Dentale Anthropologie. Die Ahnen erhoben sich früh - und sie lernten früh zu teilen.
D
ie Zähne des ersten bekannten Hominiden, Sahelanthropus tcha densis, zeigen, dass er aufrecht ge gangen ist", berichtet Christoph Zollikofer, Anthropologe der Universität Zürich. "Und die fehlenden Zähne eines der ersten bekannten Europäer, der vor 1,7 Millionen Jahren im heutigen Dmanisi in Georgien lebte, lassen vermuten, dass sich damals die Gruppenmitglieder gegenseitig geholfen haben", ergänzt Anthropologin Marcia Ponce de León, Zollikofers rechte Hand.
Der Reihe nach, das Zweierteam der Zürcher Anthropologie ist an vielen Fronten und hat diese Woche gleich drei Publikationen in Nature platziert. Zwei befassen sich mit Sahelantropus tchadensis, dem "Alten" aus dem Tschad, der auch "Toumaï" genannt wird - Lebensmut - und 2002 die Welt der Anthropologen erschütterte. Der Wind hatte seinen Schädel in einer Wüste im Tschad freigelegt, die "Mission Paléoanthropologique Franco-Tchadienne" (MPFT) unter Michel Brunet (Universität Poitiers) fand ihn und bestimmte sein Alter auf sieben Millionen Jahre. Das war unerhört: Lange hatte Lucy, ein 1974 in Ostafrika ausgegrabener und auf 3,7 Millionen Jahre datierter Australopithecus, als Ahnfrau gegolten. Dann kam 1994 ein 4,4 Millionen Jahre alter, auch in Ostafrika, das deshalb als "Wiege der Menschheit" galt. Zwar hatte man die ersten Frühmenschen in Südafrika gefunden, aber die waren nicht so alt.
Und nun im Tschad, 2500 Kilometer weiter westlich. Zwar konnte man diesen Fund nicht direkt datieren, sondern nur "biochronologisch" - aus anderen Fossilien in derselben Schicht -, aber am Alter gab es wenig Zweifel. Umso größere Bedenken weckte die Zuordnung von Toumaï zu den "Hominiden", zu allen, die zu den Menschen zählen. Die Einwände mögen mehr oder weniger gute Gründe gehabt haben - wer in Ostafrika gräbt, schätzt die Konkurrenz im Westen wenig -, nun sind sie ausgeräumt: Zollikofer und de León haben den Schädel rekonstruiert, virtuell im Computer.
Toumaï ist nicht nur der älteste, sondern auch einer der am besten erhaltenen Schädel, er wurde im Lauf der Jahrmillionen nur leicht gebrochen und in sich verschoben. Im ersten Schritt hat man ihn geröntgt, dann konnte man die Bild-Versatzstücke auf dem Computerschirm herumschieben, bis sie zusammenpassten und mit Schädeln von Menschenaffen und Hominiden verglichen werden konnten. "Tschadiensis liegt mitten in der ,Punktwolke' der Hominiden, säuberlich getrennt von der der Menschenaffen", erklärt de León, und diesmal ergänzt Zollikofer: "Wir haben auch versucht, die Fragmente zu einem Affenschädel zusammenzufügen - das geht einfach nicht."
Er war ein Mensch, aber hatte er auch eines der zentralen Merkmale, den aufrechten Gang? Auch das können die beiden mit ihrer Rekonstruktion entscheiden, das Gesicht von Toumaï ist steil, nicht so wie unseres, aber viel steiler als das der Menschenaffen (Nature, 434, S. 755). Warum wurde es so? "Das hat einfache sinnesphysiologische Gründe", erklärt Zollikofer: "Wenn ein Individuum aufrecht geht, muss es sein Gesicht senkrecht stellen, sonst schaut es immer gen Himmel, wie manche Puttos." Wenn es sich aber senkrecht stellt, ist weniger Platz für die Schnauze. Damit sind wir bei den Zähnen und beim zweiten Fund und Befund: Brunet hat neues Altes gefunden, vor allem Zähne. "Die sind ein Klassiker der Hominiden-Evolution", erläutert de León: "Bei Menschenaffen schleifen die Schneidezähne wie Schneiden eine Schere aneinander vorbei, bei Hominiden ist wegen der verkürzten Schnauze kein Platz, die Zähne stellen sich senkrecht und treffen aufeinander, wie beim Mörser" (Nature, 434, S. 752). So arbeiten unsere Zähne seitdem - sofern man welche hat.
Wir müssen mit einem Sprung in Zeit und Raum nach Dmanisi in Georgien. Dort wanderten vor 1,75 Millionen Jahren Menschen aus Afrika ein - auch dieser Fund erregte die Anthropologen, sie hatten mit der Einwanderung erst vor einer Million Jahren gerechnet und die erst dann größeren Gehirne für die Wanderlust verantwortlich gemacht. Aber die Dmanisi-Menschen hatten kleine Gehirne. Und einer hat keine Zähne: "Ober- und Unterkiefer sehen aus wie bei einem Mümmelgreis aus dem Mittelalter, zahnlos über viele Jahre, die Löcher für die Zahnwurzeln sind resorbiert, nicht mehr vorhanden", berichten die Forscher: "So etwas gibt es in der Natur eigentlich nicht."
Ein Tier ohne Zähne verhungert, es sei denn, andere füttern es mit weicher Nahrung. "Wir nennen das ,food for thought'", nennen de León/Zollikofer das, was sie im zahnlosen Mund sehen: "Kultur besteht darin, dass Menschen Ressourcen teilen. Hier hat die Gruppe wohl einem erfahrenen Mitglied Nahrung gegeben, der gab Wissen."