Was war das doch für eine Geschichte! Was für ein Held! Tutanchamun, der Pharao mit dem sinnlichen Mund, war erst 20, als ihn der Tod ereilte. Hat Eje, sein Wesir, ihn vergiften lassen? Haremhab, der Heerführer, einen Unfall provoziert? Hat ihn gar seine Frau gemeuchelt, weil sie ihm die Schuld gab am Tod ihrer Töchter?
Wie gesagt: eine tolle Geschichte, oft und oft erzählt von Forensikern und Archäologen. Sie hat nur einen Nachteil: Jüngste CT-Aufnahmen lassen etwas ganz anderes vermuten. Tutanchamun hat sich demnach den Oberschenkelknochen gebrochen und ging an einer Infektion zugrunde.
Vor 3300 Jahren war das sicher kein seltener Tod. Interessanterweise kam aber bislang nie ein Historiker auf die Idee, dass simple Bakterien den schönen König zur Strecke gebracht haben könnten. Und wenn, dann hätte das keinen interessiert. Tatsächlich interessiert das auch jetzt niemanden. Oder können Sie sich vorstellen, was los gewesen wäre, hätte der Computertomograph die anmutige Anchesenamun des Mordes überführt?
Nun könnte man mutmaßen, dass mit Mord eben mehr Aufmerksamkeit zu erzielen ist. Ich glaube aber, es gibt einen anderen Grund, weshalb wir so lange an einer These festhielten, für die es nie irgendwelche Belege gab: Wir sind Geschichtenwesen. Wir erzählen Geschichten über uns, über andere, wir erzählen Geschichten, um uns zu erklären, uns zu rechtfertigen, um uns zu trösten, wir biegen uns die Realität zurecht, bis sie zu dem passt, was wir erzählen wollen - und wenn uns ein blöder Zufall, ein gemeiner Schicksalsschlag alles zerstört, dann warten wir eben ab. Irgendwann, so hoffen wir, wird auch das seinen Sinn gehabt haben. Denn dazu sind Geschichten schließlich da: Sie stiften Sinn.
Nun ergibt aber eine Geschichte, die mit dem natürlichen Tod eines 20-Jährigen endet, beim besten Willen keinen Sinn. Sie hat sozusagen keinen Schluss. Weil wir diesen Schluss aber herbeisehnen, auch wenn es sich um einen Herrscher handelt, der vor 3300 Jahren starb, ist der "Kriminalfall" Tutanchamun keineswegs zu den Akten gelegt. Es wird immer Archäologen geben, die eine Geschichte von Intrige und Königsmord erzählen. Und wir? Wir hören gerne zu.