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Staatsoper: Ein Östrogen-Konflikt, wie gemacht für Primadonnen

WIENER STAATSOPER: ´ADRIANA LECOUVREUR´
WIENER STAATSOPER: ´ADRIANA LECOUVREUR´(c) APA/WIENER STAATSOPER7MICHAEL P� (WIENER STAATSOPER7MICHAEL P�HN)
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Die Staatsoper spielt Francesco Cileas Oper, „Adriana Lecouvreur“, zum ersten Mal. Durchaus eine Bereicherung des Spielplans.

Zuletzt gab es nebst anhaltendem Jubel ein paar Buhrufe für das Regieteam. Man fragt sich, was die kritischen Geister von einer Inszenierung der „Adriana Lecouvreur“ erwarten? Soll die Geschichte auf der Herrentoilette spielen? Oder aus Gründen der Aktualität, weil es ja um das Schicksal einer Schauspielerin geht, in einer Bankfiliale, in der eine Finanzdirektorin gerade eine Transaktion in Millionenhöhe abwickelt?

Die Staatsoper hat aus London eine Produktion David McVicars übernommen: In Dekors von Charles Edwards werden – durch Brigitte Reiffenstuels prachtvolle Kostüme ausgewiesen – Menschen im Frankreich Ludwigs XV. in ein Intrigenspiel aus Macht und Eifersucht verwickelt. Man spielt also, wie auf dem Programmzettel vermerkt, „Adriana Lecouvreur“ des Puccini-Zeitgenossen Francesco Cilea. Eine Oper als Forum für eine Primadonna. Angela Gheorghiu nützt dieses weidlich: Ein Star spielt einen Star – und demonstriert, wie man ein solcher wird.

 

Wie wird man ein Star?

Indem man höchst artifizielles, bis in die kleinste Handbewegung ausgeklügeltes Auftreten mit ebensolcher Gesangskunst vermählt. Von der subtil in Pianissimoregionen knapp vor der Unhörbarkeit gedrechselten Kantilene der Auftrittsarie bis zum machtvoll anschwellenden Espressivo im Moment der äußersten Verzweiflung und wieder zurück zum wahnbetörten Todeshauch schwillt und erstirbt die Vokallinie.

Wenn die Gheorghiu freilich auf Elena Zhidkova trifft, die mit dieser Premiere ihr Staatsoperndebüt feierte, muss Sturmwarnung gegeben werden. Zhidkova lässt vom ersten Ton an keinen Zweifel daran, dass sie gewillt ist, ihre Kontrahentin mit allen Mitteln – nicht nur mittels vergifteter Veilchen – zu bekämpfen. An den respektgebietenden, in allen Lagen klangvoll-intensiven Mezzo-Attacken wächst der Angriffsgeist des Soprans.

Das Finale des zweiten Akts wird zum packenden Moment, weil auch das Orchester im wahrsten Sinne des Wortes mitspielt. Es ist (nach „Anna Bolena“) das zweite Mal, dass Evelino Pidó am Pult einen solch melodramatisch aufgeputschten Östrogen-Konflikt anheizt und die Musiker reizt, alle Vokabel ihrer reichen Klangsprache für ein allseits keineswegs zur den Spitzenwerken gezähltes Opus zu nutzen. Angehörs der zart gesponnenen Phrasen der Diva verdünnte sich der Orchesterteppich zusehends, ohne doch je Risse im Gewebe aufkommen zu lassen. Die Eifersuchtsattacke bringt dann aber auch den Instrumentalpart in Rage. Und trotz allem herrscht durchwegs Tonschönheit: Zwei wohlbekannte Arien-Melodien durchziehen repetitiv, aber nicht enervierend den ganzen Abend mit Wohlklang.

 

Der Tenor hat's schwer

Schwer hat es in solchem Szenarium der Tenor in der einstigen Caruso-Partie des Moritz von Sachsen: Massimo Giordano, dessen Stimme bei länger dauernden Phrasen tremolierend an Konsistenz einbüßt, hat seine stärksten Momente im martialischen Stakkato der Erzählung von seinem heldenhaften Kampf gegen die Kosaken.

Im Gegenzug erweist sich Roberto Frontali als der Ruhepol des Geschehens – und wandelt sich vom enttäuschten älteren Verehrer in einfühlsamen Bariton-Kantilenen zum wohlmeinenden väterlichen Freund. Dieser Michonnet gibt Adriana Halt im Sturm der persönlichen Eifersuchtstragödie wie im oberflächlichen Getriebe, das in der Comédie Française hinter der Szene herrscht. Die exzellent besetzten Komparsen huschen da in wohlchoreografiertem Tohuwabohu über die Bretter, die die Welt bedeuten: Bryony Dwyer, Juliette Mars, Jongmin Park und Jinxu Xiahou als Buffo-Ensemble, Raul Gimenez und Alexandru Moisiuc als intrigante Zaungäste.

Ganz nach Pariser Gusto hat auch das Ballett seine exquisiten zehn Minuten. Und die Staatsoper besitzt ab sofort ein ideales Vehikel für spannende Konfrontationen, wie sie sich anlässlich der Premiere ereigneten. Das ist durchaus eine Bereicherung des Spielplans. Manche Primadonna könnte sich als Adriana bewähren. Und vielleicht empfiehlt sich auch die eine oder andere Debütantin – wie diesmal Elena Zhidkova – für weitere Aufgaben...

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.02.2014)