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reitag letzter Woche. Ich sitze in meinem Stammcafé und blättere die Zeitungen durch. Gestern war Terror. Die Titelbilder zeigen verbundene Köpfe, blutbefleckte Krawatten, verstörte Gesichter. Rita, die hier bedient, gibt sich ungerührt. Der Anschlag in London - davon habe sie gestern überhaupt erst spät am Abend erfahren. Sie hat nämlich den ganzen Tag gearbeitet. "Aber", meine ich, "hat denn niemand darüber geredet? Einer von den Stammgästen vielleicht?" "Nein, gar nicht", meint sie und findet das im Nachhinein nun auch etwas seltsam.
Ein Bekannter von mir, Aktienbesitzer, ist stolz darauf, dass er an diesem Tag nicht die Nerven verloren hat. Das Ergebnis: ein kleiner Gewinn. Klar sind die Märkte zunächst eingebrochen. Aber der Dax habe sich nachbörslich wunderbar erholt. "Am nächsten Tag war sogar London im Plus." In den Nachrichten höre ich, dass Fluggesellschaften Gratis-Stornos für Reisen nach London angeboten haben. Dieses Angebot sei allerdings nur sehr vereinzelt angenommen worden. Erstaunlich: Die Flüge sind so gut gebucht wie immer.
Es ist Terror - und keiner regt sich auf. Nicht einmal ich. Am 11. September habe ich noch geheult. Als in Spanien die Bomben explodierten, war ich zumindest entsetzt. Am 7. Juli habe ich nicht einmal mehr die "Breaking News" auf n-tv verfolgt.
Natürlich klingt das jetzt herzlos. Immerhin sind über 50 Menschen gestorben. Und wer mit dem Leben davonkam, ist gezeichnet. Körperlich. Psychisch. Der Augenzeuge, der von der Todesangst und Panik in einem der U-Bahnwaggons berichtete, stand sichtlich unter Schock.
Trotzdem. Wer nicht unmittelbar beteiligt war, den trifft der Schrecken diesmal nicht ins Mark. Sogar die Londoner geben sich gefasst. Haben wir auf einen Anschlag nicht schon lange gewartet? War London nicht ein logisches Ziel? Hätte nicht noch viel mehr passieren können? In der U-Bahn? Zur rush-hour?!
Mag sein, wir haben uns an die Bedrohung schon gewöhnt. Mag sein, nach dem 11. September erscheint uns das alles nur wie ein Nachbeben. Vielleicht noch wichtiger ist: Für viele ist dieser Anschlag in London eben kein kräftiges Lebenszeichen der Terroristen: "Wenn das ein Anschlag der Islamisten ist, dann machen die einen ziemlich lausigen Job", schreibt ein Londoner Blogger. Zynisch? Sicher. Aber insgeheim haben sich das wohl viele gedacht.