E
s klingelt. Tina ist am Apparat! Tina wohnt im Haus gegenüber, sie geht schon in die Mittelschule - und sie hat selbstverständlich ein Handy. "Ich geh mit Boldo raus. Kommt ihr mit?" - "Wann?", frage ich. "Na jetzt. Ich bin schon unten". - "Leider, Marlene hält ihren Mittagsschlaf. Aber morgen vielleicht?" - "Ich ruf' wieder an."
Irgendwann in den letzten Jahren ist es aus der Mode gekommen, sich etwas auszumachen. Statt einmal miteinander zu telefonieren und dann zu einem festgelegten Zeitpunkt zusammenzutreffen, telefoniert man lieber zehnmal in Folge, bis es endlich zufällig klappt. Das ist teuer, es ist umständlich, es widerspricht vollkommen meinem planerischen Gemüt - aber die Jugendlichen heute machen das eben so. Sie rufen schnell an, legen genauso schnell wieder auf, dazwischen simsen sie kurz etwas oder empfangen eine MMS, und das geht alles sehr flott und knapp. Zu flott und zu knapp, zumindest für mich. Ich meine: Reden die überhaupt noch miteinander am Telefon? Oder checken sie nur noch ab, wer gerade Zeit hat?
Meine Freundinnen und ich sind da altmodisch: Wenn wir telefonieren, ufert das aus. Wir erkundigen uns nach den Kindern, dem Partner, dem Job, tratschen über den Finanzminister und die Flut, über Brad Pitt und Jennifer Aniston, über Handwerker und Babysitter. Irgendwann, kurz bevor wir wirklich alle Themen durch haben, kommt die Frage: Und? Wann sehen wir uns? Was dann prompt geklärt wird, immerhin sitzen wir ja brav zu Hause bei unseren Terminkalendern.
O
bwohl: Langsam bin auch ich ge zwungen, mein Verhalten an die neue Handy-Zeit zu adaptieren: Die Zahl jener nimmt zu, die sich die Grundgebühr fürs Festnetz sparen und nur mehr mobil erreichbar sind. Was bedeutet, dass ich jetzt, wenn ich Melanie anrufen will, statt zwei Cent die Minute das Zehnfache zahle. Es mag hart erscheinen: Aber das Ergebnis ist, ich rufe einfach nicht mehr an. Und wenn ich doch anrufe, dann eben nur noch ganz kurz: "Hallo? Ich bin's! Wir fahren jetzt in die Bücherei. Kommt ihr mit? Schade!" Fünf Minuten später: "Ihr kommt doch? Super: Ich bin schon auf dem Weg. Bis gleich!" Eine halbe Stunde später: "Ich bin's. Wir stehen vor der Bücherei - aber die hat vormittags zu! Wir warten vor dem U-Bahn-Lift - was? Ihr seid schon da? Wo? Blaue Jacke? Wo? Beim News-Plakat? Hallo, hallo! Siehst du mich??!"
Manchmal ist es eben doch am einfachsten, man geht mit der Zeit.
bettina.eibel-steiner@diepresse.com