Jugendlicher begeht Mord aus „Ehre“

Brisant, komplex: der neue Roman der Türkin Elif Shafak.

An jenem Tag, an dem Iskender Toprak zu stottern beginnt, will er die Ehre seiner Familie retten. Er verlässt die Schule früher als sonst, aus Furcht, die anderen könnten seine wie aus dem Nichts aufgetretene Sprachstörung bemerken. Flüstern in der Wohnung. Seine Mutter wirkt verlegen, als sie die Tür öffnet. Iskender stürmt in sein Zimmer, sperrt sich ein. Die Wohnungstür geht auf, jemand schleicht hinaus, es ist nicht seine Mutter Pembe. Dann kommt ihm die Idee mit dem Messer. Später wird in der Zeitung stehen: „Jugendlicher begeht Mord an Mutter aus ,Ehre‘.“ Hackney, im Nordosten Londons, schreibt das Jahr 1978, als Iskender glaubt, das Richtige getan zu haben. Er wird dafür lange Zeit im Gefängnis verbringen. „Von heute an habe ich zwei Tote zu betrauern“, schreibt ihm seine Schwester Esma ins Gefängnis, „eine Mutter und einen Bruder.“

Ehre ist kein leeres Wort am Euphrat, im Osten der Türkei. Hier ist Pembe mit ihrer Zwillingsschwester Jamila und den zahlreichen anderen Schwestern aufgewachsen. Ehre bedeutet hier: Männer sindschwarz, Frauen weiß. Auf weißer Fläche ist jeder Fleck erkennbar, jede Abweichung von Bescheidenheit, Unterwürfigkeit, Keuschheit. Auf schwarzer Fläche sieht man kein Schmutzkorn. Männer besitzen Ehre, Frauen Scham. Und Ehrenmord ist die Fortführung dieses Prinzips. Es ist ein bombastisches Wort, das die himmelschreiende Ungerechtigkeit zwischen Mann und Frau in diesen Breitengraden schmerzhaft darlegt. Ehrenmord ist für die Aufgeklärten aber auch ein Grund, pauschal auf jene zu blicken, die in ihren Augen in einer rückständigen Gesellschaft leben. Es ist alles freilich viel komplexer. Mit ihrem neuen Roman „Ehre“ zeigt die türkische Autorin Elif Shafak, wie viel Emotion, Familie, Erwartung, Enttäuschung, Liebe, Leben und Tod dieses Wort stützen.

Männer haben Ehre, Frauen Scham

Sie verwebt das Leben mehrerer Generationen der Familie Toprak miteinander. Als Erzählerin hat Shafak das Mädchen Esma auserwählt, die mit ihren Eltern und zwei Brüdern eine Balance zu finden sucht zwischen türkischer Tradition und britischer Lebenswelt. Ihr Vater Adem hängt nur lose an der Familie. Am Euphrathatte er sich in Pembes Zwillingsschwester Jamile verliebt; sie aber war für ihn unerreichbar – auch ihre Ehre war nach Ansicht der Dorfältesten beschmutzt. Pembe ist für Adem nur die zweite Wahl, ihre Kinder sind kein Produkt der Liebe, wie Iskender später feststellen wird. Pembe stolpert jeden Tag in das Leben, Iskender, obwohl so jung, nimmt die Position des fehlenden Familienvaters ein, während sich sein kleiner Bruder Yunus in einem von Antikapitalisten besetzten Haus einnistet und sich in eine Punkerin verliebt. In einem unerwarteten Moment passiert das auch seiner Mutter: Elias begegnet ihr in einer Bäckerei. Ihre Gespräche, ihre Treffen im Kino sind so einfühlsam wie unschuldig, eine Teenager-Romanze mit erwachsenen Darstellern. Auch Adem verliebt sich in eine Frau. Als Mann trägt er aber die Farbe Schwarz.

Mit „Ehre“ hat Shafak ein Buch geschrieben, das sich mit dem Euphrat vergleichen lässt: eine Geschichte wie ein strömender Fluss, dessen Mündung bekannt ist. Shafaks Sprache ist ausdrucksstark und makellos. Mit „Ehre“ greift sie erneut ein Thema auf, das gerne am Rande der öffentlichen Debatte gehalten wird. Ein Buch wie Balsam. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.02.2014)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.