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Wiener Kinos: Türkische Filme als Goldgrube

„Recep Ivedik 4“
„Recep Ivedik 4“Stanislav Jenis
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Erfolgreiche Produktionen aus der Türkei sorgen auch in zahlreichen Kinos in Wien seit Jahren für ausverkaufte Säle. Der türkische Kinogänger ist aber aus einem anderen Grund ein ausgesprochen gern gesehener Gast.

Vergangener Freitag, 19 Uhr im Wiener Gasometer. Im Foyer des Hollywood Megaplex gibt es wie so oft kaum ein Durchkommen. Hunderte Gäste stehen in den Schlangen an der Kassa und am Buffet, um sich Karten zu besorgen und mit Popcorn, Nachos und Süßigkeiten für die erste Hauptabendvorstellung eines neuen Blockbusters einzudecken, der in einer halben Stunde im beinahe ausverkauften Saal 1 (534 Plätze) beginnt. Für einen Premierenabend in einem der größten und beliebtesten Kinos in Wien kein ungewöhnliches Bild.

Wäre da nicht der Titel des Streifens: „Recep Ivedik 4“. Ein türkischer Film, der in der Originalfassung mit deutschen Untertiteln gezeigt wird. An einem Wochenende, an dem auch „Monuments Men“ mit George Clooney und Matt Damon in den Hauptrollen, „Stromberg – Der Film“ und Lars von Triers „Nymph()maniac 1“ anlaufen, ist es tatsächlich die dritte Fortsetzung einer türkischen Komödie, die im Vorverkauf für die mit Abstand größte Nachfrage sorgte und daher am Eröffnungstag im Saal 1 läuft. Und das nicht nur in der Hauptabendvorstellung – auch die um 17 Uhr und 21.45 Uhr werden im größten Saal gezeigt und sind so gut wie ausverkauft.


22 Streifen mit 118.000 Besuchern. Dabei ist der Erfolg der neuesten Folge um den liebenswerten, etwas tollpatschigen Macho Recep Ivedik (gespielt von Starkomiker Şahan Gökbakar) keineswegs ein Sonderfall. Seit Jahren locken Filme aus der Türkei zehntausende Besucher an und sorgen für volle Kassen der Kinos und Verleiher. Im Jahr 2012 kamen österreichweit 22 türkische Streifen in Kinos wie etwa das Megaplex im Gasometer und UCI Kinowelt in der Millennium City und erreichten 118.000 Besucher. Zum Vergleich: Die 42 heimischen Filme, die 2012 liefen, hatten 242.000 Gäste. Zahlen, die insofern beeindruckend sind, als diese Filme – obwohl sie immer mit deutschen Untertiteln laufen – de facto ausschließlich von Türken gesehen werden.

„Hier und da – selten genug – verirrt sich auch ein Österreicher in eine türkische Vorstellung, verlässt den Saal aber zumeist nach wenigen Minuten, weil er mit dem Humor oder der Handlung nichts anfangen kann“, sagt Matthias Halmer, Betriebsleiter des Hollywood Megaplex im Gasometer.

Für ihn sind türkische Kinogänger in doppelter Hinsicht dankbare Gäste. Erstens, weil sie treue Stammkunden sind und verlässlich in die meisten türkischen Filme gehen. Und zweitens, weil sie „am Buffet zulangen, als gäbe es kein Morgen“. Bei den Popcorn-, Nachos- und Getränkeverkäufen ist der Pro-Kopf-Umsatz bei türkischen Gästen deutlich höher als bei anderen. Ein bemerkenswertes Phänomen, das für Halmer schwer zu begründen ist. „Vielleicht wollen sie aus ihrem Kinobesuch ein schönen sozialen Abend machen und gönnen sich daher ein paar Extras. Zumal sie meistens mit ihren Familien oder in großen Freundeskreisen kommen. Abgesehen davon sind Türken tendenziell Genießertypen und beim Ausgehen nicht gerade für ihren Geiz bekannt – egal, ob sie in ein Café, ein Restaurant oder ins Kino gehen.“

Eine Einschätzung, die der Türke Murat Özdemir durchaus teilt. Er ist an diesem Abend mit seiner Frau, seinen zwei Töchtern und seinem Bruder gekommen. „Wir gehen in fast jeden türkischen Film, der in Wien anläuft, sind also sicher alle zwei, drei Monate hier“, erzählt der 43-Jährige. „Zumeist kommen wir mit der ganzen Familie. Kinobesuche sind für uns mittlerweile kleine Ausflüge geworden. Oft gehen wir davor oder danach essen und machen uns einen gemütlichen Abend. Geknausert wird an solchen Tagen nicht.“

Auch Sibel Tekin lässt kaum einen türkischen Film aus, der im Gasometer gespielt wird. Heute ist die 24-Jährige mit drei Freundinnen hier. „Es läuft ja nicht jede Woche ein türkischer Film an, daher nutzen wir jede Gelegenheit, um die zu sehen, die es nach Österreich schaffen“, sagt die Studentin. „Natürlich hat es etwas mit der Sehnsucht nach seiner Heimat zu tun. Filme in der eigenen Muttersprache sind ein ganz anderes Erlebnis, als immer nur deutschsprachige oder synchronisierte Hollywoodfilme zu sehen. Der Humor ist einfach ein anderer.“ Auch das Identifikationspotenzial mit türkischen Darstellern sei ungleich höher als bei anderen Schauspielern. „Und“, so Tekin, „Kino hat nun einmal viel mit Identifikation zu tun. Das ist vielleicht sogar das Wichtigste bei einem Film.“



„Hochzeitsverein“ als Hit. Der erfolgreichste türkische Film, der 2013 in den österreichischen Kinos lief, war „Dügün Dernek – Der Hochzeitsverein“. Mehr als 40.000 Besucher haben die Komödie um drei Freunde gesehen, die im Fastenmonat Ramadan unvermittelt eine Hochzeit organisieren müssen. Doppelt so viele wie den zweiten und dritten Teil von Ulrich Seidls „Paradies“-Trilogie, „Glaube“ und „Hoffnung“, die es jeweils auf gut 20.000 Besucher brachten. Und etwa gleich viel wie Andreas Schmieds Komödie „Die Werkstürmer“, die auf 43.000 Besucher kam.

Von den 50 österreichischen Filmen, die 2013 gestartet sind, waren lediglich drei („Alphabet“ mit 114.000, „Bad Fucking“ mit 112.000, „More than Honey“ mit 48.000 Besuchern) erfolgreicher als „Dügün Dernek“. Bemerkenswert angesichts der Tatsache, dass in Österreich rund 260.000 Personen mit türkischem Migrationshintergrund leben. Auf ähnlich hohe Besucherzahlen kamen auch andere türkische Filme wie etwa der zweite (2009) und dritte (2010) Teil der „Recep Ivedik“-Reihe (mit 43.000 bzw. 39.000 Besuchern), der Historienfilm „Fetih 1453“ (2012, 40.000) und der Politthriller „Fünf Minarette in New York“ (2010, 35.000).

Am deutlichsten ist die Liebe der Türken zu eigenen Geschichten am Marktanteil nationaler Filme in der Türkei zu sehen, der seit Jahren bei etwa 50 Prozent liegt, dem mit Abstand höchsten Wert in Europa. In Deutschland beispielsweise betrug der Marktanteil deutscher Filme zuletzt 21 Prozent, in Spanien 16 Prozent und in Italien 30 Prozent. Österreich liegt mit rund fünf Prozent in Europas Schlussfeld.

In Zahlen

2013 waren von den 50 österreichischen Produktionen lediglich drei („Alphabet“ mit 114.000, „Bad Fucking“ mit 112.000 und „More than Honey“ mit 48.000 Besuchern) erfolgreicher als der türkische Film „Dügün Dernek – Der Hochzeitsverein“, der rund 40.000 Besucher (fast ausschließlich Türken) erreichte.

Mehrere Kinos in Wien (Hollywood Megaplex im Gasometer, UCIKinowelt in der Millennium City etc.) haben regelmäßig türkische Filme im Programm.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.02.2014)