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Hurrapatriotismus vom Krimigott Don Winslow?

Don Winslow
Don Winslow(c) EPA (ALBERTO ESTEVEZ)
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Der gefeierte US-Autor Don Winslow hat mit »Vergeltung« einen nüchternen Thriller geschrieben, der von der Kritik mit Häme überschüttet wird – nicht ganz zu Recht.

Selten waren sich die Krimikritiker in letzter Zeit so einig: Der momentan beste Thrillerautor schlage sich selbst k. o., urteilt „Welt“-Krimikritiker Elmar Krekeler. „Vergeltung“ lese sich über weite Strecken wie ein Landserheftchen, schreibt auch der deutsche Krimiexperte Tobias Gohlis in seinem Blog. Er fragt sich, ob Winslow nun sein wahres Gesicht als „Redneck-Propagandist, Waffennarr und antidemokratischer Spinner“ gezeigt habe. Dem bislang zu Recht gefeierten US-Autor schlägt nun also erstmals ordentlich Kritikergegenwind entgegen.

Waffenkataloglektüre. Tatsächlich lässt sich die simple Geschichte in zwei Sätzen zusammenfassen: Frau und Sohn des Elitesoldaten Dave Collins sterben bei einem Terroranschlag. Als die US-Regierung aus politischen Gründen nicht handelt, sorgt er selbst für Gerechtigkeit, schart eine handverlesene Auswahl weltweiter Söldner um sich und übt fortan Vergeltung. Man kann dem Buch wirklich viele Vorwürfe machen. Da ist einerseits diese nervige und bis ins Skurrile abdriftende inflationäre Aneinanderreihung von Akronymen. Mitunter hat man das Gefühl, in einem Waffenkatalog zu blättern. Andererseits fehlen Winslows feine Ironie und sein geniales Spiel mit der Sprache.

Ja, es stimmt: Man kann das Buch als eindimensionales, völlig misslungenes, hurrapatriotisches, gewaltverherrlichendes und zweifelhaftes Hohelied an soldatische Kameradschaft und das Söldnertum lesen. Als brutale Rachegeschichte für Männer. Man kann, muss aber nicht.

Was man leicht vergisst: Winslow beschreibt wie zuletzt Frederick Forsyth („Die Todesliste“) Realitäten. Das Gewerbe des Söldners ist eines der ältesten der Welt. Man kann es moralisch verurteilen, existieren werden menschliche Kampf- und Tötungsmaschinen aber wohl, solange es Menschen gibt. Und wenn man „Vergeltung“ genau liest, ist es eigentlich ein Abgesang auf das Söldnertum. In verstörenden, videospielartigen Szenen schickt eine Handvoll käuflicher Elitesoldaten rund um Collins Dutzendschaften von bösen Terroristen in die Hölle. Mitten in diesem Gemetzel hält Collins inne und erkennt die neue Realität, die moderne Kriegsführung: „Eine Handvoll speziell ausgebildeter Männer vernichtet mit technologisch ausgefeilten Waffen in nur wenigen Sekunden Dutzende von Gegnern.“

Es ist kein sauberer Krieg. Die im Buch dargestellten „intelligenten“ Waffen machen Angst. Plötzlich versteht man, warum Winslow ständig diese Akronyme verwendet. Denn so sieht die Welt aus der Sicht des Militärs aus: „Der XM25 ist reine Science-Fiction. Mit den lasergelenkten smart-bullets – jede der 25-mm-Granaten besitzt zwei Sprengköpfe mit jeweils mehr Wumms als eine 40-mm-Granate. Der Laserentfernungsmesser – LEM – bestimmt den Abstand zum Ziel, gibt die Information an einen in jeder Granate eingebauten Mikrochip weiter und legt damit fest, wie weit die Granate vor ihrer Detonation fliegen muss.“ Das Ergebnis ist verheerend. Der Tod durch eine Maschinengewehrsalve erscheint vergleichsweise human.

Ein vielseitiger Autor. Verstörend ist auch das Gefühl, das Buch eines anderen Schriftstellers zu lesen. Es zeigt aber gleichzeitig, wie vielseitig Winslow ist. Denn es ist kaum vorstellbar, dass das geniale und ultrarealistische Drogenepos „Tage der Toten“, das sprachverliebte und alle Genregrenzen sprengende Kifferdrama „Zeit des Zorns“, die coole Surferkrimi-Reihe um Boone Daniels sowie der nun vorliegende nüchterne Rachethriller von ein und demselben Autor stammen. Eigentlich respekteinflößend in einem von Serienfiguren dominierten Genre, das davon lebt, immer wieder das Gleiche vom Gleichen zu verkaufen.

Und Winslow spielt gekonnt mit Versatzstücken des Thriller-Genres. Nicht nur der ausgerechnet zu Weihnachten verübte Terroranschlag erinnert frappant an „Stirb langsam“. Die Szene mit den weißen Tauben gegen Ende – wer denkt da nicht an John-Woo-Filme! – verstärkt den Verdacht, dass der US-Autor hier eine gut getarnte Genre-Persiflage serviert hat. Fazit: „Vergeltung“ ist zweifellos kein Meisterwerk, aber ein lesenswerter Thriller über die Auswüchse der Post-9/11-Welt.

Neu Erschienen

Don Winslow: „Vergeltung“, übersetzt von Conny Lösch.
Suhrkamp-Verlag,
491 Seiten, 15,50 Euro.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.02.2014)