Bakterien produzieren ein Nervengift.
In Bakterien aus aller Welt hat Paul Cox, Ethnobotaniker und Direktor des Bota nischen Gartens von Hawaii ein Gift gefunden, das er früher schon in den Gehirnen von Alzheimer-Opfern in Kanada gefunden hat: die Aminosäure [*]-Methylamino-L-Alanin (BMAA). Der Direktor des Botanischen Gartens von Hawaii? Was hat er mit Alzheimer und Bakterien zu tun?
Die Geschichte beginnt in den 60er-Jahren auf der Insel Guam, wo sich unter den indigenen Chamorro eine Krankheit häufte, die die Symptome von Alzheimer, Parkinson und ALS - das ist eine Lähmung - vereint: ALS-PDC. Der Verdacht richtete sich auf die Ernährungsgewohnheiten, viele Kandidaten kamen und gingen, einer blieb: BMAA. Er steckt in den Früchten des Palmfarns Cyca, die die Chamorro zu Mehl verarbeiten. Sie kennen die Gefahr, waschen die Früchte beim Mahlen aus.
Aber Cycas gibt es andernorts auch, erst Cox - und dem Psychologen Oliver Sacks - fiel eine zweite regionale Delikatesse auf: Flughunde, die auch an den Früchten naschen. Die hatten die Chamorro immer schon gejagt, mit Netzen, aber im Zweiten Weltkrieg wurde Guam eine US-Militärbasis, viele Schusswaffen kamen auf die Insel, viele Flughunde in die Kochtöpfe. Die haben 3.556 Mikrogramm BMAA pro Gramm Körpergewicht in sich, hundert Mal so viel wie die Cycas, und die haben wieder hundert Mal so viel wie Bodenbakterien, die mit den Wurzeln der Cycas vergesellschaftet sind. Am anderen Ende, in den Gehirnen der ALS-PDC-Opfer sind es sechs Mikrogramm, ein wenig mehr hatten zwei Kanadier, die an Alzheimer verstorben sind - und in ihrem Leben nie Cyca-Mehl verzehrt haben, geschweige denn Flughunde.
Das war Cox' Stand vor eineinhalb Jahren, er rief dazu auf, nach anderen Quellen zu suchen (Pnas, 100, S. 13380). Nun ist er selbst fündig geworden, in Cyanobakterien aus der ganzen Welt. Von ihnen gibt es die verschiedensten Arten in verschiedensten Lebensräumen, im Boden, im Wasser, dort bringen sie die giftigen "Algenblüten". Viele erzeugen Gifte, jede Art ein anderes, aber fast alle auch BMAA. "Wir haben in 95 Prozent der von uns analysierten Arten BMAA gefunden", bilanziert Cox: "Es ist gut möglich, dass es unter den passenden Bedingungen von allen Arten erzeugt werden kann" (Pnas, 2. 4.). Der Forscher fordert ein Monitoring für Trinkwasser, in dem die Bakterien sein könnten, und für Tiere, die mit den Bakterien in Berührung kommen könnten, von Fischen, die sie fressen, bis zu Rindern, die sie beim Weiden aufnehmen könnten.
Er selbst will sich auf die ungeklärte Wirkweise von BMAA konzentrieren, das irgendwo im Körper gespeichert und langsam freigesetzt wird. Viele Umweltgifte - wie DDT - lagern sich lange in Fett ein, aber BMAA ist nicht fettlöslich. Fox vermutet, dass es von Proteinen aufgenommen und wieder frei wird, wenn diese metabolisiert werden.