Weiberrede Widerrede: Strengt euch nicht so an!

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igentlich wollte ich ja über Silvester schreiben, genauer: über gute Vor sätze. Ich wollte mich gegen dieses Ritual aussprechen, aber dann habe ich mir gedacht, ich schreibe lieber über MTV und über meine Bauchmuskeln, denn das will ich schon lange und es hat auch etwas mit guten Vorsätzen zu tun.

MTV, Musikvideo-Sender, hat sich nämlich seit ein, zwei Jahren darauf verlegt, richtiges Programm zu machen, wobei Programm bedeutet, dass man Teenagern dabei zusieht, wie sie entweder für 100 Dollar in Fischgedärm baden oder ihr Leben umkrempeln - letzteres zu sehen in der Show "Made": Dort soll das hässliche Entchen als Schönheitskönigin regieren, der Bücherwurm das Basketballteam, das Moppelchen strebt eine Karriere als Cheerleaderin an, und damit das alles klappt, bekommen sie einen Coach. Der sagt Sachen wie: "Das wird schwieriger, als ich gedacht habe" oder "Wir müssen ganz von vorn anfangen", woraufhin der Drill beginnt.

Es ist kein Wunder, dass irgendwann der Punkt kommt, an dem der Proband den Coach samt guten Vorsätzen zum Teufel schicken will, was er auch tut, aber dann packt ihn das schlechte Gewissen. Von da an geht es bergauf, der Proband strengt sich an, der Coach ist zufrieden und am Ende ist der Jugendliche "made", also gemacht. Toll.

Abgesehen davon, dass ich mich frage, warum Jugendliche Sendungen lieben, die aussehen wie von Elternvereinen konzipiert: Ich finde, Anstrengung wird überbewertet. Anstrengung ist ineffizient. Anstrengung hat im Spitzensport seine Berechtigung, wo man mit täglich vier Stunden Training mehr lächerliche zwei Zehntelsekunden weniger herausschlägt und es darauf anlegt, sich körperlich möglichst früh zu ruinieren. Überall sonst sollte es ohne Verausgabung auch gehen, was jeder wenigstens ahnt, sich aber keiner zu sagen traut, weil das so klingt, als sei man faul. Darum bewundern wir den Kollegen, der Tag und Nacht arbeitet, anstatt darin Mangel an Effizienz zu bemerken. Darum feuert niemand einen Trainer, der Anfängern erklärt, sie müssten sich dreimal wöchentlich zwei Stunden schinden, wo doch meine neuen Bauchmuskeln beweisen, dass es mit einem Viertel der Zeit auch geht - wenn man denn dran bleibt.

Als ich noch studiert habe, fragte einmal ein Professor, ob wir damit einverstanden wären, das Seminar zu blocken. Ich war dagegen: Ich könne mich nicht acht Stunden am Tag konzentrieren. Die Kollegen waren empört: Das sei wohl nicht mein Ernst! War es aber doch.

Ich finde immer noch, ich hatte Recht.

bettina.eibel-steiner@diepresse.com

Anstrengung hat im

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