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Die Renaissance der Buchhändler

Buchhandlung Leporello
Buchhandlung LeporelloDie Presse
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Während Onlinehändler für Negativschlagzeilen sorgen, blühen kleine, von Buchliebhabern geführte Läden wieder auf. Als soziale Zentren ihrer Grätzel und Orte.

Wie oft hat man sie nicht totgesagt. Und ganz zu Unrecht ist das wohl auch nicht geschehen. Denn Buchhandlungen haben in den vergangenen Jahren reihenweise zugesperrt (oder wurden, nur marginal besser, von seelenlosen Fachmarktketten übernommen). Ganze Landstriche, gar Wiener Bezirke mussten zwischenzeitlich ganz ohne einen richtigen Buchladen auskommen. Onlinehändler und Filialisten, die gerade einmal Bestseller und ein paar Ratgeber im Sortiment haben, die wurden zu den literarischen Versorgern. 15 bis 20 Prozent des Umsatzes sauge der Onlinehandel ab, schätzt der Hauptverband des Buchhandels. Und das Sterben ist nicht vorbei: Den Daten des Fachverbands der Buch- und Medienwirtschaft in der Wirtschaftskammer nach gibt es aktuell 1796 Buchhandlungen in Österreich. Zum Vergleich: 2012 waren es 1894, das entspricht einem Minus von 5,2 Prozent. In Wien sind es aktuell 512 Buchhandlungen, 17 weniger als 2012.


Mit Platten oder Frühstücksei.
Und schon Ende März schließt die Nächste: Der Malota in der Wiedner Hauptstraße sperrt nach 110 Jahren zu. Martin Greiner, der die Buchhandlung vor wenigen Jahren, nachdem er in Pension gegangen war, übernommen hat, hört aus verschiedenen Gründen auf – der Umsatzrückgang, der wohl auch mit der Konkurrenz im Internet zusammenhängt, ist einer davon. Dabei gibt es in Wien eine Reihe von Buchhändlern, die den Konzernen erfolgreich Paroli bieten. Auch gemeinsam. 39 davon haben sich zusammengetan und die Kampagne „Ihr Buch hat ein Gesicht“ gestartet. Eine Aktion, mit der die Händler auf Plakaten, Postern, in sozialen Medien und auf ihren Websites darauf aufmerksam machen wollten, dass sie mehr sind als bloß Händler. Literarische Ratgeber und Begleiter sind sie, Freunde, mitunter Psychologen.

Andere überleben, indem sie mehr sind als bloß Buchhändler. Das Phil nahe des Naschmarktes zum Beispiel ist Café, Möbelgeschäft, Platten- und Buchladen in einem, und das in Wohnzimmeratmosphäre. Lhotzkys Literaturbuffet in der Rotensterngasse im zweiten Bezirk macht es ähnlich. Zwischen Bücherstapeln gibt es Frühstück oder Kaffee, dazu Buchempfehlungen vom Buchhändlerpaar. Andere spezialisieren sich wie Lia Wolf in der Bäckerstraße auf Fotografie, Grafikdesign oder Mode. Oder auf englische Literatur wie Shakespeare & Company, ebenfalls in der Innenstadt, in der Sterngasse. Oder auf die Kombination aus Krimis und Kochbüchern, wie Thrill & Chill in der Mariahilfer Straße 125.

Buchkontor als Grätzelpionier. Eine so klare Strategie hatte Ulla Harms eigentlich nicht, als sie zur Buchhändlerin wurde. Denn das ist schließlich eher zufällig passiert, als sie vor gut fünf Jahren das Gassenlokal am Kriemhildplatz gemietet hat. Die Verlagsvertreterin wollte dort zunächst Büros für ihr Team einrichten. Die Idee, dazu auch einen Buchladen aufzusperren, die kam erst später. Ein, gelinde gesagt, ambitioniertes Unterfangen. Gilt das Nibelungenviertel hinter der Stadthalle mit seinen Jugendstilbauten, viele von Schülern Otto Wagners, und den trotzdem günstigen Mieten heute zwar als aufstrebend. Damals war Harms die einzige Buchhändlerin im ganzen Bezirk, bis auf Libro-Filialen hat im Fünfzehnten niemand mehr Literatur verkauft. Und heute? Heute ist der Buchkontor einer jener Läden, denen es trotz – oder gerade dank – Amazon so richtig gut geht. Besonders seit einem Jahr laufe das Geschäft „sensationell toll“, sagt Harms. Vor rund einem Jahr, als die Berichte um Missstände bei Amazon laut wurden, habe das „viele Leute aufgeweckt“, sagt sie. Und diese seien zu ihr gekommen und „haben gesagt, ,Mir reicht's. Ich bin jetzt dein Kunde‘“, sagt sie, spricht von „extremen Zuwächsen“, Bestellungen selbst aus Vorarlberg. Heuer feiert sie, plant zum fünften Geburtstag im Juni ein fest am Kriemhildplatz, inklusive Auftritt der Familie Lässig, der Band bestehend aus Manuel Rubey, Gerald Votava, Josefstadt-Komponist Kyrre Kvam und Kabarettist Gunkl.


Straßenfest und Kochperformance. Schon den dritten Geburtstag hat Ulla Harms mit hunderten Leuten aus der Nachbarschaft gefeiert, schließlich ist der Buchkontor nicht nur Händler. Harms lädt regelmäßig zu Lesungen oder, gemeinsam mit dem Restaurant Speisekammer, zum Kochbuchzirkel mit Restaurantbesitzer Roman Steger. Der testet jeden Monat Kochbücher, kocht einzelne Gerichte bei einer Kochperformance, und die gibt es dann freilich auch zum Kosten. Und sie veranstaltet Workshops wie Bücherbasteln für Kinder. 35 Veranstaltungen haben Harms und ihr Team voriges Jahr organisiert, das koste zwar viel, aber es mache ihr einfach Freude, und es binde Kunden. Denn der kleine Laden lebt von Stammkunden. Und, trotz des guten Geschäfts, das sie heute macht, „wegreden kann man Onlinehandel und die Filialisierung natürlich nicht“.

So spricht sie von einer Bereinigung bei den Buchhändlern. Bei denen, die vielleicht zu lange dachten, das Geschäft würde weiterlaufen wie immer. „Man muss den Spagat schaffen“, sagt Harms. Zwischen Onlinehandel zu Konditionen wie Großkonzerne und persönlichem Service. „Das Persönliche, das da sein und angreifbar sein“, sagt sie, mache das Besondere aus, das sichert ihr Geschäft. „Wir lieben und beglücken unsere Kunden gern“, sagt sie; sie erinnere die Leute auch, „dass wir es sind, die hier Steuern zahlen, Leute ausbilden, Kinder aus der Schule nebenan hereinlassen, wenn sie auf jemanden warten“. Und die so zum kleinen sozialen Zentrum im Nibelungenviertel wurde.

Die Leporellos als Institution. Das, was Ulla Harms und der Buchkontor im 15. Bezirk seit Kurzem sind, das ist Rotraut Schöberl mit ihren Leporellos seit Jahren. Ratgeberin, Treffpunkt und Veranstaltungsort. Heuer feiert sie 20 Jahre Leporello. Die quirlige Buchhändlerin, dank ihrer wöchentlichen Auftritte im Frühstücksfernsehen von Puls4 heute wohl die bekannteste der Stadt, hat ihr erstes Leporello gemeinsam mit Geschäftspartner Erwin Riedesser 1994 in der Liechtensteinstraße (das haben die Gründer mittlerweile abgegeben, daraus wurde die Buchhandlung Orlando) eröffnet. Schnell wurde daraus ein Treffpunkt für Literaturliebhaber und Literaten, dank ihres guten Kontaktes zur Theaterszene konnte Schöberl ein Leporello im Burgtheater eröffnen, 2009 ist Leporello drei in der Singerstraße hinter dem Stephansdom dazugekommen. Die Leporellos gelten in Wien heute als Institutionen unter den inhabergeführten Buchhandlungen.


„So gut kann kein Algorithmus sein.“ Ob das Geschäft schwieriger geworden sei in den 20 Jahren? „Wir müssen uns nicht neu definieren, nur unsere Stärken betonen“, sagt Schöberl, und das sei „irrsinnig spannend“. Die Stärken, also die Beziehungen. „Die kleinen leisten mindestens das, was die großen können. Wir haben den Finger am Puls, so gut kann kein Algorithmus sein.“ Dazu kommt dann noch Schöberls Leidenschaft, mit der sie Bücher anpreist, schwärmt. Oder Ideen wie der Bücherbote auf einem roten Fahrrad, der Bestellungen bringt. Oder das Roman-Abo. Ein Jahr lang ein Buch pro Monat, zugeschickt im Abo, das Schöberl und ihre Mitarbeiter abgestimmt auf jeden Kunden dann aussuchen. Oder die Tasse Kaffee, die es im Geschäft gibt. Und so, sagt Schöberl, laufe das Leporello heute, dank der Mundpropaganda und ihres großen Netzwerks um die Buchhandlungen, „sehr, sehr gut“.


Der Außenposten der Zivilisation. Birgit Stark hat sich geärgert. Über einen „Presse am Sonntag“-Leitartikel, der zuletzt das Amazon-Problem analysierte und dabei postulierte, nur in der Stadt gebe es Alternativen zu dem Zustell-Kraken, weil sich im ländlichen Raum das Angebot an Buchhandlungen in engen Grenzen halte.

Dass nämlich auch abseits des urbanen Raums nicht nur Nachfrage nach, sondern auch Angebot von serviceorientierten Buchhandlungen gibt, beweist Stark selbst, seit sie vor fast drei Jahren ihr eigenes Geschäft in Gmünd eröffnet hat, im hohen Norden Österreichs, im Waldviertel an der Grenze zu Tschechien.

Der Deutsch- und Englischlehrerin, die während ihres Studiums im Wiener Morawa Buchhandlungsluft geschnuppert hatte, war schon länger ins Auge gestochen, dass es in ihrer Heimat, dem Waldviertel, praktisch kein Angebot für Bücherfreunde gab. „Nicht nur im ganzen Bezirk Gmünd, sondern überhaupt hinter Krems und Horn existierte keine Buchhandlung mehr“, sagt Stark; alles, was es hier gab, waren Papierfachgeschäfte, bei denen man Bücher quasi nebenbei miterwerben konnte.

Dazu kamen die Erfahrung der ausgebildeten Buchhändlerin Elisabeth Altschach und der wirtschaftliche Hintergrund von Starks Mann Reinhard – und die Tatsache, dass in einem Traditionslokal mitten in Gmünd gerade ein Wirtshaus zugesperrt hatte: In viel Eigenarbeit entstand dort die Buchhandlung Stark, die seither als Leuchtturm der Zivilisation Kunden aus dem ganzen oberen Waldviertel anzieht. Ein kleiner Gastrobereich (mit dem unvermeidlichen Sonnentor-Regal) rundet das Bild des gemütlichen Geschäfts ab, das die Grundstruktur des einstigen Wirtshauses beibehalten hat – der Kachelofen im Eck dient inzwischen als Bücherregal, in der ehemaligen Gaststube verstärken monatliche Lesungen den Charakter als kleines Kulturzentrum. „Unsere erste Veranstaltung war eine Lesung von Molekularbiologin Renée Schroeder“, erinnert sich Reinhard Stark. „Wir hatten Angst, dass das zu speziell sei und wir nur eine Handvoll Besucher haben würden – tatsächlich wurde uns der Saal mit 40 Plätzen viel zu klein.“


Es hängt vom Unternehmer ab. Überhaupt scheinen die Starks – entgegen den Erwartungen jener Bekannten, die ihnen im Vorfeld abrieten, in Zeiten wie diesen eine Buchhandlung zu eröffnen – einen Nerv getroffen zu haben. „Das Geschäft läuft besser als wir erwartet hatten“, sagt Stark – offenbar habe man ein Bedürfnis nach etwas gestillt, das dem Waldviertel bisher gefehlt habe. Zu den Kunden zählten nicht nur alteingesessene Gmündner, sondern auch das Wiener Bürgertum, die in der Region Wochenendhäuser unterhalten.

„Eine Buchhandlung steht und fällt mit den handelnden Personen“, resümiert Birgit Stark – und mit deren Einsatz. „Ein Großteil unserer Kunden sind Stammkunden. Dass wir sie und ihre Vorlieben kennen, erlaubt uns, kaum überzählige Bücher bestellen zu müssen“, sagt Buchhändlerin Altschach. Um mit der Konkurrenz Amazon mithalten zu können, haben sich die Starks auch Zusatzangebote ausgedacht: vom eigenen Onlineshop für ihre Kunden über die Hilfe bei Auswahl und Bedienung von (nicht Amazon-exklusiven) E-Book-Readern bis zur Hauszustellung für Stammkunden.

Zurück zu den Wurzeln. Kurz gesagt: Der Buchhandel kann auch im Schatten von Amazon gedeihen, und zwar dort, wo er sich seiner alten Tugenden besinnt – und Lesern mehr bietet, als es ein kühler Algorithmus je können wird.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.02.2014)