Beschwörung des Schreckens

Forscher haben das tödlichste aller Viren auferweckt: die Spanische Grippe.

Das Teufelszeug ist wieder da, das tödlichste Virus, das die Mensch heit je heimgesucht hat, die Spa nische Grippe, H1N1. Man benennt Grippeviren nach zwei Merkmalen ihrer Hülle, Hämagluttinin (H) und Neuraminidase (N), von ihnen gibt es viele Varianten, daher die Zahlen. Gegen Ende des Ersten Weltkriegs raffte H1N1 in kürzester Frist 30 Millionen Menschen dahin, andere Schätzungen gehen auf 50 Millionen, vor allem junge, kräftige Männer, darunter viele Soldaten, die auf engem Raum zusammenlebten. Dann verschwand der Spuk, niemand weiß, warum und wohin, seitdem fürchtet man die Wiederkehr.

Nun ist sie da - um sie abzuwehren: Eine Gruppe von US-Forschern hat das Virus rekonstruiert, mit dabei war der Österreicher Peter Palese, der als Mikrobiologe an der Mount Sinai School of Medicine in New York arbeitet und 1999 die Methode der "reversen Genetik" entwickelt hat. Sie ist der zentrale Schritt des ganzen Verfahrens, sie übersetzt die Erbinformation des Virus - die besteht aus RNA - in DNA, man lässt diese Arbeit Bakterien tun. Aber erst muss man die RNA haben, seit 1995 ist Jefferey Taubenberger (Armed Forces Institute of Pathology, Rockville) hinter ihr her.

Wo soll er sie finden, die Spanische Grippe ist seit 85 Jahren verschwunden? Nicht ganz, in Leichen, die im Permafrost Alaskas bestattet wurden, haben sich Virengene erhalten, auch in Gewebeproben, die die US-Army von Opfern unter ihren Soldaten einlagerte. Dort hat Taubenberger über die Jahre geschürft und nach und nach alle Gene von H1N1 sequenziert, es sind insgesamt acht, die letzten drei hat er jetzt publiziert (Nature, 437, S. 889). Dann hat Palese die RNA synthetisiert und in DNA übersetzt, dann kam der riskante Teil des Unternehmens: Terrence Tumpey, Centers for Disease Control and Prevention (CDC), hat mit dem gesamten Genom Mäuse, Hühnerembryonen und Lungenzell-Kulturen von Menschen infiziert, im Hochsicherheitslabor: "Bei uns im Mount Sinai hätten wir das nicht machen können", berichtet Palese: "Aber die CDC hat ein Labor mit verbesserter Sicherheitsstufe drei. Das ist streng bewacht, man kommt nicht leicht hinein."

Wichtiger noch ist der umgekehrte Weg, Viren dürfen keinesfalls heraus, in solchen Labors herrscht leichter Unterdruck, es geht keine Luft hinaus - außer der an und in den Körpern der Forscher, die natürlich Schutzanzüge tragen und nach der Arbeit und vor dem Verlassen des Labors duschen. Dann können die Viren immer noch im Körper sein, Tumpey hat sich mit dem Medikament Tamiflu gewappnet, das auch H1N1 tötet.

"Natürlich wollten wir nicht riskieren, den Kollegen zu verlieren, und wir wollten schon gar nichts starten", erklärt Palese: "Aber diese Forschung ist extrem wichtig und der Nutzen übersteigt weit das winzige Risiko." Der Nutzen liegt zunächst einmal darin, dass man nun weiß, woher H1N1 seine tödliche Kraft hat: "Es liegt nicht an einem der Gene, alle acht müssen zusammenwirken", berichtet der Forscher, dann sterben Mäuse und Hühnerembryonen extrem rasch (Science, 5. 10.). Letzteres stellt eine beunruhigende Perspektive, Taubenberger führt sie in seiner parallelen Publikation in Nature vor: H1N1 gleicht in manchen Genen der Vogelgrippe, und weil H1N1 Hühner tötet, könnte es auch Vogelgrippe sein. So eine wie H5N1, die derzeit in Asien grassiert und von der man eine Pandemie für den Fall fürchtet, dass sie ihre Gene mit Grippeviren des Menschen mischt.

Auf diese Weise sind die Erreger der kleineren Pandemien 1957 und 1968 entstanden, die vor allem Immunschwächere trafen, Kinder und Alte. Falls aber wirklich der von 1918 keine Mischung gebraucht hat, sondern aus einer Mutation der Vogelgrippe entstanden ist, könnte das auch bei H5N1 so sein, und dieses Virus könnte wieder unter allen hausen. Parese steht dieser Hypothese eher skeptisch gegenüber. Er begrüßt aber die noch viel umstritteneren Experimente, mit denen manche Forscher nicht das alte Virus nachbauen, sondern das mögliche künftige vorwegnehmen wollen.

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