Seit Oktober ist Markus Mair Vorstandsvorsitzender der Styria Media Group, Eigentümerin von »Kleine Zeitung« und »Presse«. Der Ex-Raiffeisen-Manager glaubt nicht an den Tod der Zeitung. Aber er plädiert dafür, die Inhalte zu ändern, um Jüngere anzusprechen.
Eines wollen wir für die Leser vorwegschicken: Das ist ein ungewöhnliches Interview, Sie sind unser Vorstand.
Sie sind von einer sich angeblich in der Krise befindenden Branche, dem Bankwesen, in die andere, zu den Medien, gewechselt. Vom Regen in die Traufe?
Markus Mair: Die Branchen haben gewisse Gemeinsamkeiten, aber auf ungewisse Zeiten steuern nicht nur Banken und Medien zu, sondern auch Bereiche der Industrie oder des Handels. Das ist das Spannende an der Zeit. Vom Regen in die Traufe? Das sehe ich nicht so. Ich habe eine große Begeisterung für das Bankgeschäft gehabt – und ich habe jetzt eine noch größere Freude am Mediengeschäft.
Es gibt vor allem keine Eigenkapitalquoten, die erhöht werden müssen, und kein Basel III für Zeitungen.
Es gibt weniger Regularien, das ist wohltuend. Man braucht nicht bei jeder Entscheidung einen Rechtsanwalt, und man arbeitet sehr unmittelbar. Wir handeln schnell. Das mag ich.
Könnte man einwenden, dass das manchmal zuungunsten der Nachhaltigkeit geht?
Nachhaltigkeit ist ein großes Wort. Unser Auftrag ist klar: Wir wollen wirtschaftlich und redaktionell unabhängig bleiben. Wir machen viele Schritte, die uns weiterbringen, weil wir uns evolutionär entwickeln wollen. Aber wir würden einen falschen Weg beschreiten, wenn wir Stärken über Bord werfen, weil wir sie nicht mehr als zukunftsfähig betrachten. Wir haben starke Marken, und die werden auch die Zukunft sein.
Politiker bekommen von Medien gern eine 100-tägige Schonfrist. Ihre ersten 100 Tage sind um. Was haben Sie bisher erreicht?
Wir haben ein gutes Jahr abgeschlossen und im Vorstand eine hohe Stabilität erreicht, was in der Vergangenheit nicht immer der Fall war. Wir haben ein ambitioniertes Budget für 2014 aufgestellt. Und ich persönlich habe die Styria intensiv kennengelernt, konnte diesen Branchenwechsel innerlich vollziehen. Operativ ist es gelungen, die Zugriffe auf unsere Digitalmedien stark zu steigern, und so nebenbei wurde auch die Holding umstrukturiert.
„Evolutionär entwickeln“ ist ein relativer Begriff. Würden Sie sagen, was beim Springer-Verlag passiert, ist evolutionär? So stark ins Digitalgeschäft zu gehen und dort völlig andere Geschäfte zu betreiben?
Das, was Springer tut, muss man im Kontext der Eigentümerstruktur und des jetzigen Managements sehen, das von klaren wirtschaftlichen Interessen getrieben wird, die vieles andere überlagern. Das, was andere tun, wird die Styria nicht machen, also Printmarken verkaufen, um damit finanzielle Mittel für neue Digitalinvestitionen zu bekommen. Trotzdem entwickeln wir selbst digitale Anwendungen oder kaufen diese zu. Wir wissen, was wir können. Wir wissen aber auch, wo wir unsere Schwächen haben.
Beim Gründen und Kaufen liegt der Fokus aber wohl eher auf Digital als auf Print.
Ich kann heute nicht ausschließen, dass wir Investitionen im sogenannten Old Business machen, wenn diese Investitionen gesamtstrategisch einen Sinn ergeben. Es gibt außerdem keine Firma mehr, die nur im Printgeschäft tätig ist. Alle haben Mischformen.
Der „Spiegel“ verglich den Springer-Verlag unlängst mit einem Supermarkt, in dem man an der Kassa noch ein paar Zeitungen bekommt. Wie sieht die Styria aus?
Die Styria ist ein Verlagshaus, und sie wird ein multimediales Verlagshaus bleiben. Wir sind angetreten, Zeitungen zu produzieren. Wir sollten weniger diskutieren, ob die Zeitung sterben wird, sondern, was wir heute mit der Zeitung machen können. Die Inhalte werden sich verändern müssen, auch, um junge Leser anzusprechen. Es wird auch in zehn und zwanzig Jahren noch eine Zeitung geben. Möglicherweise nicht alle, die heute auf dem Markt sind, aber unsere Zeitungen werden dann noch da sein.
Und wie machen wir das?
Indem wir die besten Zeitungen machen – und dafür wirtschaftliche und organisatorische Konzepte entwickeln. Dabei befinden wir uns sicher in einem neuen Zeitalter, in dem die Frage erlaubt sein muss, was es heißt, effizient in einer Redaktion zu arbeiten.
Was heißt das: „effizient“? Reden wir jetzt von Kosten und von Zeit, effizienterer Planung der Ressourcen, oder reden wir von einem anderen Journalismus?
Von allem. Wir reden von einem gemeinsamen vernünftigen Nenner zwischen journalistischen Inhalten und dem betriebswirtschaftlichen Rahmen, diese Inhalte erstellen zu können. Und da hat jedes Unternehmen eine eigene Ausgangssituation. Bei der Gestaltung des Newsrooms für die „Kleine Zeitung“ in Graz beschäftigen wir uns intensiv mit den Abläufen in einem Raum. Diese Abläufe werden anders sein als jene in der Vergangenheit, als Leute oft isoliert gearbeitet haben.
Ex-„Presse“-Chefredakteur Michael Fleischhacker bringt gerade sein Buch heraus, es ist ein Nachruf auf die Zeitung. Keine Zustimmung, nehme ich an?
Ohne es gelesen zu haben: Der Titel findet nicht meine Zustimmung. Es ist zu einfach zu sagen, die Zeitung sei tot. Das ist so wie die Aussage: Wien ist langweilig, und Berlin ist hip. Ich sehe dieses Buch eher als Stilmittel, plakativ aufzuzeigen. Aber es ist keine ernst zu nehmende Aussage, aus der man eine konkrete Strategie für ein Medienhaus wie die Styria ableiten kann.
In jüngster Zeit verkünden Medienmanager wie Ihr Vorgänger, Horst Pirker, dass Sparen nicht die einzige Strategie sein kann. Was antworten Sie auf seine Aussage, die wohl auch in Richtung Styria gerichtet ist?
Wenn man die Strategie der Styria auf das Sparen reduziert, zeigt das eine große Unkenntnis. Denn wir investieren ja permanent im Printbereich in die bestehenden Marken und im Digital-Geschäft auch in neue. Wir wollen unseren digitalen Umsatz bis 2016 verdoppeln. Die Styria wird ihre eigene Geschichte schreiben.
„Die Presse“ hatte 2013 wirtschaftlich ein sehr gutes Jahr, was auch an den Einsparungen liegt, die Unmut unter den Mitarbeitern auslösen.
Ich verstehe, wenn man als Journalist das Gefühl hat, dass ein Unternehmen ausschließlich wirtschaftlich getrieben ist. Nur ist das bei uns nicht der Fall. Der Vorstand weiß, dass diese intelligente Kombination aus gesundem Wirtschaften und dem Herstellen von qualitätsorientierten Produkten wichtig ist. Und ich wiederhole noch einmal: Die wirtschaftliche Unabhängigkeit ist wichtig für unsere Existenz. Geht sie verloren, gibt es irgendwann das Produkt nicht mehr.
Wenn „Die Presse“ eine gesellschaftspolitische Bedeutung hätte, wie würden Sie diese beschreiben?
„Die Presse“ ist eine nationale Tageszeitung für Menschen, die Orientierung suchen. So wie am Donnerstag, als sie auf Seite eins Fragen zur Causa Hypo beantwortet hat, die eigentlich die politisch Verantwortlichen hätten beantworten müssen.
„Presse“ und „Wirtschaftsblatt“ werden in den nächsten Wochen näher zusammenrücken und Synergien finden. Wie viel Zeit geben Sie diesem Projekt?
Wir haben nicht alle Zeit der Welt. Aber etwas Neues zu machen soll nicht nur negative Gefühle auslösen. Was wir mit dem „Wirtschaftsblatt“ vorhaben, ist spannend: Wir wollen eine Zeitung für neue Leser und Zielgruppen öffnen.
Der ORF bekommt durch Gebühren über 600 Millionen Euro jedes Jahr, alle Printmedien des Landes zusammen bekommen zwölf Millionen Euro an Presseförderung. Wie kann dieses Ungleichgewicht beseitigt werden?
Ich möchte nicht den ORF attackieren. Per se hat er eine wichtige Funktion in der Republik, und dieser kommt er in großen Teilen auch gut nach. Wirtschaftlich betrachtet stehen wir in einem Wettbewerb, der mit sehr ungleichen Mitteln ausgetragen wird.
Sind Sie also für die Presseförderung?
Ja. Ich bin der Meinung, dass es dem Staat etwas wert sein muss, qualitätsorientierte Medien zu haben. Stellen Sie sich ein Land vor, in dem es nur Boulevardmedien gibt. In so einem Land möchte ich nicht leben.
Was ist der Grund, dass Aufsichtsrat und Vorstand rein männlich besetzt sind?
Ich gehe davon aus, dass sich dieses Thema im Aufsichtsrat ändern wird.
Zur Person
Markus Mair (*1964) ist Jurist. Er war Direktor der Raiffeisen-Landesbank Steiermark, ab 2006 deren Generaldirektor. Seit 2009 ist Mair Aufsichtsrat der Styria Media Group („Kleine Zeitung“, „Die Presse“) und steht seit Oktober 2013 als Vorstandsvorsitzender (mit den Vorständen Klaus Schweighofer und Malte von Trotha) an der Konzernspitze.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.02.2014)