In den USA muss der Supreme Court darüber entscheiden, ob ein IQ von 70 schuldfähig macht.
1978 wollte Freddie Lee Hall mit einem Freund irgendwo in Florida ein Geschäft ausrauben, sie zwangen eine 21-jährige Schwangere, sie in ihrem Wagen mitzunehmen und dirigierten sie in einen Wald. Dort vergewaltigten und ermordeten sie die Frau, später erschossen sie noch einen Hilfssheriff. Der Haupttäter war Hall, er wurde zum Tod verurteilt. Aber er lebt noch, seit 35 Jahren kämpfen Verwandte und Anwälte um eine Begnadigung zu lebenslanger Haft, nächsten Monat kommt der Fall vor den US Supreme Court.
Dabei geht es nicht um die Tat, die hat Hall begangen, es geht um seine Schuldfähigkeit, darum, ob er beurteilen konnte, was er tat: In den USA darf die Todesstrafe nicht vollstreckt werden, wenn ein Täter „mentally retarded“ ist. Wann ist er das? Zehn Bundesstaaten nehmen als Maß den IQ, und in Florida liegt der über Leben und Tod entscheidende Wert bei 70 Punkten, ab denen wird hingerichtet (mit Giftspritze, das war oft so eine Tortur, dass Gouverneur Jeb Bush im Dezember 2006 alle Hinrichtungen aussetzte; seit September 2008 wird wieder vollstreckt).
Begonnen mit dem IQ hat es 2002: Ein zum Tod verurteilter Mörder, Daryl Atkins, berief beim Supreme Court, bzw. seine Anwälte taten es, er selbst war dazu nicht fähig, hatte seinem Prozess kaum folgen können. Das Gericht milderte zu lebenslang und schrieb fest, die Todesstrafe dürfe an jenen nicht vollzogen werden, die nach den Kriterien der American Association on Mental Retardation „mentally retarded“ sind. Kriterien gibt es drei, sie gingen als „Atkins-Kriterien“ in die Rechtsgeschichte ein: Der IQ muss weit unter dem Durchschnitt liegen (der beträgt 100, Atkins hatte 59); es müssen sich Schwierigkeiten im Sozialleben zeigen; und nicht erst jetzt, die Wurzeln müssen in der Kindheit reichen (Nature, 506, S.284).
So ungenaues wie unpassendes Maß
Details blieben den Bundesstaaten überlassen, zehn nehmen den IQ. Aber erstens ist der nicht exakt, die Tests haben eine Unsicherheit von zehn Punkten. Zudem wurden sie im Lauf der Jahre geändert, früher ging es um „kristallisierte“ Intelligenz, das Verstehen eines Textes etwa, heute hat „flüssige“ Intelligenz Gewicht, etwa das Aufnehmen von Information. Und da ist noch ein Problem: Pro Jahrzehnt steigt der durchschnittliche IQ der Bevölkerung um drei Punkte, man hat einen Namen dafür („Flynn-Effekt“, nach dem Entdecker), aber keine Erklärung. Aber man muss immer wieder korrigieren, weil der Durchschnitts-IQ definitionsgemäß bei 100 liegt. So berief ein Mörder, der 1991 beim Test für ihn tödliche 71 Punkte gezeigt hatte: Der Test war 20 Jahre lang nicht korrigiert worden – das hätte den Mann bewahrt, er hätte dann nur 65 Punkte gehabt.
Zudem sagt der IQ nichts über das soziale Verhalten aus. Tut das das zweite „Atkins-Kriterium“, das „adaptive Funktionieren“? Dabei wird etwa erhoben, ob jemand die Schuhe schnüren oder einen Scheck ausfüllen kann. Man fragt nicht ihn selbst – wegen der Gefahr der Selbstüberschätzung –, sondern Menschen aus seiner Umgebung, Verwandte oder – Wärter. Die kommen oft zu einem positiven Urteil: Im Gefängnis ist alles durchorganisiert, da fällt adaptives Funktionieren leicht.
Noch schwieriger ist es mit dem dritten „Atkins-Kriterium“, der Kindheit des Täters. Die ist oft schwer zu rekonstruieren, Hall hat Glück, eine seiner Schwestern erinnert sich an Misshandlungen durch die Mutter. Wie der Supreme Court die bewertet, ist natürlich unklar, aber die Bedeutung des Urteils geht weit über den Fall hinaus: Vor allem die US-Psychologen erhoffen sich, dass das Gericht neue Maßstäbe für die Schuldfähigkeit setzt.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.02.2014)