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„American Hustle“: Lauter schrecklich nette Betrüger

American Hustle, Christian Bale
Hauptdarsteller Christian Bale darf als Schwindler immerhin schön unelegant bierbäuchig herumsitzen.(c) Tobis
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David O. Russells überschätzte Gaunerkomödie „American Hustle“ ist Oscar-Favorit. Dabei ist sie weder sehr komisch, noch sind die Gaunereien besonders bemerkenswert.

Scherzhaft salopp steht am Anfang dieses Films die Feststellung: „Some of this actually happened.“ So kann man sich darüber hinwegtrösten, dass diese Gaunerkomödie weder besonders lustig ist noch bemerkenswerte Betrügereien zeigt. Wo ein Genre-Klassiker wie „Der Clou“ über zwei Stunden dauerte, weil er die ausgefeilten Pläne seiner Gauner genau verfolgte (und dann noch Überraschungen draufsetzte), dauert „American Hustle“ noch länger, weil Regisseur David O. Russell offenbar einfach danach war. Nicht, dass man ihm betrügerische Absicht unterstellen könnte – oder wollte: Doch für einen Film, der so enthusiastische Lobeshymnen bei der Kritik erntete und heuer (wie es „Der Clou“ 1974 tat) bei den Oscars abräumen könnte, ist „American Hustle“ enttäuschend unterdurchschnittlich.

Immerhin hat der Film einen Vorteil: Er wird besser – oder jedenfalls weniger uninteressant –, je länger er dauert. Anfangs ist das in Dekor und Kostüm dick aufgetragene Seventies-Flair überzeugender als Handlung und Figuren, trotz sympathischer Darsteller wie Christian Bale, der umständlich Perücken probierend vorgestellt wird und bald auch schön unelegant bierbäuchig herumsitzt. Als professioneller Schwindler Irving Rosenfeld lernt er erst die Frau seines Lebens (Amy Adams) kennen, wird dann von einem ambitionierten FBI-Agenten (Bradley Cooper) geschnappt und zu einem Spezialauftrag gezwungen: durch Trickbetrügerei korrupte Politiker in die Falle zu locken. Und ja, manches davon ist wirklich passiert (wenn auch nicht allzu viel): Inspiration des Films war die „Abscam“-Operation, bei der das FBI 1978 tatsächlich mit einem verurteilten Trickbetrüger auf Politikerfang ging.

Von Scorsese in den Schatten gestellt

Regisseur Russell interessiert sich aber weniger dafür als für die stilistische Nachbildung der 1970er in Filmen wie „Boogie Nights“ von Paul Thomas Anderson im Besonderen und dem Gesamtwerk von Martin Scorsese im Allgemeinen: Schon öfter versuchte sich Russell an einer Art Scorsese light, und zwar durchaus wie im Sinn einer Zigarettenmarke. Von Scorseses gewaltigem aktuellen Betrügerfilm „The Wolf of Wall Street“ mehr als nur in den Schatten gestellt, wirkt „American Hustle“ aber eher wie Scorsese-Menthol. Das hat augenscheinlich auch seine Fans. Aber wo Russells Versuche in überbordender Inszenierung zuletzt bei „Silver Linings“ und „The Fighter“ von simplen Drehbuchformeln zusammengehalten wurden, sorgt sie bei den komplizierten Intrigen des neuen Films nur für zusätzliche Unübersichtlichkeit.



So wirkt „American Hustle“ wie ein Drama, das auf Komödie getrimmt worden ist. Absurde Details wie der noch bei seiner Mama wohnende und dort in Lockenwicklern herumlaufende FBI-Agent sollen für Erheiterung sorgen, als Kontrapunkt zum großen Thema des Films: Sind wir nicht alle Betrüger? Auch wenn wir uns nur selbst betrügen? Sicherheitshalber wird das im Voice-over von verschiedenen Figuren sowie im Dialog unerbittlich wiederholt, für den Fall, dass der Zuseher – ob jetzt in selbstbetrügerischer Absicht oder nur zur Entspannung – zwischendurch aus dem Kino geht. Ist ja alles – zweites große Thema – nur Schauspiel.

Das wild wuchernde Durcheinander hat dabei auch gelungene Elemente, besonders dank Jennifer Lawrence, die schon in „Silver Linings“ für Russell magisch strahlte (und den Oscar erhielt). Hier hat sie die etwas klischeehafte Nebenrolle als Gattin Rosenfelds, der mit ihr um das Sorgerecht für seinen Stiefsohn streitet. Mit Lawrence kommt Leben in den Film und die zweite Hälfte versorgt sie mit Showstopper-Szenen wie ihrer Mitsingdarbietung von „Live and Let Die“.

Bezeichnend für die unförmige Struktur des Films ist jedoch, dass darob die andere weibliche Hauptfigur fast verloren geht: Russell kompensiert durch ausgiebiges Studium von Adams' Ausschnitt oder ihrer Beine unter dem gehobenen Minirock. Trotz der wirren Zeitsprünge kommt der leicht surreale Plot – im Zentrum der Trickserei steht ein falscher Scheich – indes einigermaßen in die Gänge. Es gibt sogar einen echt spannenden Moment mit Gaststar Robert De Niro, dessen Figur allerdings nur mehr ein parodistisches Abziehbild seiner Scorsese-Rollen ist.

Was wieder daran erinnert, dass dieser prinzipiell nicht ganz unsympathische, aber nachlässig arrangierte und völlig unoriginelle Film als überlange, angelegentlich amüsante Fingerübung seines Regisseurs durchginge, wenn er nicht mit solchen Vorschusslorbeeren daherkäme. So überwiegt das Gefühl, man hätte den ursprünglichen Titel behalten sollen: „American Bullshit“.

Führt bei Oscar-Nominierungen

„American Hustle“ liegt zusammen mit „Gravity“ bei den Oscar-Nominierungen vorn. Beide sind in zehn Kategorien im Rennen – aber nur „American Hustle“ in den sogenannten Big Five: Bester Film, beste Regie (David O. Russell), Hauptdarsteller Christian Bale, Hauptdarstellerin Amy Adams und (Original-)Drehbuch. Bisher haben nur drei Filme in allen fünf Oscar-Hauptkategorien gewonnen, zuletzt „Das Schweigen der Lämmer“ im Jahr 1992.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.02.2014)