Forscher in Wien finden Bestätigung dafür, dass die Erde rundum vergletschert war.
War die Erde einmal - oder gar mehrere Male - rundum von einem Eispanzer bedeckt? 1962 tauchte die Idee erstmals auf, Michael Budykow (Geophysikalisches Observatorium Leningrad) hatte ein Klimamodell gerechnet und war auf die Möglichkeit eines "davonlaufenden Albedo-Effekts" gestoßen: "Albedo" ist das Maß für die Reflektionskraft einer Oberfläche; die hängt von der Farbe ab, Weiß reflektiert stark, auch Sonnenlicht, das dann nicht wärmt, sondern zurückgestrahlt wird; Schnee und Eis sind weiß, und wenn sie von den Polen weit genug vorgedrungen sind, läuft die Vereisung irgendwann davon, bis zum Äquator.
Budykow nannte das "Eiskatastrophe", fand aber wenig Anklang: Wo hätte die Kälte herkommen sollen? Woher später die Wärme? Wo hätte das Leben überwintern sollen? Für Letzteres bot sich in den 80er-Jahren eine Antwort, als man auf reiches Leben an Tiefseevulkanen stieß und auf Bakterien im Eis. 1992 präsentierte Geologe Joseph Kirshvink (Caltech, Pasadena) Kandidaten für das Auftauen: Vulkane. Sie spucken auch das Treibhausgas CO2, das für gewöhnlich von verwitterndem Gestein aufgenommen wird. Aber das lag unter Eis, das CO2 konnte sich aufkonzentrieren, 35 Millionen Jahre lang, dann war der Gehalt in der Atmosphäre hoch genug, 350 Mal so hoch wie heute, um den "snowball earth" - der Name stammt von Kirshvink - zu schmelzen.
Dann ging alles rasch, das CO2 geriet auch in die Meere und fiel in Karbonaten aus, und Mangan aus Tiefseevulkanen fiel als Oxid aus, als wieder Sauerstoff ins Wasser kam. Beides hat man gefunden, vor 710 und 635 Millionen Jahren lagerte sich rasch viel ab, zudem fand man - mitten in den Meeren - Moränen früherer Gletscher. Aber alles blieb umstritten, es gab bald auch eine Fraktion, die eine nur partielle Vereisung postulierte: "slushball earth", Matschball.
"Wir wollten einen neuen und unabhängigen Test", erklärt Geochemiker Christian Koeberl (Uni Wien), der eine Idee hatte und sie von seinem Doktoranden Bernd Bodiselitsch prüfen ließ: "Auf einer total vereisten Erde gibt es keine Erosion, keinen irdischen Staub, nur extraterrestrischen." Der regnet immer aus dem All - 40.000 Tonnen im Jahr -, er hätte in den "snowball" gehen müssen und bei dessen Schmelze an den Meeresboden. Dort haben ihn Koeberl und Bodiselitsch auch gefunden, in Bohrkernen aus dem Kongo, die den Iridiumgehalt von kosmischem Staub haben, nicht den von irdischem (Science, 308, S. 239).
Aus der Dicke dieser Ablagerung lässt sich die Dauer der Vereisung vor 635 Millionen Jahren berechnen: um die 12 Millionen Jahre. Und der "slushball"? "Bei ihm würde man keine diskrete Iridium-Schichte finden", erklärt Koeberl: "Wäre nicht alles vereist gewesen, hätte es ja weiter Erosion gegeben, und dieser irdische Staub hätte den kosmischen verdünnt."