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Angus Robertson: "Wir driften nicht nach Grönland ab"

Angus Robertson
Angus Robertson (Archivbild)(c) EPA (Matthew Cavanaugh)
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Angus Robertson, Schotte mit Wiener Schmäh und Abgeordneter im britischen Parlament, erklärt, wie er Schottland in die Unabhängigkeit führen und trotzdem sowohl das Pfund als auch die EU-Mitgliedschaft behalten will.

Ein Yes-Button im Mantelknopfloch, der Umriss Schottlands auf seinen Manschettenknöpfen, schottisch-österreichische Fähnchen im Revers seines Sakkos. Angus Robertson trägt sein Bekenntnis zu Schottland stolz zur Schau, wenn es sein muss, auch im Rock, wie neulich im Nationalrat. Und der 44-Jährige ist sicherlich der einzige Abgeordnete im britischen Unterhaus mit „Tatort“-Klingelton. Jetzt läutet sein Handy wieder. Im Griensteidl. Angus Robertson kennt das Kaffeehaus gut. Der Schotte hat acht Jahre lang in Wien gelebt. Als Sprachlehrer zuerst, dann als Journalist für Blue Danube Radio und BBC. 1999 kehrte er in seine Heimat zurück – als Politiker. Seit 2001 vertritt der Sohn einer deutschen Mutter und eines schottischen Vaters die Scottish National Party (SNP) im Londoner Parlament. Der schottischen Politik hatte er sich früh verschrieben. Schon mit 15 Jahren trat er der SNP bei.

Sein Traum ist nun zum Greifen nah. Am 18. September stimmt Schottland über seine Unabhängigkeit ab. Und im März 2016 könnte Schottland ein souveräner Staat sein. Im Interview am Michaelerplatz spricht Angus Robertson über seine Vision. Auf Deutsch, mit leichtem Wiener Einschlag.

 

Londons politische Elite hat deutlich gemacht, dass ein unabhängiges Schottland nicht mehr das Pfund haben könne. In welcher Währung wird man 2016 in Edinburgh sein Glas Whiskey bezahlen?

Angus Robertson: Die heiße Phase der Kampagne hat begonnen. Jetzt kommen die Drohungen und Einschüchterungsversuche aus London. Aber nur weil London droht, heißt das noch lange nicht, dass es so passieren wird. Das ist reine Politik. Was hat sich in letzter Zeit geändert? Die Meinungsumfragen. Die letzten sieben Meinungsumfragen zeigen eine steigende Tendenz für ein Ja zur Unabhängigkeit Schottlands.

 

Laut Umfragen sagen nur 29 Prozent Ja zur Unabhängigkeit, 42 Prozent Nein.

Der letzte Abstand war nur noch sieben Prozentpunkte. Das ist nichts. London hat sich für eine Intervention entschieden. Wie schlecht das in Schottland ankommt, darf man nicht unterschätzen. Das wird sich als Bumerang erweisen.

 

Glauben Sie, Schottland könnte das Pfund auch nach seiner Unabhängigkeit behalten?

Absolut. Das liegt in beidseitigem Interesse. Schottland ist Englands zweitgrößter Exportmarkt weltweit.

 

Es ist aber auch klar, dass die Engländer um Schottland kämpfen. Die Unabhängigkeit Schottlands wäre eine Zäsur, Großbritannien wäre dann nicht mehr groß.

Es gibt keinen anderen Staat der Welt, der eine solche Erfahrung damit hat, dass Teile des Imperiums ein neues erwachsenes Verhältnis zum Commonwealth eingehen. Wir wollen in einer „social union“ mit England leben. Wir sind keine Fremden, wir sind verbunden. Meine Freunde in Dublin sind für mich auch keine Ausländer, aber sie leben in einem souveränen Staat. Wir wollen uns nicht absondern und Richtung Grönland abdriften.

 

Aber wird das nicht insgesamt eine Schwächung Großbritanniens bedeuten?

Das kommt darauf an, welches Demokratieverständnis man hat. Meiner Meinung nach sollte man von Leuten regiert werden, die man gewählt hat. Wir sind Europäer, wollen mitmachen in der EU, aber London ist auf Konfrontationskurs mit Brüssel und führt eine Debatte, ob man austreten soll.

 

Könnte ein unabhängiges Schottland überhaupt Mitglied der EU sein?

Wir werden am 18. September über die schottische Unabhängigkeit abstimmen, aber erst im März 2016 unabhängig sein. Und in diesen 18 Monaten werden wir gemeinsam mit der britischen Regierung dafür sorgen, dass wir auch weiterhin in allen internationalen Organisationen dabei sind, in denen wir schon bisher als Teil Großbritanniens vertreten waren. Schottland ist der größte europäische Ölproduzent, der Teil der EU sein will.

 

Der spanische Ministerpräsident Rajoy hat bereits durchblicken lassen, dass er gegen eine Aufnahme Schottlands in die EU ist. Er möchte die separatistischen Bewegungen im eigenen Land nicht beflügeln.

Nein, nein, nein. Spanien hat nie gesagt, dass es ein Veto einlegen wird.

 

Spanien weigert sich auch, den Kosovo anzuerkennen. Es will nicht, dass sich Staaten abspalten in Europa.

Bei allem Respekt, es bestehen Unterschiede zum Kosovo. Wir sind Teil der EU, wir sind eine Demokratie, wir haben uns mit London geeinigt, das Ergebnis des Unabhängigkeitsreferendums anzuerkennen. Dass manche Leute, ob in London oder anderswo, Angst verbreiten wollen, ist nicht verwunderlich. Aber niemand hat gesagt, dass er ein Veto gegen eine EU-Mitgliedschaft Schottlands einlegen will. Was sich in Schottland ereignet, ist ziemlich beispiellos: vollkommen demokratisch, legitim, zivilisiert, nicht ethnisch, verfassungsgemäß. Das ist rar.

Schottland will offenbar auch Mitglied der Nato bleiben.

Ja, wir befinden uns in einer ganz wichtigen geostrategischen Lage. Der Name ist die Botschaft: Nordatlantischer Pakt. Schottland liegt mitten im Atlantik. Wir müssen mit unseren Nachbarn sicherheitspolitisch zusammenarbeiten, in erster Linie mit dem Rest Großbritanniens.

Aber es soll keine Atomwaffen in Schottland geben? Warum?

In der schottischen Politik gibt es eine lange Tradition, die nukleare Abrüstung zu unterstützen. Großbritannien hat eine mit Nuklearwaffen ausgestattete U-Boot-Flotte, die zu 100% in Schottland stationiert ist – weniger als 20 Fahrminuten von unserer größten Stadt entfernt. Und das, obwohl die Mehrheit der Schotten das nicht will. Unsere Abgeordneten haben dagegen gestimmt, unsere Kirchen sind dagegen, auch unsere Gewerkschaften. Wie hat London reagiert? Wurscht! Die Flotte blieb da. Das ist eine ganz heikle Frage in Schottland.

 

Am Ende werden die Schotten wohl nach wirtschaftlichen Kriterien entscheiden. Erhält Schottland nicht mehr Steuergeld von London als es einzahlt?

Das ist vollkommen falsch. Wir stellen 8,5 Prozent der britischen Gesamtbevölkerung. 9,3 Prozent britischer Steuern werden in Schottland ausgegeben, aber 9,9 Prozent aller Steuereinzahlungen kommen aus Schottland. Wir werden nicht subventioniert. Ein unabhängiges Schottland wäre in einer stärkeren wirtschaftlichen Position als der Rest Großbritanniens. Schottland hat zurzeit weniger Staatsausgaben.

 

Und die bestehenden Schulden werden einfach aufgeteilt?

Ja, ja.

 

Wird es nicht ein wahnsinnig komplizierter Prozess, alles verwaltungstechnisch auseinanderzudividieren?

Ich glaube, die Tschechen und Slowaken haben eine politische Übereinkunft an einem Wochenende geschmiedet. Wir haben einen ganz detaillierten Vorschlag gemacht: „The White Paper and Scotland's Future“ mit 700 Seiten. Die Politik macht viel Lärm. Aber wir leben auf einer gemeinsamen Insel, wir werdens hinkriegen.

Sehen Sie Signale, dass Österreich Schottland anerkennen würde?

Alle Staaten sind ganz respektvoll. Alle haben klargestellt, dass sie die demokratische Entscheidung Schottlands respektieren und sich nicht einmischen werden. Ich erwarte, dass Österreich und Schottland in kürzester Zeit volle diplomatische Beziehungen aufnehmen werden.

 

In Umfragen ist Ihr Lager im Moment deutlich hinten.

Wir sind auf der Überholspur.

Wie können Sie Ihre Gegner überholen?

Der Unterschied zwischen der Ja- und der Neinkampagne ist, dass wir auf Optimismus bauen. Die anderen wollen Angst verbreiten: Sie selbst haben sich intern als „Projekt Fear“ bezeichnet. Sie verstehen ihre Rolle darin, den Leuten Angst einzujagen, um sie von einem Ja abzuhalten. Wir müssen den Leuten Mut geben. Wie machen wir das? Wir gehen von Straße zu Straße, klopfen an die Türen, machen öffentliche Versammlungen. Und organisatorisch sind wir viel, viel stärker. Nicht nur die Scottish National Party, auch die Scottish Green Party, aber auch viele Nebenorganisationen aus allen Segmenten der schottischen Gesellschaft machen mit. In meinem Wahlkreis haben wir wöchentliche öffentliche Versammlungen. Die Gegner nicht.

 

Ist die Frage der Unabhängigkeit endgültig entschieden, wenn das Referendum negativ ausgeht, oder gibt es in zehn Jahren die nächste Abstimmung?

Wir werden die Abstimmung gewinnen. Aber auch wenn es negativ ausgehen würde, würden wir weiterkämpfen für das optimale Regierungssystem. Es gibt keine einzige Partei – und da beziehe ich auch die Konservativen mit ein – die für die Beibehaltung des Status quo ist. Schottland muss mehr Entscheidungsrechte und mehr Steuerhoheit haben. Alle sagen das. Wenn es mit einem Nein ausgeht, muss man weiterregieren, sich für Verbesserungen einsetzen. Es hängt dann letztendlich vom Volk ab, ob es wieder die Möglichkeit einer Entscheidung haben will.

 

Wenn sich das schottische Volk gegen die Unabhängigkeit ausspricht, fällt doch auch ein Druckmittel weg, um London mehr Autonomierechte abzuverhandeln.

Das ist eine riesige Bedrohung, wenn das Referendum mit Nein ausgeht: London könnte sagen, die Schotten wollen ja eh keine Unabhängigkeit, und jetzt können wir machen, was wir wollen. Dann müssen wir die Zeche zahlen. Das würde für einen durchschnittlichen schottischen Bürger wirtschaftliche Nachteil bedeuten. Nicht nur ein Ja, auch ein Nein hätte Folgen.

 

Das ist jetzt aber auch Project Fear.

Nein, das ist Project Reality.

1969
wird Angus Robertson als Sohn eines Schotten und einer Deutschen geboren. Er wächst in Edinburgh auf.

Von 1991 bis 1999
lebt Robertson in Wien. Er arbeitet u. a. als Moderator für Blue Danube Radio, den Vorgängersender von FM4.

2001
zieht er für die Scottish National Party (SNP), deren Mitglied er seit seinem 15. Lebensjahr ist, für den Wahlkreis Moray ins Parlament in Westminster ein.

2007
wird Angus Robertson SNP-Fraktionschef im House of Commons.
Stanislav Jenis

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.02.2014)