Was können ADHD-Medikamente?

Bunte Tabletten und Medikamente
Bunte Tabletten und Medikamente(c) Erwin Wodicka - BilderBox.com
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Die eingesetzten Aufputschmittel bringen den Kindern – und ihren Eltern und Lehrern – zwar Ruhe und Konzentration, aber die Leistungen in der Schule werden davon auf Dauer nicht besser.

Ob nun die Kinder immer unruhiger werden oder die Eltern immer häufiger mit ihnen zum Psychologen eilen – kaum ein anderes Leiden hat sich in der letzten Zeit so rasch auf der halben Erde und vor allem in den USA verbreitet wie ADHD. Das ist die Krankheit, die Kinder zu Zappelphilippen macht und ihre schulischen Leistungen beeinträchtigt. Allerdings lässt sich auch kaum ein anderes Leiden so erfolgreich mit Aufputschmitteln therapieren. In den USA, wo elf Prozent der Kinder zwischen vier und 17 Jahren mit der Diagnose leben, werden vor allem zwei Medikamente verschrieben, ein Amphetamin (Adderall, das es legal nur in den USA gibt) und Methylphenidat (Ritalin).

Beide bringen den Geplagten – und ihren Eltern und Lehrern – Ruhe, und sie heben in 80 Prozent der Fälle die Konzentration. Deshalb sind sie auch zu Modedrogen unter völlig gesunden Studenten geworden, geschätzte sieben Prozent in den USA wollen damit ihre Leistung heben. Manche sehen das gern, Nature, das Flaggschiff der Wissenschaftsjournals, hat gar schon ein Plädoyer für Hirndoping abgedruckt: „Anders als Leistungsförderung in Sportwettbewerben könnte geistige Leistungsförderung zu substanziellen Verbesserungen in der Welt führen.“ (7.12.2008).

Nirgends Langzeiteffekt gefunden

Das steht allerdings noch dahin: Eine Studie an hirndopenden Studenten fand keine Verbesserung der kognitiven Leistungen, nur den Glauben der Doper daran. Studien an Kindern mit ADHD ernüchtern auch: Die Medikamente bringen zwar rasche Erfolge im Verhalten, aber sie werden nicht auf Dauer in Leistung umgesetzt. Als die Verschreibungen Anfang der 1990er-Jahre stark stiegen, behielt das National Institute of Mental Health 579 Kinder mit ADHD über Jahre im Auge. Manche erhielten Medikamente, andere Verhaltenstherapien, wieder andere beides oder nichts. Anfangs hatte die Gruppe mit Medikamenten und Verhaltenstherapie in der Schule die Nase vorn, aber nach drei Jahren gab es keine Unterschiede mehr, nach acht auch nicht. „Wir konnten nirgends einen Langzeiteffekt finden“, berichtet Studienleiter James Swanson (Nature, 506, S.147).

Viele Folgestudien kamen zum gleichen Befund; eine in Island – nur dort wird so viel therapiert wie in den USA – sah gar eine Verschlechterung der Leistungen. Wie geht das vonstatten, wie können Medikamente ersichtlich wirken, aber auf Dauer folgenlos bleiben? Es könnten banale Gründe sein: Vielleicht verliert sich ihre Wirkung im Lauf der Zeit, die Dosis wird zu gering – Kinder werden größer, die Verschreibung folgt oft nicht –, oder Kinder setzen sie ab, da es Nebenwirkungen wie Schlaflosigkeit und Appetitmangel gibt.

Oder die Medikamente wirken sich nur auf das Verhalten aus, nicht jedoch auf die kognitiven Fähigkeiten, dafür wurden sie schließlich auch nicht entwickelt. „Es geht ja um den Kurzzeiteffekt“, schließt Swanson. „Man darf nicht erwarten, dass ein Medikament alle Probleme löst, die ein Kind hat.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.02.2014)

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