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Bankbegräbnis erster Klasse

LEHMAN BROTHERS
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Seit 1934 wurden 3500 insolvente US-Banken in aller Ruhe ohne Verluste für die Sparer abgewickelt. Gegen den Kollaps großer Bankkonzerne gibt es aber auch in den USA kein Rezept.

Am Freitag, dem 31. Jänner, war es so weit: Nachdem die letzten Kunden um 18 Uhr nichts ahnend die sechs Filialen der Syringa Bank verlassen hatten, sperrte das Institut mit Sitz in Boise (US-Gliedstaat Idaho) zu. Für immer.

Beamte der Federal Deposit Insurance Corporation (FDIC, die US-Bundesbehörde für die Sicherung der Spareinlagen) übernahmen das Kommando, sicherten alle Unterlagen und orchestrierten während des Wochenendes eine Übernahme in Windeseile. Schon am Montag in der Früh öffneten die sechs Filialen ihre Türen wieder: als Zweigstellen der kalifornischen Sunwest Bank. Sie hatte die insolvente Syringa Bank samt allen Verbindlichkeiten, Haftungen und Spareinlagen von der FDIC übernommen. Für die Syringa-Kunden änderte sich nichts; ihre Spareinlagen waren ohnehin bis zum Betrag von 250.000 Dollar (183.000 Euro) von der FDIC gesichert. Die Kosten für dieses Bankbegräbnis samt Wiederauferstehung beliefen sich auf überschaubare 4,5 Millionen Dollar. Den Steuerzahler kostete das keinen Cent: Die FDIC wird aus Versicherungsprämien der Banken finanziert.

Seit der Kongress auf Betreiben von Präsident Franklin D. Roosevelt die FDIC vor 80 Jahren gegründet hat, wurden in den USA 3468 todgeweihte Banken auf diese Weise abgewickelt. Die Einlagensicherung musste im Rahmen dieser Operationen rund 196 Milliarden Dollar als uneinbringliche Forderungen oder wertlose Aktiva in den Wind schreiben. Um die Relation zu verdeutlichen: In 80 Jahren hat die weltgrößte Volkswirtschaft nur zehnmal so viel Geld für das Abwickeln kaputter Banken aufwenden müssen, wie heute die Pleite einer einzigen Landesbank im kleinen Österreich zu kosten droht. Und während in Österreich der Steuerzahler zum Handkuss kommt, um die Scherben des Hypo-Alpe-Adria-Desasters zusammenzukehren, sind Bankpleiten wie jene der Syringa Bank nur eine Randnotiz in den Finanzspalten der amerikanischen Tageszeitungen.

Gewiss: Der Vergleich der Hypo-Pleite mit dem Kollaps einer Kleinbank im Mittleren Westen hat seine Grenzen. Das Kärntner Institut ist viel größer als der Floh aus Idaho und spielt in der viel kleineren österreichischen Volkswirtschaft eine bedeutsamere Rolle als die Syringa Bank in den USA. Zudem werden im großteils genossenschaftlich aufgestellten Bankenland Österreich Unebenheiten in einem lokalen Kreditinstitut diskret innerhalb der Haftungsverbünde von Raiffeisen und Sparkassen begradigt.


Profitable Bankenrettung.
Doch im Großen und Ganzen können die Europäer von der Art und Weise, wie man in den Vereinigten Staaten marode Banken entweder zusperrt oder saniert, eine Menge lernen. Man denke nur daran, wie Spanien in erster Linie deshalb an den Rand des Staatsbankrotts geschlittert ist, weil Politiker sämtlicher Parteien jahrelang die Flurbereinigung im Sparkassenwesen sabotiert hatten. Das Goldene Kalb, das mittels leichtfertiger Baukredite und sonstiger Finanzierungen auf Zuruf die örtliche Machtbasis stärkt, sticht man weder in Klagenfurt noch in Valencia gern ab.

Die USA haben allerdings nicht nur ein seit 1934 gut eingespieltes Verfahren für den routinemäßigen Bankenkrach im Miniaturformat. Die Amerikaner haben auch besser und für den Steuerzahler günstiger auf die jüngste systematische Bankenkrise reagiert.

Keine drei Wochen nach dem Insolvenzantrag der Wall-Street-Großbank Lehman Brothers am 15. September 2008 hatte der Kongress in Washington auf Initiative von Präsident George W. Bush bereits den 169-seitigen Emergency Economic Stabilization Act beschlossen. Das Kernstück dieses wirtschaftlichen Notstandsgesetzes heißt Tarp, mit vollem Namen: Troubled Asset Relief Program. Tarp ist jener Geldtopf, aus dem die US-Regierung bis zu 700 Milliarden Dollar schöpfen konnte, um wackelige Banken über Wasser zu halten. Alle Großbanken von der Wall Street griffen zu, später auch die ramponierten amerikanischen Autohersteller. Und alle Großbanken haben ihre Notkredite samt Zinsen zurückbezahlt.

So gedieh die Bankenrettung für Amerikas Steuerzahler zum Gewinn: Per Ende Jänner wurden (einschließlich der Hilfe für den Versicherungskonzern AIG, die außerhalb von Tarp lief) 435,9 Milliarden Dollar zurückbezahlt. Ausgeschüttet hatte Tarp aber nur 422,6 Milliarden Dollar. Das macht also mehr als 13 Milliarden Dollar Gewinn für Finanzminister Jack Lew.


Macht der Wall Street wächst. Für das schwerste aller Probleme des modernen Finanzwesens haben die Amerikaner allerdings ebenso wenig eine Lösung wie die Europäer. Gegen den abrupten Kollaps eines wirklich großen Bankkonzerns gibt es auch jenseits des Atlantiks kein Rezept. Zwar schreibt der Dodd-Frank-Act aus dem Jahr 2010 vor, dass systemwichtige Banken und sonstige Finanzakteure gleichsam zu Lebzeiten für den Fall ihres Bankrotts ein Konzept verfassen und Kapitalvorsorge betreiben müssen. Doch diese „Bankentestamente“ sind das Papier nicht wert, auf dem sie verfasst werden, kritisiert Simon Johnson, Professor am Massachusetts Institute of Technology, davor Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds. Denn die großen fünf – JP Morgan Chase, Bank of America, Citibank, Wells Fargo und U.S. Bank – bestehen aus jeweils bis zu 2000 Subgesellschaften in verschiedenen Staaten. Ihre Verbindlichkeiten sind oft in komplizierten, für Bankenaufseher kaum überblickbaren Wertpapierkonstruktionen verschachtelt. Sie sind schlichtweg zu groß und komplex, um wie gewöhnliche Firmen (oder kleine Sparkassen in Idaho) pleitegehen zu können.

Johnson mahnt dazu, die Wall-Street-Banken auf ein übersichtliches Maß zurechtzustutzen. Tatsächlich geschieht aber das Gegenteil. Die großen fünf sind heute mächtiger denn je. Im Jahr 1990 hielten sie 9,67 Prozent aller amerikanischen Bank-Aktiva. 2013 waren es 44 Prozent: Ergebnis einer Konsolidierungswelle, die sich mit der Krise seit 2008 und den staatlichen Bankenhilfen aus dem Tarp-Fonds beschleunigt hat.

ZAHLEN

1934. Mitten in der Großen Depression nimmt am 1. Jänner 1934 die Federal Deposit Insurance Corporation (FDIC) ihre Arbeit auf. Sie ist seither für die Garantie der Spareinlagen und die Abwicklung insolventer Banken zuständig.

3468. So viele kaputte Banken hat die FDIC in den 80 Jahren seither abgewickelt. Die meisten werden am Freitag nach Ende der Geschäftszeiten geschlossen und am Montag unter neuem Eigentümer wieder eröffnet. Den Steuerzahler kostet das nichts.

489. So viele Bankpleiten gab es in den USA seit dem Beginn des Krisenjahres 2008. Allein im Jahr nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers im September 2008 waren es 154.

9,67. So hoch (in Prozent) war im Jahr 1990 der Anteil der fünf größten US-Banken an allen Aktiva im Land.

44. Das war der entsprechende Prozentanteil der fünf größten Banken im Jahr 2013.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.02.2014)