Wer wirklich alt werden will, muss heiraten oder sogar sparen

Schreib doch mal etwas Nettes, sagen meine optimistischen Kollegen hier in Erdberg. Also schalte ich zuerst das Handy und den Fernseher aus. Auf geht es zur Suche nach dem Wahren, Guten und Schönen!

In den Schreibstuben des Gegengiftes gab es diese Woche einen Aufstand der Braven. Das Burgtheater wankt, die Ukraine brennt, Hypo-Anleger zittern um verdiente Gewinne. Und Wacker Innsbruck bleibt Letzter in der besten Bundesliga des Landes, was bei uns theoretischen Fußballern hier in Erdberg zu schweren praktischen Zerwürfnissen geführt hat. Was ist die längerfristige Taktik in all dem Elend? Wie überleben wir die Saison?

„Schreib doch mal etwas Nettes, Optimistisches“, forderte die Phalanx der Kritiker von mir, die offenbar bereits ein Frühlingserwachen wittert. Ich schließe also meine Twitter-Seite, auf der die wilden Wölfe heulen, lege die bunten Gazetten mit ihren billigen Apokalypsen weg, schalte das Handy und den Fernseher aus, weil mir nicht einmal die Übertragung der die Menschen und Diktatoren verbindenden Olympischen Spiele in Sotschi Trost bringt. Auf geht es zur Suche nach dem Wahren, Guten und Schönen!

Da ich nicht einmal auf esoterischen Seiten wie der Homepage der Österreichischen Nationalbank sofort fündig werde (für den Klaus-Liebscher-Preis bin ich also auch schon zu alt), ja nicht einmal im Amtsblatt der Regierung (man sucht keine Optimisten, sondern nur Manager oder Leiharbeiter), denke ich selbst über das Positive nach. Glück, sage ich mir, ist entgegen landläufiger Sicht kein Moment, auch nicht die mittelfristige Vermeidung von Unglück. Leichtes Glück erfordert langfristige Planungen. Deshalb muss die erste Frage lauten: Wie lange kann ich es mir noch leisten zu leben, um „echt happy“ zu sein?

Und schon ist das Erfolgserlebnis da! Ich surfe auf Gesundheitsseiten, die meine Lebenserwartung berechnen. Bei einem Fragebogen aus der Schweiz werde ich sogar 93 Jahre alt, ohne dass ich bei den Antworten allzu unverschämt schummeln muss. Offenbar ist es unerheblich, ob man behutsam oder rasant Lamborghini fährt. Wesentlich scheint es, mäßig zu essen, zu trinken und sich dennoch zu bewegen, wenn man in Wien lebt. Es ist sogar vorteilhaft, friedlich verheiratet zu sein. Den Punkt über Familienstand und Nachwuchs habe ich zuerst übersehen. Beim Nachbessern aber staunte ich – Jahre dazugewonnen.

Noch 37 Geburtstage! 37 Krawatten, 37 graue Hemden und 37 Rasierwasser mit Sandelholzöl! Bis 2051 hat die Regierung vielleicht nicht nur das außerordentliche, sondern sogar das strukturelle Defizit ein wenig abgebaut. Zumindest dürften die Kinder aus dem Haus sein. Noch sage ich: „Leider!“

Vor allem aber: Ich kann beruhigt eine weitere Lebensversicherung abschließen. Nicht nur, weil die derzeitige unter meinen Erwartungen bleibt, sondern, weil so eine Versicherung, das zeigen die Tests, tatsächlich fast so lebensverlängernd wirken soll wie Ausdauersport. Wenn das kein Grund für einen positiven Abschluss ist!

E-Mails an: norbert.mayer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.02.2014)

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