Weiberrede Widerrede: Abendland, geh unter!

Zunächst war ich begeistert. Ganztags schule! Toll! Ich bin schon lange da für. Weniger, weil ich die Eltern damit zu entlasten wünsche. Auch nicht, weil ich der Meinung bin, dass 30 Stunden Schule pro Woche nicht genug sind für ein Kind, das vielleicht auch noch andere Interessen hat. Sondern weil ich ernsthaft glaube, dass alles andere in die Bildungs- und Arbeitsmarkt-Katastrophe führen wird, und schuld daran ist: der Fernseher.

Zugegeben: Das klingt ziemlich "Untergang-des-Abendlandes"-mäßig, und das ist sonst nicht meine Art. Aber es gibt Statistiken, wie lange Kinder heute fernsehen, und eine Freundin, die in einem Kindergarten arbeitet, berichtet von Dreijährigen, die sich "Titanic" ansehen.

Um es andersherum aufzuzäumen: Vor über 20 Jahren habe ich Akademikertochter am Nachmittag mit den Kindern von Hilfsarbeitern Völkerball gespielt - was uns allen gut tat. Heute besuchen Hannah, Emily und Lukas den "kreativen Kindertanz", was ihnen sicher Spaß macht, während andere in ihrem Alter sich das Nachmittagsprogramm reinziehen, was ihnen sicher schadet. Das nennt man Verschärfung der sozialen Gegensätze. Das könnte eine Ganztagsschule ausgleichen, und darum habe ich mich gefreut, als das Thema aufkam. Inzwischen weiß ich nicht mehr, was ich davon halten soll, denn was hier geplant ist, hat mit einer Ganztagsschule, wie ich sie mir vorstelle, nichts zu tun. Lehrer sollen da ihre "Aufgaben" machen, während sie Schüler beaufsichtigen. Geld für Umbauten brauche man nicht, weil die Schulklassen am Nachmittag eh leer stehen! Vom lernpsychologisch sinnvollen Wechsel zwischen Lernen, Spiel und Sport ist sowieso keine Rede mehr.

Irgendwie scheint vom pädagogischen Konzept Ganztagsschule übrig zu bleiben: den ganzen Tag Schule. Möglichst billig. Möglichst schnell.

D
as aber lehne ich ab. Ich lehne es ab, mein Kind am Nachmittag in eine Schule zu schicken, in der es bloß beaufsichtigt wird. Ich lehne es ab, dass Kinder acht Stunden täglich in Gebäuden verbringen müssen, die dazu nicht gemacht sind. Weil sie trist sind. Weil sie keinen Platz zum Spielen bieten und oft gar keinen Platz für Bewegung im Freien, weil es zumindest in der Stadt an vernünftigen Pausenhöfen mangelt. Wer will verantworten, dass Kinder, von acht bis 16 Uhr zwischen Schulmauern verwahrt, den ganzen Winter über keine Sonne abkriegen?!

Meine Freundin Gabi, eine Gymnasiallehrerin, meint dazu, die Kinder seien nachmittags vor dem Fernseher besser aufgehoben. Das gibt einem zu denken.

bettina.eibel-steiner@diepresse.com

Ich lehne es ab, mein Kind am Nachmittag in eine Schule zu schicken, in der es bloß beauf-sichtigt wird.

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