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Emmanuèle Bernheim: Helferin bei Vaters Selbstmord

Emmanuèle Bernheim
Emmanuèle Bernheim(c) Wikipedia
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Die Schriftstellerin Emmanuèle Bernheim hat dem Pariser Kunstsammler André Bernheim aktive Sterbehilfe geleistet. Gespräch über eine »völlig verrückte Geschichte«.

Ich will, dass du mir hilfst, Schluss zu machen“, sagt der Pariser Kunstsammler André Bernheim im November 2008 zu seiner Tochter Emmanuèle. Er hat immer in vollen Zügen gelebt, nach einem schweren Schlaganfall kann er nicht mehr normal essen, nicht mehr gehen. Die französische Autorin Emmanuèle Bernheim hat seinen Wunsch erfüllt und darüber ein Buch geschrieben, das nun unter dem Titel „Alles ist gutgegangen“ auf Deutsch erschienen ist. Mit der „Presse“ sprach sie über ihre Wut, den Egoismus ihres Vaters und wie der Tod sein Lebensende „rettete“.



Ihr Vater starb im Juni 2009 in einem Sterbehilfehaus in Bern. Wussten Sie da schon, dass Sie darüber schreiben würden?

Emmanuèle Bernheim: Sehr bald. Es war mir zu schnell gegangen. Ich hatte das Gefühl, dass man mir seinen Tod gestohlen hatte. Wir wurden ja von jemandem angezeigt, und man warnte uns danach davor, mit meinem Vater nach Bern mitzufahren. So war ich bei seinem Tod nicht dabei. Ich musste meinen Vater wiederfinden, sozusagen noch einmal physisch wiedersehen, und das tat ich im Schreiben. Gleichzeitig schien mir, was passiert ist, so irreal. Wenn die Krankenpfleger auf der Fahrt nach Bern plötzlich anrufen und sagen, sie können meinen Vater nicht weitertransportieren, sie sind Muslime – oft glaubte ich mich in einem verrückten Stück. Ich habe das Buch auch geschrieben, um zu sagen: Das war kein Albtraum, das ist wirklich passiert.


„Das darf er von seiner Tochter nicht verlangen!“, sagen Menschen in Ihrem Buch. Sie sagen das nicht. Warum?

Ist es normal, dass ein Vater von seiner Tochter so etwas verlangt? Für mich war es normal, weil auch mein Vater kein normaler Vater war, er war gar nicht väterlich. Ein normaler Vater lässt nicht seine Tochter aus einem fahrenden Zug springen, wie ich es in meinem Buch schildere, oder sagt ihr nach ihrem ersten Fernsehauftritt, er würde ihr Geld für eine neue Nase geben. Gemessen an unseren familiären Verhältnissen war es normal.

Ihr Vater erweckt ehrlich gesagt den Eindruck eines monströsen Egomanen, dem die Gefühle anderer völlig egal sind. Waren Sie nicht wütend auf ihn?

Doch, oft. Als ich ihm zum Beispiel erzählte, was wir riskieren, wenn wir ihm helfen, hat er nur die Achseln gezuckt.


Wie gefiel Ihnen die Dame vom Sterbehilfeverein in Bern, die den Tod Ihres Vaters sozusagen abwickelte?

Ich fand sie recht bemerkenswert. Sie war nicht militant, hat sehr gut zugehört, klar und unsentimental gesprochen, nicht um den Brei herumgeredet. Sie hatte den perfekten Ton.


Auch in Michel Houellebecqs Roman „Karte und Gebiet“ nimmt der Vater Sterbehilfe in Anspruch, beim Verein Dignitas in Zürich. Der Sohn ist allerdings nicht so begeistert, er schlägt die Dame nieder . . .

Ja, der Sohn scheint dann doch ziemlich dagegen, das hat mich erstaunt.


Houellebecq selbst ist sehr dagegen, er spricht in einem Interview von Mord.

Ach so? Das wusste ich nicht. Also für mich ist es kein Mord. Mein Vater hatte ja furchtbare Angst vor einem neuen Schlaganfall, weil er fürchtete, nicht mehr in der Lage zu sein, in die Schweiz zu reisen und das Glas auszutrinken. Dieses Detail, dass er das Giftglas selbst trinken muss, war für uns sehr wichtig. Es bedeutet, das Sterben ist eine aktive Geste. Es ist Selbstmord.


Der Abschied war nüchtern, kein liebes Wort, kein Danke. Wäre das wohl anders gewesen, wären Sie nach Bern mitgefahren?

Ich weiß nicht. Anfangs hatte ich die Fantasie, wir würden alle am Ende bei ihm sein, mein Neffe, meine Nichte, meine Mutter, noch Champagner trinken . . . Ähnlich wie im Film „Soylent Green“, wo der Mann in die Klinik geht und umgeben von zwei engelartigen Kindern einschläft. Dann war es so anders . . . Vielleicht wären wir in Bern bewegter gewesen. Aber er wollte sich nicht erweichen, er sagte, er wolle keine Klageweiber. Und ich glaube, dass er sehr stolz auf seinen Mut war.


Eine Studie in Kanada hat gezeigt, dass Menschen, die nach aktiver Sterbehilfe verlangen, einander oft weniger im Schicksal als im Charakter ähneln: Sie sind meist selbstbewusst, stolz, wollen von niemandem abhängen, haben einen ausgeprägten Würdebegriff und sind sehr willensstark . . .

Ja, mein Vater war sehr willensstark, und seine Lebensfreude hatte, denke ich, auch mit dieser Stärke zu tun. Ich glaube, Menschen wie er lieben das Leben so sehr, dass sie eine mindere Form nicht ertragen.


Liberalere Sterbehilfegesetze helfen vielleicht Menschen wie Ihrem Vater, im Allgemeinen betreffen sie aber die Schwächsten und Hilflosesten einer Gesellschaft. Der Druck, ein „sinnloses“, für alle „lästiges“ Leben zu beenden, wird steigen.

Davon kann ja im Moment keine Rede sein. Um hier in Frankreich zu sterben, muss man es wirklich, wirklich wollen.


Aber nebenan, in Belgien, hat man gerade die Altersgrenze für aktive Sterbehilfe abgeschafft. Man traut offenbar Kindern zu, die Zukunft einzuschätzen und zu wissen, wann sich das Leben nicht mehr lohnt.

Ein Kind, das ist absurd. Aber wenn ein junger Mann nach einem Autounfall querschnittgelähmt ist, nicht mehr essen kann, wenn er unbedingt sterben will: Warum nicht?


Wie zulässig finden Sie es, aus einer persönlichen Erfahrung wie der Ihren allgemeine Schlüsse zu ziehen? Ihr Buch wird als Argument für aktive Sterbehilfe rezipiert.

Ich wollte keine Botschaft aus meiner Geschichte ableiten. Die einzige Botschaft, die ich geben kann, ist: An dem Tag, als mein Vater wusste, dass er wird sterben können, wie er es will, hat sich sein Lebensende verwandelt. Es hat ihm das Lebensende gerettet.


Haben Sie seinen Tod auch als eine Befreiung vom Vater erlebt?

Ja. Nicht umsonst habe ich 20 Jahre Psychoanalyse hinter mir. Ich habe mir dieses Gefühl erlaubt, weil ich ihn bis zum Ende begleitet habe, bis zum Grund unserer Beziehung gegangen bin. Wir haben uns alles gesagt, ich habe ihm auch meinen Zorn gesagt. Ich hasste ihn, ich liebte ihn.

Neu erschienen

Emmanuèle Bernheim, 1955 in Paris geboren, hat Romane und Drehbücher (u. a. für Filme von François Ozon wie „Swimming Pool“) geschrieben. Für den Roman „Sa femme“ (dt. „Die andere“) erhielt sie den renommierten Prix Médicis. Catherine Hélie – Editions Gallimard

„Alles ist gutgegangen“ (Hanser-Verlag) erzählt in der Ich-Form von der Krankheit ihres Vaters, seinem Todeswunsch und dessen Erfüllung. Ein starkes Zeugnis töchterlicher Zerrissenheit.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.02.2014)