Forscher in Wien bringen die Immuntherapie voran: Sie haben einen molekularen Schalter gefunden, der die Metastasenabwehr aktiviert.
„Die große Vision ist die, dass man jemandem, der irgendwo auf dem Land lebt und Krebsmetastasen hat, mit Medikamenten helfen kann, die er oral einnehmen kann.“ Mit diesen Worten reiht sich Josef Penninger, Chef des Instituts für Molekulare Biotechnologe (IMBA) in Wien, ein in den jüngsten Anlauf gegen all die Leiden, in denen die Teilung der Zellen außer Kontrolle gerät, erst in einer Region des Körpers, mit Tumoren, und dann anderswo, mit Metastasen.
Tumorzellen sind dem Körper fremd, und für alles Fremde (Antigene) ist das Immunsystem zuständig, es behütet den Körper auf zwei Wegen: Es gibt eine angeborene Immunabwehr, deren Protagonisten ganz unspezifisch über eine breite Palette von Antigenen herfallen und sie zerstören; und es gibt eine adaptive Immunabwehr, ihre Waffen sind gezielt auf einzelne Antigene spezialisiert. Aber Tumorzellen entgehen beiden, sie werden von der Abwehr nicht als fremd erkannt, sie tarnen sich mit vielerlei Tricks, so stellt man sich das zumindest vor. Es gibt aber auch die Hypothese, dass unentwegt Zellen auf dem Weg zu Tumorzellen sind, und dass das Immunsystem sehr wohl mit ihnen fertig wird, eine Zeitlang.
Irgendwann nicht mehr, dann verliert die Abwehr ihre Kraft, oder sie wird ihr von den Tumoren wegmanipuliert. Könnte man ihr aufhelfen, könnte man sie (neu) stärken. Ende der 1980er-Jahre bemerkte James Allison, Krebsforscher an der University of Texas, an T-Zellen – sie gehören zum adaptiven Immunsystem – einen Rezeptor, der die Aktivität der Zellen herabsetzt, CTLA-4. Und er hoffte, diese Bremse lockern zu können, indem man die Aktivität von CTLA-4 blockiert, mit einem eigens konstruierten Antikörper. Das dauerte, aber 1996 gelang Anderson das proof of principle: Er konnte an Mäusen zeigen, dass Antikörper gegen CTLA-4 Tumore zum Verschwinden bringen.
Großen Eindruck machte er in der Pharmaindustrie damit zunächst nicht – zu viele Anläufe gegen Krebs waren gescheitert, zuletzt der, ihn auszuhungern, von der Blutversorgung abzuschneiden –, erst 2010 gab es Erfolge in klinischen Tests an Menschen, bei Melanomen, den übelsten Hautkrebsen. Da hatten sich auch schon andere T-Zell-Bremsen gefunden, die auch mit Antikörpern blockiert werden konnten, auch die gingen in Tests, kleine, die Antikörper sind extrem teuer. Aber die Erfolge häuften sich doch so, dass Science die Krebsimmuntherapie zum „Breakthrough of the Year 2013“ ausrief, mit einigen Bedenken: „Haben wir damit einen Hype riskiert?“ (342, S. 1432).
Den negativen Regulator abschalten!
Das ist noch offen, aber gerade kommt die nächste Erfolgsmeldung, vom Memorial Sloan-Kettering Cancer Center, dort rüstete man T-Zellen gegen einen Blutkrebs auf (Science Translational Medicine, 19. 2.). Auch das lief also, wie alles Bisherige, über das „adaptive Immunsystem“. Aber nun beginnt es auch beim anderen, dem angeborenen, und es beginnt in Wien, an Penningers IMBA, an Mäusen (Nature, 19. 2.). Diesmal werden natürliche Killerzellen (NK), die man zuvor reaktiviert, an die Front geworfen: Auch bei ihnen wurde ein negativer Regulator identifiziert (Cbl-b), der die Aktivität gehemmt; auch hier fanden die Forscher – angeführt von Postdoc Magdalena Paolino – einen molekularen Schalter, der sich umlegen lässt, es ist der Rezeptor (TAM), an den Cbl-b bindet.
Blockiert man TAM, geht die Krebsabwehr hoch, und zwar die gegen seine zweite Phase: „Die bisherigen Immuntherapien arbeiten mit dem adaptiven Immunsystem, das wendet sich vor allem gegen Primärtumore. Wir haben jetzt Vergleichbares im angeborenen Immunsystem, das geht gegen Metastasen.“ Zudem ist die Blockadesubstanz oral verabreichbar, aber Penninger mahnt zur Geduld, und zu Vorsicht, es ist eine „Vision“.
(Die Presse. Printausgabe vom 20.2.2014)