Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Schnellauswahl

Explosives Burg-Ensemble: "Auf d'Nacht, Herr Direktor!"

Claus Peymann
Claus PeymannDie Presse
  • Drucken

Aufstände von Burg-Schauspielern gab es schon oft, vor allem in der Ära Claus Peymann, aber auch davor. Mimen „sägten“ Direktoren ab und lancierten neue oder weigerten sich, in neuen Stücken aufzutreten.

Der Krieg ist verloren, die Burg ruiniert!“, sagte Publikumsliebling Fritz Muliar (1919–2009) im Mai 1994 in der „Presse“. Sein Lieblingsfeind war Claus Peymann, 1986 bis 1999 Burgtheater-Direktor. Die österreichischen Schauspieler fühlten sich von den deutschen verdrängt. Kritiker Hans Weigel sprach gar von einem „Österreicher-Pogrom“ am Burgtheater. Im legendären „Zeit“-Interview hatte Peymann 1988 kräftig Öl ins Feuer gegossen. Er schlug vor, das Burgtheater von Christo einpacken und abreißen zu lassen, Schauspieler bezeichnete er als dumm. Der Bruch zwischen Ensemble und Direktor war nicht mehr zu kitten. Es gab ständig Scharmützel. Ensemblevertreter wie Franz Morak, später unter Kanzler Schüssel Kulturstaatssekretär, der Matthias Hartmann zum Burg-Chef ernannte, Karlheinz Hackl und Robert Meyer, heutiger Volksopern-Direktor, kritisierten Schließtage, teure Bühnenbilder, zu viele Gäste.

Thomas Bernhards „Heldenplatz“ löste einen Skandal aus. Doch auch bei Peter Turrinis „Tod und Teufel“ über die Verirrungen eines Priesters 1990 ging es hoch her. Viele Schauspielerinnen lehnten die Hauptrolle einer ehemaligen Supermarktkassierin und Sandlerin ab. Schließlich wurde Tana Schanzara aus Bochum engagiert.


Fehden Peymann/Voss. Peymann stritt nicht nur mit dem „Alt-Ensemble“, er entzweite sich auch mit Gert Voss, zuletzt besonders heftig 2007, als Peymann, bereits längst am Berliner Ensemble Direktor, Voss vorwarf, er sei „sozusagen auf Rente in Wien“. Voss, der am Burgtheater viele Hauptrollen gespielt hat, reagierte zornig: „Sie wissen, dass ich keine Burg-Pension bekomme, auf Ihr Betreiben hin! Weil ich 1996 zu Peter Zadek ans BE gegangen bin“, schrieb Voss in einem offenen Brief an Peymann und verwahrte sich gegen „Lügen eines Maulhelden!“

Krach zwischen Ensemble und Direktor hat im Burgtheater Tradition. In zwei Büchern machte Gerhard Klingenberg, 1971–1976 Burgtheaterdirektor, seinem Frust über verzopfte Zustände am Haus Luft und nahm auch die Schauspieler aufs Korn, die sich gegen das aufkommende Regietheater wehrten. Größen wie Paula Wessely, Käthe Gold oder Ewald Balser wollten in Peter Handkes „Der Ritt über den Bodensee“ nicht auftreten, schrieb Klingenberg, der auch in die fernere Historie zurückblickte.

Burgschauspieler wie Hugo Thimig (1854–1944) „sägten“, so Klingenberg, Direktoren ab und agierten als „Königsmacher“ für neue. Franz Herterich, 1923 bis 1930 Burgchef, erließ eine Dienstordnung, die Schauspielern finanzielle Einbußen brachte. Diese sandten eine Abordnung ins Ministerium. Herterich demissionierte. Um Gagen ging es öfter. Burgschauspielerin Else Wohlgemuth (1881–1972) forderte von Max Paulsen, 1922/23 Kurzzeitdirektor, die Höchstgage, als er diese nicht gewähren wollte, traf Wohlgemuth mit der Bundestheaterverwaltung eine Vereinbarung, die ihr die Höchstgage auf Lebenszeit sicherte. Daraufhin trat Paulsen zurück.

Der berühmte Oskar Werner (1922–1984) hingegen wurde an der Burg schon 1949 fristlos entlassen, weil er sich unerlaubt zu Filmaufnahmen nach London begeben hatte – für die englische Version von „Der Engel mit der Posaune“. Kurz vor Weihnachten 1964 sprach das Burgtheater-Ensemble, an der Spitze der Betriebsratsobmann und Schauspieler Erich Auer, Ernst Haeusserman, Burgchef von 1959 bis 1968, das Misstrauen aus. Der „Spiegel“ berichtete darüber unter dem Titel „Krach im Durchhaus“. Durchhaus deswegen, weil zu viele Gäste beschäftigt wurden, die Ensemblemitglieder aber zu wenig.


Die stets teure Burg. Die Klagen der Mimen über Haeusserman wurden durch einen Rechnungshof-Bericht untermauert: Der Direktor bezahle Regisseure für Inszenierungen, die nur zum Teil verwirklicht wurden, hieß es darin. Ein Heurigenabend Haeussermans für den Regisseur Leopold Lindtberg kostete fast 21.000 Schilling, in den 1960er-Jahren eine stattliche Summe. Auch teuer: die nächtlichen Überstunden für Haeussermans Chauffeur. Kredite für Auslandsreisen wurden um das Siebenfache überzogen. Das Burgtheater kostete damals 26 statt der geplanten 23 Millionen Schilling. Das war, man höre und staune, mehr als der österreichische Staat für seine Botschaften und Gesandtschaften ausgab. Besorgter Nachsatz des RH: Die Direktion habe so gewirtschaftet, „als stünden unerschöpfliche Mittel zur Verfügung“.

Der damalige Unterrichtsminister Theodor Piffl-Perčević (1911–1994) hielt zu Haeusserman, vor allem wegen einer millionenteuren Abstandszahlung, die er im Fall einer Abberufung dem Burgtheater-Direktor hätte geben müssen. Die herrliche Zeit, in der, wie der frühere Ballettdirektor der Staatsoper, Gerhard Brunner, einmal boshaft anmerkte, Budgets für die Bundestheater auf Zetteln vermerkt wurden – Einnahmen, Ausgaben, Differenz, diese zahlte brav der Staat – ging 1999 mit der Ausgliederung zu Ende.

Seither wuchsen die Subventionen zwar, aber nach Ansicht der Theater nicht genug, um Kostensteigerungen abzudecken. 1999 bis 2007 betrug die Subvention für alle Bundestheater (Burg, Staatsoper, Volksoper) 133,6 Mio. Euro. 2008: 138,6 Mio. Euro. 2009: 142 Mio. Euro. 2011: 144,4 Mio. Euro. 2012/13 kam dazu eine Einmalzahlung des Bundes von 4,5 Mio. Euro. Auch in der jetzigen Burg-Krise (Entlassung der Vizedirektorin und früheren Geschäftsführerin, Millionendefizit) sprach das Ensemble dem noch bis 2019 amtierenden Direktor Hartmann das Misstrauen aus. „Künstlerische und kaufmännische Seite arbeiten zusammen. Man kann sich nicht ausreden, man habe voneinander nichts gewusst“, erklärte der Schauspieler Johannes Krisch: „Hartmann macht zu viele Produktionen. Ich kann auch nicht in den Supermarkt gehen und mehr einkaufen, als ich bezahlen kann.“


Trauma Schillertheater.
Er habe noch nie „so eine extreme Situation erlebt, dass wirklich Angst herrscht“, meinte Grandseigneur Peter Matić, der über zwanzig Jahre an den Berliner Staatlichen Schauspielbühnen engagiert war, die 1993 geschlossen wurden, was die Branche schwer verunsicherte. Das dazu gehörige Schillertheater wird heute zeitweise von der Berliner Lindenoper bespielt. Auch Burg-Doyen Michael Heltau, meist eher begütigend unterwegs in Burg-Kontroversen, meldete sich in der Defizitdebatte zu Wort und forderte, alle Zahlen auf den Tisch zu legen. Der Titel eines von Heltaus Soloprogrammen bezeichnete pointiert das Verhältnis zwischen Schauspielern und ihrem Chef. Es hieß: „Auf d'Nacht, Herr Direktor!“

die BURG

1748–1888. Das erste Burgtheater war nächst der Burg, daher der (Kose-)Name bis heute, es stand bis zum Umzug an den Ring am Michaelerplatz. Hofschauspieler hatten einen Sonderstatus, das Burgtheater galt lange als Schauspielertheater, manche sagen, das sei es noch heute.

1945–1955. Das Burgtheater brennt nach einem Bombenangriff ab, das Ronacher wird Ausweichquartier bis zur Wiedereröffnung mit „König Ottokars Glück und Ende“ von Franz Grillparzer.

Sprache. Ein ständiges Thema an der Burg. Das große Haus erfordert Deklamation und Lautstärke. Das Burgtheater-Deutsch ist eine Idee aus der Zeit des Vielvölkerstaates der Monarchie. Wie deutsch darf die Theatersprache sein? Darüber wird bis heute gestritten. Doch der zu Claus Peymanns Zeiten geführte Kulturkampf flackert nur mehr schwach.

Chefs. Peymann brachte Autoren wie Bernhard, Jelinek und Turrini ans Haus. Klaus (jetzt Nikolaus) Bachler lud bildende Künstler wie Schlingensief und Nitsch ein. Achim Benning, 1976–1986 Burgchef, stellte u. a. Dramen Václav Havels vor.

Burg in Zahlen. Das Haupthaus bietet über 1300 Zuschauern Platz, dazu kommen Akademietheater, Kasino, Vestibül. Subvention: 46,3 Mio. Euro. Das Hamburger Schauspielhaus erhält ca. 20 Mio. Euro. Teurer als andere Bühnen sind die österreichischen Bundestheater u. a. wegen des Repertoiresystems (Spielbetrieb täglich, wenige Schließtage).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.02.2014)