Verflixt ernst und ziemlich trotzig. Mürrisch manchmal oder nur in sich gekehrt, irgendwie abwesend. Schön. Souverän. Anrührend. Aber eben so gar nicht, wie man sich Kinder vorstellt.
Die Fotokünstlerin Herlinde Koelbl hat ihre jungen Modelle ermutigt, einmal keine Pose einzunehmen. Einfach so dazustehen, zu sitzen, dreinzuschauen. Das war nicht leicht. Denn es gibt ja noch Eltern. "Lächle doch", hätten die zu ihren Kindern gesagt: "Du wirst fotografiert". Jeder möchte ja, sagt Herlinde Koelbl, dass die Kinder fröhlich aussehen. Jeder will, dass alle wissen: Mein Kind ist glücklich.
Ich muss meine Fotoalben gar nicht erst durchblättern um zu wissen: Sie hat recht. Wo Kinder leben, gibt es ganze Bände, Kisten, Umschläge voll mit Aufnahmen strahlender Babys, von lachenden Kleinen, von übermütigen Kindern, die sich im Schnee wälzen oder stolz ihre matschigen Hände in die Kamera halten. Lauter Fotos, die wir gemacht haben, um uns zu erinnern, zumindest sagen wir das, aber das stimmt nur halb. Vor allem fotografieren wir, um uns zu beweisen: Es war eine schöne Zeit!
War es das? Ist es das? Wir wollen es so gerne glauben. Wir tun alles dafür, für diese Idee der schönen, der sorglosen Kindheit. Wir sind regelrecht besessen davon! Und darum halten wir es immer schwerer aus, wenn unsere Kinder weinen, beleidigt sind, einfach nur so traurig sind. Wenn wir behaupten, dass Kinder fröhlicher sind als Erwachsene, dann müssten wir eigentlich auch daran denken, dass sie trauriger sind. Verzweifelter. Angstvoller. Ja, auch besorgter.
W
as ist denn?" fragen wir. "Ist doch nicht so schlimm", sagen wir. Und wenn das auch nichts hilft, lassen wir uns irgendwelche Tricks einfallen, denken uns Geschichten von Jammerriesen aus oder wir kitzeln sie und suchen dabei die Laus, die ihnen über die Leber gelaufen ist. "Aber Mama", sagt Hannah dann: "Ich habe einen wirklichen Kummer!" Sie fühlt sich nicht verstanden. Sie hat recht.
Irgendwann ist es Mode geworden, die Köpfe zu schütteln und wissenschaftliche Abhandlungen zu schreiben über die Zeiten, da die Kinder als kleine Erwachsene ausstaffiert und auch oft so behandelt wurden. Diese Buben in Matrosenanzügen! Diese Mädchen mit all den Rüschen am Kleid und den Schleifen im Haar! Wie soll man denn da spielen? Dass wir es anders machen, dass wir unseren Töchtern und Söhnen eine "Kind"heit geben, sie als Kinder ernst nehmen, darauf sind wir stolz.
Vielleicht sollten wir nicht ganz so selbstgerecht sein.
bettina.eibel-steiner@diepresse.com
Aber Mama, sagt Hannah, ich habe einen wirklichen Kummer! Sie fühlt sich nicht verstanden.