Neue Fälle von Polio gefährden Ausrottung der Krankheit durch Impfung.
Mitte September erkrankte ein Kind in Mogadischu, Somalia, an Polio. Ja und, erkranken nicht tausende Kinder weltweit täglich an bösen Infektionen? Die Weltgesundheitsorganisation WHO sah es nicht so, sie schlug Alarm, hielt Mitte dieser Woche ein Krisentreffen in Genf ab und musste dort ihr großes Ziel ein weiteres Mal vertagen, schon in der Vorwoche hatte man Generalsekretär Kofi Annan entsprechend gebrieft: Die Ausrottung der Polio, 1988 ins Auge gefasst, damals für das Jahr 2000 geplant, dann immer wieder verschoben, zuletzt auf das Jahr 2005, wird auch heuer nicht gelingen, nun hofft man auf 2006.
Dann darf niemand mehr erkranken, weder in Somalia, noch in Indonesien - dort sind dieses Jahr plötzlich die Fälle wieder gestiegen -, noch in Nigeria, dort grassiert die Krankheit, von dort kam sie irgendwie nach Somalia und nach Indonesien. Erkranken darf deshalb niemand mehr, weil die WHO ein zweites Mal die Kraft zur weltweiten Impfung - "polio eradication campaigne" - nicht aufbringt, und weil nach dieser Aktion das Impfen gegen Polio eingestellt werden soll, die nächste Generation wird keinen Schutz mehr erhalten - und erhalten müssen, weil es ja das Virus nicht mehr geben wird. So zumindest die Theorie, die sich am einzigen Beispiel orientiert, in dem bisher eine Krankheit aus der Welt geschafft werden konnte: Pocken. Seit sie als ausgerottet gelten - seit 1977 - wird niemand mehr geimpft.
Aber diese Strategie geht schon bei Pocken nicht mehr auf: Es gibt die Erreger durchaus noch, in Hochsicherheitslabors in den USA und Russland, und seit die Sorge vor Bioterror umgeht, fragen sich manche, ob die Erreger wirklich nur in den beiden Labors gehalten werden. Bei Polio ist die Lage noch ärger, Millionen sind noch ungeimpft, obwohl die WHO größte Anstrengungen unternimmt und in Bürgerkriegsgebieten Waffenstillstandstage zum Impfen aushandelt. Das gelingt nicht immer, vor allem im Norden Nigerias nicht, dort haben muslimische Prediger zur Impfverweigerung aufgerufen: Sie predigen, der Impfstoff sei mit irgendetwas vergiftet, er mache steril, er enthalte vielleicht gar HIV. Und das ist nicht einmal so weit hergeholt: Wo HIV herkommt, ist immer noch nicht geklärt, eine Hypothese geht dahin, es sei in einem Polio-Impfstoff gewesen, der Anfang der 60er Jahre mit Nierenzellen von Schimpansen erzeugt wurde (darüber herrscht Einigkeit: HIV ist auf irgendeinem Weg von Schimpansen und anderen Affen gekommen). In den Jahren 2003 und 2004 war deshalb der gesamte Norden Nigerias für die Impftrupps gesperrt.
Entsprechend sieht die aktuelle Bilanz der WHO aus, Stand 4. Oktober: Nigeria 473 (endemisch), Jemen 470 (importiert), Indonesien 251 (importiert), bis hinab zu dem einen in Somalia, weltweit 1310 bekannte Erkrankte. Auch das ist nicht viel, aber jeder einzelne könnte eine ganze ungeimpfte Menschheit anstecken. Polio ist ein Virus, das durch den Mund aufgenommen und mit dem Stuhl wieder abgegeben wird, so kann es sich rasch verbreiten. Im Körper dringt es bei einem Prozent der Infizierten in das Nervensystem ein und führt zu unterschiedlich starken Lähmungen, im Extrem zu einer Paralyse, die nur in künstlichen Lungen überlebt werden kann.
Bilder dieser Patienten prägten die USA in den 50er Jahren, Polio war damals die gefürchtetste Infektionskrankheit der Industrieländer, auch US-Präsident Roosevelt litt daran. Dann wurden Impfstoffe entwickelt, der erste 1955 von Jonas Salk, ein zweiter 1961 von Albert Sabin. Beide wirken, jeder hat Vor- und Nachteile: Salks Impfstoff besteht aus getöteten Viren, er ist sicher, muss aber infiziert werden. Für Massenimpfungen geeigneter ist Sabins Schluck-Impfstoff. Aber er ist riskant, er besteht aus geschwächten Viren, die wieder aktiv werden können, selten, in einem Fall pro 2,5 bis sechs Millionen Dosen.
Im Jahr 2000 kehrte die auf Haiti und Santo Domingo ausgerottete Krankheit auf diesem Weg auf die Insel zurück, später bemerkte man eine Infektion bei einem russischen Kind, das nicht sichtbar erkrankt war, aber das Virus jahrelang im Körper trug und ausschied.
Damit wurde der Plan fraglich, nach der großen Impfung alles Impfen einzustellen. Noch fraglicher wurde er durch die Biowaffenängste nach dem 11. 9. In vielen Labors lagern Polio-Viren, allerdings wären sie keine effiziente Waffe. Der letzte und härteste Schlag kam aus einem Labor in den USA: Im Jahr 2002 baute Jeronimo, University of New York, das erste künstliche Leben aus Genbausteinen, die bezog er beim Versandhandel: Es war ein Polio-Virus. Nun kann man streiten, ob Viren Leben sind - sie können sich nicht selbst vermehren, sie brauchen dazu ihren Wirt -, aber nicht streiten kann man darüber, dass dieses Virus tödlich war. Und darüber, dass es jeder halbwegs geschulte Molekularbiologe bauen kann: Das Virus ist auch mit der besten Impfung nicht mehr aus der Welt zu bringen.