Genetik. Schalter der Furcht im Gehirn identifiziert.
W
enn uns etwas stark berührt, ob wir nun gerade verliebt sind oder vor Furcht zittern, merken wir es uns besser, dafür sorgt die Amygdala, die Hirnregion, in der das emotionale Gedächtnis aufgebaut wird. Von dort aus wird dann auch gesteuert, wie wir auf emotionsgeladene Situationen reagieren, wie sehr wir uns etwa vor Bedrohungen oder der Wiederholung böser Erlebnisse fürchten. Und das liegt, wie alles, in den Genen: Eine Gruppe um James Olsen, University of Washington, hat gerade ein Furcht-Gen identifiziert, neuroD2. Haben Mäuse davon zwei Kopien, sind sie furchtsam, schaltet man eine Kopie aus, werden sie verwegen und lernen nicht aus Erfahrungen. Sie begeben sich in gefährliche Situationen, und sie lassen sich auch von wiederholten Stromstößen nicht belehren, dass sie einen bestimmten Ort besser nicht betreten, ihre Amygdala entwickelt sich nicht vollständig (Pnas, 26. 9.).
Aber natürlich liegt nicht alles in den Genen, und Reaktionen auf Stromstöße gehören nicht zum Repertoire von Tieren in der freien Natur. Wer sich nicht fürchtet, lebt nicht lange, aber man kann auch an Angst sterben, nach welchen Kriterien wird die Gefahr eingeschätzt, vor allem die, die von Raubtieren droht? Man kann es beobachten, am Fluchtverhalten, es gibt viele Studien, eine Gruppe um Theodore Stankowich, University of California, Davis, hat eine Zusammenfassung ("Meta-Analyse") versucht. Demnach kommt es vor allem auf die Entfernung zum sicheren Bau an, sofern man einen hat: "Der Effekt der Distanz zum Zufluchtsort übertrifft alle Effekte, die vom Raubtier ausgehen", sei es dessen Größe, seine Nähe oder die Geschwindigkeit, mit der es gerannt oder geflogen kommt (Proceedings of the Royal Society B, 28. 9.).
Das gilt natürlich nur für Tiere, die einen Zufluchtsort haben, bei anderen variiert der Fluchtzeitpunkt mit der Größe der eigenen Gruppe: Fische fürchten sich weniger, wenn sie in Schwärmen sind, es mag damit zusammenhängen, dass ein Schwarm sich gemeinsam verteidigt oder dass andere Interessen mitspielen: Fischschwärme halten sich in futterreichen Regionen auf, die verlässt man nicht leicht. Andere Tiere flüchten rascher, wenn viele versammelt sind, vielleicht entdecken sie die Gefahr auch früher, viele stellen Wachtposten auf. Ähnlich verwirrend ist der Einfluss der Körpertemperatur: Manche Reptilien flüchten später, wenn sie warm sind - sie sind dann schneller -, andere, wenn sie kalt sind, sie versuchen, keine Aufmerksamkeit zu erregen.
Und man muss erst einmal flüchten können: Eidechsen, die bei früheren Begegnungen mit Räubern den Schwanz verloren und teilweise wieder haben wachsen lassen, laufen früher weg, sie können mit ihrem Schwanz nicht gut steuern. Und sie kennen die Gefahr: Wer eine Begegnung überlebt hat, flüchtet früher. Außer er weiß, dass er gerade nichts fürchten muss: In der Schonzeit bleibt Wild gelassener. Und im Park, wo sich die Amseln - vor 20 Jahren noch scheu - bald mit den Händen greifen lassen? Dort zeigt sich, dass die Kraft der Erfahrung mindestens so stark ist wie die eines Gens.