei, die dann von Čabrinović und Ilić die Namen von Beteiligten und Hintermännern erfuhr. Bei der Gelegenheit soll auch der serbische Kronprinz Alexander genannt worden sein, doch das ließ sich nie belegen, denn schon bald verschwanden Akten, und die von Österreich-Ungarn ultimativ geforderte Beteiligung österreichischer Beamter an der Untersuchung der Hintergründe des Attentats auch auf serbischem Boden wurde von Belgrad abgelehnt und damit die Kriegserklärung Österreich-Ungarns in Kauf genommen. Oder sollte man Leon Pfeffers 1941 gegenüber einer Zagreber Zeitung gemachten Aussage glauben, „dass das Attentat mit Wissen und der Beihilfe des damaligen serbischen PrinzenAlexander, des späteren jugoslawischen Königs vorbereitet wurde, was man vor [Ministerpräsident] Pašić beziehungsweise der Regierung geheim hielt“?

Am 24. September 1914 wurden in Sarajewo 22 Personen angeklagt, eine „Tat ausgeführt zu haben, die auf gewaltsame Änderung des Umfanges der Gebiete und der Länder der österreichisch-ungarischen Monarchie, nämlich auf die Loslösung Bosniens und der Herzegowina von der Monarchie und deren Angliederung an das Königreich Serbien abzielte“. Die öffentliche Verhandlung dauerte vom 12. bis zum 23. Oktober. 80 Zeugen sollten geladen werden. Richter war Alois von Curinaldi, ein in Dalmatien geborener Obergerichtsrat, der nach dem Krieg Theologie studierte und Jesuitenpater wurde. Verteidiger Princips war Dr. Max Feldbauer. Die Verhandlungssprache war Serbokroatisch.

Fünf Angeklagte wurden zum Tod verurteilt (Kaiser Franz Joseph begnadigte zwei von ihnen). Princip und Čabrinović erhielten 20 Jahre Kerkerhaft. Fünf Angeklagte wurden freigesprochen. Der Staatsanwalt berief wegen zu geringer Strafbemessung und argumentierte damit, dass Princip zum Zeitpunkt der Tat bereits über 20 Jahre alt gewesen sei. Es ging um Tage. Doch der Pfarrer von Grahovo bestätigt den späteren Geburtstermin. Gavrilo P. war also nur bedingt strafmündig.

Princip, Čabrinović und Grabež wurden in die Militärstrafanstalt Theresienstadt gebracht. Einer nach dem anderen starb. Gavrilo P. litt an Knochentuberkulose und wurde schließlich in die gesperrte Abteilung des Garnisonsspitals 13 in Theresienstadt überstellt. Für ihn hatte es keine Bedeutung mehr, dass sich im Sommer 1917 die Haftbedingungen für die Sarajewo-Attentäter besserten. Sie mussten ihre Strafe nicht mehr in Einzelhaft abbüßen. Das k. u. k. Kriegsministerium ging noch weiter und beantragte, dass alle noch lebenden Häftlinge nach Zenica in Bosnien überstellt werden sollten. Der Antrag wurde genehmigt. Princip blieb zurück. Er war bereits vom Tod gezeichnet. Die enge Zelle, die Haft in Ketten, die schlechte Ernährung hatten das Ihre dazu beigetragen, die Knochentuberkulose unheilbar werden zu lassen. Der behandelnde Arzt, Dr. Levit, tat alles, um eine Besserung zu erreichen, doch auch eine Diät mit Schinken, Wein und Semmeln konnte nicht mehr helfen.

Princip wollte sich umbringen. Der Versuch misslang. Er zeigte sich dankbar für alles, was man ihm nunmehr Gutes tat, und führte lange Gespräche mit seinen Ärzten. Bereut hat er letztlich nichts. Und die Dimensionen und Folgen seines Handelns waren ihm wohl zum Wenigsten bewusst. Er war ein williges Werkzeug gewesen – mehr nicht. Am 28. April 1918 starb Princip und wurde in Theresienstadt beerdigt. Von ewiger Ruhe konnte aber keine Rede sein. 1920 wurde Princip exhumiert, nach Sarajewo gebracht und ebenso wie Čabrinović an einer ins Zentrum der Stadt führenden Straße beigesetzt. 1939 wurden sie dort abermals exhumiert und ihre Relikte in einer Nacht-und-Nebel-Aktion in die Aufbahrungskapelle des nahe gelegenen Koševo-Friedhofs gebracht. Dort wurden sie irgendwo im Boden versenkt, ohne dass es kenntlich gemacht worden wäre. Doch der Todesschütze von der LateinerBrücke musste in der Folge immer dann herhalten, wenn Serbien versuchte, die Kontrolle über die eigene Geschichte wiederzugewinnen: 1945, 1991, 2014 . . . ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.02.2014)