Volkstheater-Direktor Michael Schottenberg besetzt die Hauptrolle in Bertolt Brechts Stück mit Maria Bill. Er macht daraus ein Nachtstück, das bereits im Aufstieg den Untergang der Nazis zeigt.
Im Volkstheater wird es finster wie im Kino, durch zartes Tuch sieht man schemenhaft Umrisse einer Stadt. Hans Kudlich hat die Drehbühne mit Kulissen voll gestellt, die Hinterhöfe zeigen. Plötzlich aber wird der Vorhang wirklich zur Leinwand. In zackiger Schrift von Filmen der frühen Nachkriegszeit ist zu lesen: „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“. Schon rollt der Vorspann ab. Dahinter sieht man Gestalten in langen Mänteln und mit Hüten herumhuschen. Die Musik von Mischa Krausz vermittelt Stimmung wie in einem Film noir.
Die Atmosphäre passt zu Brechts 1941 geschriebenem Stück, das er in der Schublade behielt. Er hat seine Parabel über die Machtergreifung der Nazis, die von der Weltwirtschaftskrise bis zum Einmarsch von Adolf Hitlers Truppen in Österreich 1938 führt, ins Milieu der Gangster von Chicago versetzt. Wie konnte dieser Verbrecher mit seiner Nazi-Bande aufsteigen? Ganz einfach: von unten und brutal.
Bei der Wiener Premiere von Michael Schottenbergs Inszenierung am Freitag öffnet sich eine Klappe im Boden, Maria Bill entsteigt diesem Rattenloch als aufstrebender Arturo Ui, Und siehe da! Man sieht bereits den fertigen Adolf Hitler mit fettiger Haarsträhne, die er stets aus den Augen wischt, mit dem typischen, hier nur angedeuteten kleinen Oberlippenbart. Ui hat senfbraune Reiterhosen an, er trägt ein enges schwarzes Wams und eine riesige gelbbraune Krawatte, die unten an der Hose wie ein Schwanzende herausbaumelt. Eine Lachnummer.
Der große Diktator. Die androgyne Bill spielt ein Monster in allen Facetten. Sie macht die zitternden Hände eines Parkinson-Kranken nach, als ob bereits der Untergang 1945 in Berlin begonnen hat und Bruno Ganz als Hitler auf der Bühne steht. Zudem aber imitiert sie Charlie Chaplin wie im Film „Der große Diktator“, wenn sie sich immer wieder vergeblich die zu großen Hosen hochzieht. Tatsächlich trägt sie später auch den typischen Hut des Tramps. Wenn dieser Ui spricht, wenn er seine Reden und Gesten trainiert, dann ist er eine Mischung aus Chaplin, Ganz und Hitler. Bill kann das beängstigend gut.
Zu gut. Dieser Adolf Ui hat arge Sprachprobleme, man versteht ihn kaum, weil das Original mit seinem rollenden und seinem süddeutschen Einschlag maßlos zur Karikatur entstellt ist. Was bei Chaplin zur kurzen, unvergleichlichen Lachnummer wird, lässt hier bald ermüden. Zweieinhalb Stunden Hitler-Parodie? Gnade! Es rächt sich, dass die Aufführung mit fast zwei Dutzend Mitwirkenden, die flott auf der Drehbühne die Dreißigerjahre nachspielen, im Grunde eine Ein-Mann-Show bleibt. Die Protagonistin gibt willig vertraute Muster, schneidet Grimassen, hüpft wie ein Gnom zwischen mächtigen Figuren herum, kämpft sich einsam und blöd hoch.
An die Wand. Obwohl er im Text an sich sparsam eingesetzt wird, ist Ui hier dem Gefühl nach omnipräsent. Er stellt sehr gern Leute an die Wand. Bill spielt das Ensemble an die Wand. Das gereicht dem Abend nicht zum Vorteil. So geht fast unter, dass Günter Franzmeier toll als jener Schauspieler ist, der Ui als Redner unterrichtet, dass Rainer Friebs Interpretation von Dogsborough alias Hindenburg fantastisch ist, dass auch Patrick O. Beck als Roma alias Röhm und Inge Maux als Betty Dullfeet alias Dollfuß überzeugen.
„Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch“, warnt der Text am Schluss. In dieser bösen Farce wirkt der große Satz etwas übertrieben.
Hitlers Verbrecherbande
Bertolt Brecht beschäftigte sich bereits 1934, im Jahr nach der Machtergreifung Hitlers, mit dem Stoff von „Arturo Ui“. Er schrieb diese Parabel über den Aufstieg der Nazis im Exil in Finnland 1941 nieder. Sie sind bei ihm lächerliche Gangster. Das Stück wurde erst nach Brechts Tod 1958 uraufgeführt.
Nächste Termine: Am 26. u. 28. Februar sowie am 11., 18., 26. u. 31. März um 19.30 h, am 30. März um 15 h im Volkstheater
("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.02.2014)