Achtung, hier wird's geschmacklos!

Salz- und Pfefferstreuer
Salz- und Pfefferstreuer(c) Armin Herrmann
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„Böse Dinge“: eine vom Berliner Werkbundarchiv übernommene „Enzyklopädie des Ungeschmacks“. Eine kluge und sehenswerte Ausstellung.

Affektiertes Kopfschütteln, begleitet von einem halb verächtlichen, halb herzlichen Lachen: Schon bei der Pressebegehung der Ausstellung „Böse Dinge“ sah man diese typische Reaktion auf Objekte, die als geschmacklos gelten. Sie ähnelt verblüffend der Reaktion auf einen unanständigen Witz, auf eine Zote, von der Sigmund Freud wusste, dass sie einem Verführungsversuch gleichzusetzen ist. (Und nicht zufällig sind viele der nun im Hofmobiliendepot ausgestellten Objekte sexuell zwei- bis eindeutig; Nussknacker in Form eines weiblichen Unterleibs, diverse Gebrauchsgegenstände in Form von Brüsten und Genitalien.)

Wozu wollen uns geschmacklose Dinge verführen? Zur anarchischen Lust, die Grenzen des sogenannten guten Geschmacks zu übertreten: hinein ins wilde Terrain, wo man sich für Kitsch & Co. nicht geniert.

Diese Grenzen wurden und werden immer wieder neu gezogen. Ein besonders entschiedener Grenzenzieher war der böhmisch-deutsche Kunsthistoriker Gustav Edmund Pazaurek (1865 bis 1935), Mitglied des 1907 gegründeten Deutschen Werkbunds. Der Feind, den er in die Schranken weisen wollte, war das „Unkraut des Ungeschmacks“; er sah sich als Säuberer und Kämpfer: „Leben ist Kampf“, schrieb er, „auch auf ästhetischem Gebiete müssen wir kämpfen, schon der bloße Stillstand bedeutet den beginnenden Verfall unserer Kultur.“ Und, ja, Pazaurek sprach auch von „entarteten Kunstformen“, obgleich er kein Deutschnationaler oder gar Nazi-Vorläufer war: Pseudorurale „Hemdsärmelkultur“ verachtete er genauso wie kriegsverherrlichenden „Hurrakitsch“.

So entwickelte er eine komplizierte Systematik des schlechten Geschmacks – nicht des guten Geschmacks, dieser wird ja gern ex negativo definiert: Geschmackvoll ist, was nicht geschmacklos ist. Pazaurek unterschied vier Kategorien des schlechten Geschmacks: Materialfehler, Konstruktionsfehler, Dekorfehler und Kitsch. Unter Materialfehler fallen z. B. Material-Surrogate, also Gegenstände aus „minderwertigen“ Stoffen, die nach wertvollen aussehen sollen, aber auch Material-Protzereien, also verschwenderischer Umgang mit Kostbarem. Unter Dekorfehler listete Pazaurek u. a. „abnorme“ Formen (die „auf Kosten der Klarheit und Bewährtheit einer traditionellen Zweckform gehen“, also nicht das spätere Bauhaus-Prinzip „Form follows function“ erfüllen) und die „sehr gefährliche, weil ansteckende Krankheit der Ornamentwut oder des Dekorpar-oxysmus“ – das war 1912, vier Jahre nach Adolf Loos' noch radikalerer Streitschrift „Ornament und Verbrechen“.

Ethisch sind wir heute strenger

Auch mit dem Kitsch verfuhr er – wie der gesamte Werkbund – höchst empört, ernst und streng. Dieser Ernst und diese Strenge fehlen uns, die wir durch das entkrampfende Bad der Postmoderne gegangen sind. Wir haben gelernt, ironisch zu zwinkern, Anführungszeichen zu malen, zugleich verächtlich und herzlich zu lachen. Ernsthaft entsetzt sind wir nur mehr, wenn ein Produkt gegen unsere Ethik verstößt, etwa von Kindern gefertigt wurde, der Umwelt schadet oder unserem anständigen Vokabular nicht entspricht. (Da war man wieder früher weniger streng.)

In diesem Sinn hat das Werkbundarchiv nicht nur Pazaureks „Abteilung der Geschmacksverirrungen“ rekonstruiert und ergänzt, sondern auch neue Kategorien festgelegt: sexistische und rassistische Gestaltung, unfaire Produktionsbedingungen etc. In dieser Abteilung wird nicht gezwinkert, sondern die Stirn gerunzelt.
Weil wir alle kleine Geschmacksrichter sind, darf jeder auch eigene „böse Dinge“ als Leihgaben mitbringen, die allerdings sauber, leblos und kleiner als 25✕25✕25 Zentimeter sein müssen und weder stinken noch lärmen dürfen. Denn über Geschmack fürs Auge lässt sich streiten, Nase und Ohr kennen da viel weniger postmodernen Pardon.

Bis 6. Juli, Hofmobiliendepot, Wien 7, Andreasgasse 7.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.02.2014)

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